Tochter statt Talar: Suspendierter Priester bricht sein Schweigen

"Die Gemeinde war nicht schuld"

VON KARIN PRIGNITZ

Tochter statt Talar - © Oerlinghausen
Tochter statt Talar (© Oerlinghausen)

Oerlinghausen/Leopoldshöhe. Warum? Das haben sich die Menschen in der katholischen Kirchengemeinde St. Michael lange gefragt. Warum hat ihr Priester sie von heute auf morgen verlassen? Ohne ein Wort der Erklärung. "Den Grund habe ich auf dem Arm", sagt Markus Pohl heute. Im Dezember hat seine Tochter Bernadette ihren zweiten Geburtstag gefeiert.

Windeln wechseln, trösten, in strahlende Kinderaugen gucken, das gehörte eigentlich nicht zur Lebensplanung von Markus Pohl. Als Priester hatte er sich mit der Weihe zum zölibatären, enthaltsamen Leben, also einem Leben ohne intime Kontakte zu einer Frau und ohne Kinder verpflichtet. "Wenn der Zölibat gelebt wird, dann ist das ein großartiges Zeichen", betont Markus Pohl. "Ich bin im Wissen um den Zölibat Priester geworden, aber der Mensch ist eben auch mal schwach."

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Vom Priester zum Lehrer
Markus Pohl, der im Jahr 1999 zum Priester geweiht wurde, war vor seiner Berufung in den Pastoralverbund Lippe-West, zu dem neben Oerlinghausen, Leopoldshöhe und Lage gehören, Vikar im Pastoral-Verbund Willebadessen-Peckelsheim. Im Oktober 2010 hat der gebürtige Soester begonnen, an der Universität Paderborn Geschichte für das Lehramt zu studieren. Seit Februar dieses Jahres unterrichtet er an einem Düsseldorfer Gymnasium.

Als klar war, dass seine heutige Frau, eine Apothekerin, schwanger ist, suchte Pohl im Mai 2010 das Gespräch mit dem Erzbischof in Paderborn. Hätte er sich gegen Frau und Kind entschieden, wäre er Priester geblieben. Für ihn aber sei klar gewesen, sagt Pohl, "dass ein Kind seinen Vater braucht, und ein Vater sein Kind".

Die kleine Bernadette ist ein Sonnenschein und liebt ihren Vater. Für Markus Pohl hat festgestanden, dass er sich für Frau und Kind und damit – schweren Herzens - gegen das Priesteramt entscheidet. - © FOTO: KARIN PRIGNITZ
Die kleine Bernadette ist ein Sonnenschein und liebt ihren Vater. Für Markus Pohl hat festgestanden, dass er sich für Frau und Kind und damit – schweren Herzens - gegen das Priesteramt entscheidet. (© FOTO: KARIN PRIGNITZ)

Zu Stillschweigen verpflichtet
Über die Konsequenzen war er sich im Klaren. Pohl wurde suspendiert, ihm wurde mit sofortiger Wirkung die Ausübung priesterlicher Handlungen untersagt. Dennoch habe er die Hoffnung gehabt, dass ihm eine längere Zeit des Abschiednehmens gewährt werde, "die es mir ermöglicht hätte, mit der Gemeinde zu sprechen". Sie erfüllte sich nicht. Stattdessen verpflichtete er sich dazu, die Gemeinde sofort zu verlassen und Stillschweigen zu bewahren. "Mich in ordentlicher Weise zu verabschieden, das war mir leider nicht gegeben."

Jetzt, da er beruflich neu Fuß gefasst hat, "ist es an der Zeit, die Dinge klarzustellen", sagt der 42-Jährige. Obwohl "es vielleicht schon zu spät ist", ist es Pohl dennoch ein Bedürfnis, sich den Menschen, die er so plötzlich alleine gelassen hatte, zu erklären. Im Wissen darum, dass es viele Vorwürfe in den Reihen der Gläubigen gab, will er vor allem eines bereinigen: "Es lag auf gar keinen Fall an der Gemeinde, sondern an mir, weil ich mich nicht an das gehalten habe, was ich bei der Priesterweihe versprochen habe."

Eben weil die Gemeinde den Grund für seinen plötzlichen Weggang nicht kannte, brodelte die Gerüchteküche. Markus Pohl kann das gut nachvollziehen, denn gerade in den Monaten seines Weggangs war immer wieder von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche zu hören und zu lesen. "Deshalb war es der denkbar schlechteste Zeitpunkt."

Nachdem die Vaterschaft bekannt geworden war, "gab es enttäuschte Menschen, die mich nicht mehr gegrüßt und den Kontakt abgebrochen haben", erzählt Markus Pohl. Nach wie vor gebe es aber Gemeindemitglieder, mit denen er Kontakt habe. Sicherlich habe er ein kantiges Profil gehabt, räumt Pohl ein. Ihn auf lateinische Messen und Kreuzreliquien zu reduzieren sei aber auch nicht richtig gewesen. "Ich habe doch so viel mehr gemacht, und was heißt eigentlich zu konservativ?"

Zölibat wirkt Priestermangel nicht entgegen
Gerade in Oerlinghausen habe es eine gute Zusammenarbeit mit der evangelisch-reformierten Kirche gegeben. Pohl ist dennoch überzeugt: "Ökumene kann nicht heißen, dass Unterschiede eingeebnet werden." In Sachen Zölibat glaubt Pohl, dass er dem Priestermangel nicht gerade entgegenwirken wird. "Die Frage ist, wie es in zehn oder zwanzig Jahren aussieht."

Der Wunsch des 42-Jährigen ist es, irgendwann im Fach Religion unterrichten zu können. Ob er die Chance dazu bekommt, ist allerdings mehr als fraglich. Hin und wieder wird er an der Schule, an der er unterrichtet, gefragt: "Sind Sie mal Priester gewesen?" Dann antwortet er, "aber ich trage es nicht wie ein Schild vor mir her".

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