Auschwitz-Prozess: Schüler diskutieren die Schuldfrage

Gymnasiasten aus Blomberg und Barntrup sprechen über die anstehende Verhandlung in Detmold

Freya Köhring

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Pro und Contra Nazi-Prozess: Schüler des Leistungskurses am Hermann-Vöchting-Gymnasium in Blomberg sammeln Argumente. Vorn im Bild (im Uhrzeigersinn): Lina Lotterscheid, Robin Schulz, Henry Brand, Max Gumbold und André Fott. - © Bernhard Preuß
Pro und Contra Nazi-Prozess: Schüler des Leistungskurses am Hermann-Vöchting-Gymnasium in Blomberg sammeln Argumente. Vorn im Bild (im Uhrzeigersinn): Lina Lotterscheid, Robin Schulz, Henry Brand, Max Gumbold und André Fott. (© Bernhard Preuß)

Blomberg. 7.45 Uhr am Mittwochmorgen. Trotz der frühen Stunde wirken die 14 Kursteilnehmer wach und konzentriert. In dem großen Raum des Blomberger Gymnasiums scheinen sie etwas verloren. Klar ist: Das wird keine einfache Stunde.

Schüler des Hermann-Vöchting-Gymnasiums Blomberg und des Gymnasiums Barntrup wollen in ihrem gemeinsamen Leistungskurs Geschichte Antworten suchen. Sie diskutieren über den Auschwitz-Prozess, der am 11. Februar in Detmold starten soll. Mit Lehrer Nico Kortemeier sprechen sie über den Sinn einer Verhandlung nach so langer Zeit. Anschließend geben die Schüler Leon Becker und Max Gumbold einen Überblick zu dem Prozess und zum Stand der Diskussion. Der ehemalige SS-Mann Reinhold H. aus Lage muss sich in Detmold vor Gericht wegen Beihilfe zum Massenmord in mindestens 170.000 Fällen verantworten. Sie zitieren Kritiker, die das hohe Alter und den Gesundheitszustand des Mannes ins Feld führen.

Die Mitschüler stellen erste Fragen: "Reicht so ein Prozess für die Opfer eigentlich?" "Kann man einen einzelnen Mann zur Rechenschaft ziehen?" "Wie viel kostet so eine Verhandlung, und stehen die Kosten in Relation zu einer möglicherweise nur symbolischen Verurteilung?" Hätte der Angeklagte damals nicht auch den Gehorsam verweigern können? Der mutmaßliche Täter habe zwar unter Befehlsdruck gestanden, erläutert Max Gumbold dazu, aber andererseits sei er vermutlich freiwillig in die SS eingetreten.

Bevor die Debatte ins Rollen kommt, sollen sich die Schüler Gedanken machen. Texte, die Bezug auf die Fragen nehmen, helfen ihnen dabei. Anschließend bilden die Schüler drei Gruppen - "Kritisch" "Neutral" und "Pro" gegenüber der Verhandlung vor dem Detmolder Landgericht. Wobei der Großteil sich der "Neutral-Gruppe " anschließt. Jeweils drei Schüler sind in der "Pro-" und "Kritisch-Gruppe".

Anschließend startet die Diskussion, und es wird recht schnell deutlich, dass nur wenige eine eindeutige Meinung haben. "Das ist schwierig", sagt Lina Lotterschmid, die sich der der "Neutral-Gruppe" angeschlossen hat. Angeregt legen die übrigen Gruppenangehörigen nacheinander ihre Ansichten dar. "Befehle entbinden nicht von der Schuld", heißt es auf der einen Seite - "wer hat überhaupt Schuld", heißt es von der anderen.

Wirkt diese Schuld vielleicht sogar nach? "Ich empfinde es nicht als meine Schuld und denke nicht, dass es auf die Generationen übertragbar ist", sagt Marike Scheier aus "Pro-Gruppe". Doch das Thema dürfe auch nicht vergessen werden, deshalb seien solche Prozesse sinnvoll, findet Charline Sieling, die sich der neutralen Gruppe angeschlossen hat. Dem schließt sich Markus Ketler an: "Ich finde den Prozess richtig, um zu zeigen, dass es uns wichtig ist, und um zu verhindern, dass es noch einmal vorkommt."

Auch Max Gumbold aus der "Pro-Gruppe" findet, dass einzelne Verbrecher unbedingt verfolgt werden sollten. Trotz einiger Bedenken, die das Alter, den Gesundheitszustand und auch die Kosten des Prozesses betreffen, erachten die meisten Schüler, die zu Wort melden, den Prozess als sinnvoll und richtig.

Am Ende bleiben viele Fragen offen, die möglicherweise während des Prozesses geklärt werden können. Der Leistungskurs will den Prozess in Detmold verfolgen regelmäßig über die Entwicklungen sprechen. Und nach dem Urteilsspruch am Detmolder Landgericht ist eine Runde dazu geplant, wie der Prozess von den Schülern empfunden wurde, was er gebracht oder vielleicht nicht gebracht hat.

Kommentar: Jetzt die Chance nutzen

Der Geschichts-Leistungskurs mit Blomberger und Barntruper Gymnasiasten macht es richtig. Er nutzt die vielleicht letzte Möglichkeit, die Zeit des Nationalsozialismus und der damit verbundenen Schuldfrage an einem konkreten, aktuellen Beispiel greifbar für die Schüler zu machen.

Hier handelt es sich nicht um einen theoretischen Text aus irgendeinem Lehrbuch, der eine Zeit beschreibt, von der sich viele keine Vorstellung mehr machen können. Einige Schüler wurden vielleicht überhäuft mit Fakten und haben Bücher zu NS-Verhandlungen gelesen, dennoch war das weit weg vom Lebensalltag. Mit dem Auschwitz-Prozess bietet sich die Gelegenheit, zu zeigen, dass dieses Stück dunkelster deutscher Vergangenheit keineswegs weit zurückliegt, sondern immer noch unter uns ist - unabhängig davon, ob der Angeklagte schuldig ist oder nicht.

Allein an diesem Verfahren können so viele Fragen diskutiert werden. Sie alle zeigen, wie heikel die Aufarbeitung der NS-Verbrechen immer noch ist, wie viele Meinungen es gibt und wie schwierig es ist, Antworten zu finden. Auch andere Schulen sollten diese Chance nutzen und den Prozess mit ihren Schülern intensiver diskutieren - vielleicht auch unabhängig vom Lehrplan. So viele Zeitzeugen, die die Geschichte lebendig werden lassen könnten, gibt es einfach nicht mehr.

fkoehring@lz.de

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