Zoff in der Kirche - 1800 eskalierte ein Streit in Oerlinghausen

Stadtgeschichte: Wie um 1800 ein Streit von zwei Währentruper Frauen während des Gottesdienstes eskalierte und welche drakonischen Strafen folgten

Horst Biere

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Dorfgeschichte. Um 1800 besaß die Oerlinghauser Kirche noch ihren alten Glockenturm. Zeichnung: Emil Zeiss/Repro Horst Biere - © Zeichnung: Emil Zeiss/Repro Horst Biere
Dorfgeschichte. Um 1800 besaß die Oerlinghauser Kirche noch ihren alten Glockenturm. Zeichnung: Emil Zeiss/Repro Horst Biere (© Zeichnung: Emil Zeiss/Repro Horst Biere)
Historisches. Hella Sander (Mitte) recherchierte einen kuriosen Streitfall im Kirchdorf Oerlinghausen. Unterstützt wurde sie in ihrem amüsanten Vortrag von Werner Höltke und ihrer Tochter Christiane Sander. - © Horst Biere
Historisches. Hella Sander (Mitte) recherchierte einen kuriosen Streitfall im Kirchdorf Oerlinghausen. Unterstützt wurde sie in ihrem amüsanten Vortrag von Werner Höltke und ihrer Tochter Christiane Sander. (© Horst Biere)

Oerlinghausen. Es ist wohl eine einzigartige Geschichte, die sich in der Oerlinghauser Kirche abspielte – damals im August 1798. Noch außergewöhnlicher aber waren die Folgen, die der Vorfall nach sich zog. Hella Sander hat in alten Gerichtsakten recherchiert und einen historischen Kirchenskandal entdeckt, über den sie vor großem Publikum im Jägerhaus sprach.

Zwei Frauen gerieten sonntags in der Kirche derartig in Streit, dass der damalige Gemeindepfarrer Carl Ernst Johan Albrecht Neubourg sie aus dem Gottesdienst werfen wollte. Doch er beendete zuerst seine Predigt, zeigte die beiden Unruhestifterinnen aber danach beim „Hohen Consistorium", dem fürstlichen Kirchengericht, in Detmold an.

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Was war geschehen? Anna Catharina Stölting, die auf Huneken Hof in Währentrup lebte, saß sonntags bereits auf ihrem Stammplatz in der Alexanderkirche, als Anna Catrinen Niemann ebenfalls aus Währentrup, hinzukam und den Platz für sich beanspruchte. In damaliger Zeit wurden bevorzugte Kirchenbänke noch gegen das höchste Gebot „vermietet". Und offenbar war die „Niemannsche" der Meinung, dass die „Stöltingsche" auf ihrem Kirchenstuhl saß.

Wortgefechte der beiden Bäuerinnen

Jedenfalls kam es –während Pfarrer Neubourg schon predigte – zu heftigen Wortgefechten der beiden Bäuerinnen, da jede auf dem besagten Platz beharrte. Der Pfarrer unterbrach den Gottesdienst und wies die Unruhestifterinnen zurecht. Doch die beiden gerieten so in Rage, dass sie anfingen, sich gegenseitig aus der Bank zu drängen, zu stoßen und zu schlagen. Die Gottesdienstbesucher amüsierten sich bestens, viele standen auf, um das Geschehen besser verfolgen zu können.

Pfarrer Neubourg erkannte, dass der Gottesdienst aus dem Ruder lief. Als er nochmals die beiden Unruhestifterinnen zur Ordnung rief, kehrte vorerst Ruhe ein, doch Anna Stölting verharrte auf dem Kirchenstuhl, während sich Anna Niemann auf ihren Schoß setzte. Dort blieb sie bis zum Ende des Gottesdienstes.

Aber der Geistliche, der noch recht neu in Oerlinghausen war, sah offenbar seinen guten Ruf und seine Reputation in der Gemeinde so beschädigt, dass er den Kirchenkrawall der fürstlichen Kirchenbehörde anzeigte und um harte Strafmaßnahmen bat. „Der Excess der Niemannschen muss stark bestraft werden, wenn man nicht will, dass die Religion, das einzige Band der Gesellschaft, in Verachtung versinken soll", heißt es in einem Bericht nach Detmold.

