Traditionslokal feiert Jubiläum

Bartholdskrug ist seit 300 Jahren Wirtshaus, Schankhaus, Gaststätte

VON SIBYLLE KEMNA

Auf 300 Jahre Bartholdskrug blicken Christa Traphöner, ihre Mutter Irmgard Neuwöhner und ihr Sohn Heinrich Traphöner (v. l.) zurück. Das alte Haus übt auf Wanderer und Ausflügler eine große Anziehungskraft aus - nicht zuletzt dank der herzlichen Bedienung, der familiären Atmosphäre und der leckeren Kuchen und Brotzeiten. - © FOTO: SIBYLLE KEMNA
Auf 300 Jahre Bartholdskrug blicken Christa Traphöner, ihre Mutter Irmgard Neuwöhner und ihr Sohn Heinrich Traphöner (v. l.) zurück. Das alte Haus übt auf Wanderer und Ausflügler eine große Anziehungskraft aus - nicht zuletzt dank der herzlichen Bedienung, der familiären Atmosphäre und der leckeren Kuchen und Brotzeiten. (© FOTO: SIBYLLE KEMNA)

Oerlinghausen. Hier wechselten Reisende ihre Pferde, mussten Fuhrleute Zoll bezahlen, versuchten Schmuggler über die preußisch-lippische Grenze zu kommen: Der Bartholdskrug steht für spannende Geschichten. In diesem Jahr wird er 300 Jahre alt.

"Im Jahr 1713 ist dem Cord Henrich Groten eine Haus- und Gartenstelle in der Senne beim Jakobskrug angewiesen worden sowie zusätzliches Land. Nach Ablauf der fünf freien Jahre herrscht nun große Armut auf der Stätte", berichtet Amtsmann Hilmer am 20. März 1720 an die Regierung in Detmold. Grote bitte um die Genehmigung, "dass auf der Stätte ein Wirtshaus für hohe und niedere Passagiers eingerichtet werden dürfe", heißt es in einer Akte.

Zuerst war das Fachwerkhaus in der "mageren Senne" also ein Bauernhaus. 1722 erteilte Graf Simon Henrich Adolph zur Lippe dem Bauer Grote die freie, erbliche Kruggerechtigkeit mit dem Recht, Bier zu brauen, Branntwein zu brennen und eine kleine Schäferei von 80 bis 100 Tieren zu betreiben.

Diese Genehmigung war Gold wert, denn die Lage am Hellweg, dem damaligen wichtigsten Handelsweg und am Menkhauser Bach, der die Grenze zwischen Lippe und Preußen markierte, war hervorragend. Man könnte es mit der Errichtung einer Autobahnraststätte in der heutigen Zeit vergleichen – mit dem Unterschied, dass hier alle Vorbeikommenden anhalten mussten. Jeder, ob Fußgänger, Reiter oder Fuhrmann, musste zahlen, denn bald war hier auch die Zollstelle.

Johann Barthold Grote erbte den Krug von seinem Vater und seitdem heißt er "Bartholdskrug". Über sechs Generationen wurde er vom Vater an den Sohn übergeben und hier spielten sich Anfang des 19. Jahrhunderts dramatische Szenen ab, als die Zöllner versuchten, dem Schmuggel Herr zu werden. Denn in Lippe/ Oerlinghausen waren die hergestellten Produkte und Lebensmittel billiger als in Bielefeld, weil für diese der lippische Ausfuhr oder der preußische Einfuhrzoll bezahlt werden musste. So beteiligten sich viele Siedler der "preußischen" und auch der "lippischen Reihe" an dem lukrativen Schmuggel – in der mageren Senne ein guter, aber auch gefährlicher Nebenverdienst.

Im Jahre 1941 verkaufte August Friedrich Grote 90-jährig Haus und Hof an Heinrich Neuwöhner und dessen Frau Irmgard. Sie ist noch heute die Seele des Bartholdskrugs. 1950 wurde umgebaut: Die Deele mit dem großen Deelentor wich der großen Gaststube. "In der hohen Stube haben wir hinter Klappen Lehmmulden entdeckt mit altem muffigen Stroh, da haben sich wohl Schmuggler drin versteckt", berichtet Irmgards Tochter Christa Traphöner.

So manches hat sich bei der Bewirtung verändert. Bis zu 80 Gäste versorgte die Wirtin in den sechziger Jahren Sonntags mit warmem Essen. Seit langem gibt es nur kalte Küche. Aber Irmgard Neuwöhner steht auch mit 93 Jahren noch immer in der Küche – nur nicht mehr jeden Tag. "Wir haben seit sechs Jahren nur noch am Wochenende geöffnet – Mutter musste aus gesundheitlichen Gründen kürzer treten", berichtet Traphöner.

Doch gerade die kalte Küche hat sich als Alleinstellungsmerkmal erwiesen. "Für ein Wurstbrot oder ein Schinkenschnittchen und den leckeren selbst gebackenen Kuchen reisen die Menschen von weit her an", sagt Bastian Brinkmann, der früher hier gearbeitet hat und immer noch gerne zu Gast ist. Im Sommer lockt der Biergarten unter den hohen Bäumen, bei kalter Witterung die gemütliche Stube, die Geschichte verströmt. "Hier gibt es keine Musik und keine elektronischen Kassen – es ist einfach ursprünglich", schwärmt Brinkmann.

Unter der Woche stellen die beiden Frauen die Wurstwaren selbst her – und verkaufen sie nur scheibchenweise am Samstag und Sonntag auf der großen Scheibe Bauernbrot. Dann hilft auch Sohn Heinrich Traphöner (25) beim Bedienen und betont, dass auch die nächste Generation Interesse an der Erhaltung der Traditionsgaststätte mit so viel Geschichte hat.

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