Er schlug eine „Leibesstrafe" oder eine „mehrtägige Gefängnisstrafe bei Wasser und Brot" vor. Auch das Anketten am Gehorsamspfahl, eine Art Pranger mitten im Dorf, brachte er ins Spiel. Der Vorgang solle außerdem im „Intelligenzblatt", der damaligen lippischen Zeitung, zur Abschreckung veröffentlicht werden.

Eine Tracht Prügel im Zuchthaus

Auch die „Stöltingsche" verdiene eine Strafe, meinte er, da sie einfach auf der Bank sitzengeblieben sei. Doch da sie den Prediger nicht so sehr beschimpft habe wie ihre Kontrahentin, hielt er eine zwölfstündige Gefängnisstrafe für ausreichend.

Nun nahmen die hoheitlichen Untersuchungen ihren Lauf. Fast zwei Monate dauerten die Anhörungen und die Ermittlungen der Behörden. Am 5. Oktober 1798 ließ seine „Hochfürstliche Durchlaucht" Fürst Leopold I. mitteilen, welche Strafe er im Oerlinghauser Kirchenstreit für angemessen hielt: Die „Niemannsche" wurde zu einer vierzehntägigen Zuchthausstrafe in Detmold verurteilt, die „Stöltingsche" zu einer sechsstündigen Gefängnisstrafe in Oerlinghausen. Das waren sehr harte Strafen für die Rangelei in der Kirche, zumal in den damaligen Haftanstalten schlimme Verhältnisse herrschten.

Anna Catrinen Niemann hatte zu Fuß – in Begleitung von „Amtspedell" König – von Währentrup nach Detmold zur Haft im Zuchthaus zu gehen. 30 Männer und Frauen, die allerdings strikt voneinander getrennt wurden, verbüßten dort hinter Gittern ihre Strafe. Man ging auch mit den Gefangenen nicht gerade zimperlich um. Bei der Aufnahme und bei der Entlassung der Gefangenen gab es die obligatorische Tracht Prügel – für Männer 25 Peitschenhiebe auf den entblößten Rücken, für Frauen 20 Schläge mit dem Ochsenziemer auf das bloße Gesäß. Alle mussten von früh bis spät arbeiten, vor allem Flachs zu Garn spinnen.

Eine relativ milde Strafe erwartete Anna Catharina Stölting, die ins Oerlinghauser Gefängnis kam. Das damalige kleine, verfallene Haftgebäude, das in der Regel für Vagabunden und fremde Bettler vorgesehen war, lag zwischen der Tönsbergstraße und dem Beginn der Hermannstraße – hinter dem heutigen Stadthotel. Sie wurde für sechs Stunden in einen winzigen, feuchten und verkommenen Raum gesperrt, der schlimmer als ein „Schweinekoben" gestunken haben soll.

Pfarrer schwängert eine Tagelöhnerin

Doch der Streit um den Kirchenstuhl war damit nicht beendet. Denn auch in den Gerichtsakten des Jahres 1799 war die Klage der „Stöltingschen" gegen die „Niemannsche" noch verzeichnet. Pfarrer Neubourg allerdings machte sich in der Oerlinghauser Gemeinde zunehmend unbeliebter. Einige Jahre später kamen Gerüchte auf, dass er sich vielen Frauen seiner Gemeinde unsittlich genähert hätte und sich mit der Tagelöhnerin Henriette Henke sogar „fleischlich vermischt" habe.

Als sie vom Pfarrer schwanger wurde, habe er ihr Geld gegeben, um ihr Schweigen über die Vaterschaft zu erkaufen. Doch die Wahrheit kam ans Licht, und der Skandal zog seine Kreise. Fürstin Pauline selbst habe letztlich, da sie sich um Sitte und Anstand sorgte, den Oerlinghauser Pfarrer aus seinem Amt entlassen.

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