Hanning will Erklärung abgeben - Zeugenaussagen schockieren

Der 2. Tag im Verfahren am Landgericht Detmold

Silke Buhrmester

- © dpa
Prozess (© dpa)

Detmold. Am zweiten Tag des Auschwitz-Prozesses, in dem sich der 94-jährige Reinhold Hanning wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen verantworten muss, ist das Medieninteresse schon ein stückweit abgeebbt. Der Besucherrang ist hingegen dicht besetzt. Wieder müssen Menschen vor der Tür des IHK-Gebäudes bleiben, weil sie keinen der 60 freien Plätze ergattern konnten.

Die Berichte der drei Holocaust-Überlebenden Leon Schwarzbaum, Justin Sonder und Erna de Vries, die die Zuschauer derweil im Sitzungssaal hören, sind detailliert, bewegend, schockierend.

In der Nacht zum 3. März 1943 hielt der Zug aus Dresden, in dem Justin Sonder saß, auf freier, hell erleuchteter Fläche: „Wir wussten nicht, wo wir waren, hörten nur das Gebrüll: los, los los – alle raus, alles liegenlassen", schildert Justin Sonder seine ersten Eindrücke des Konzentrationslagers. Dort, vor den Toren, hätten die Menschen schon ihre Identität verloren. Fortan waren sie nur noch Nummern, eintätowiert in den Unterarm.

17 Jahre war Sonder, als er in seiner Heimat Chemnitz verhaftet und nach Auschwitz deportiert wurde. Ein SS-Offizier nötigte ihn noch an der Rampe, eine Postkarte an seine Angehörigen zu schreiben: „Er diktierte: Bin gut im Arbeitslager Monowitz angekommen." Etliche Deportierte wurden gezwungen, derartige Karten zu schreiben, um die Familien in der Heimat arglos zu halten – zahllose wurden direkt danach ins Gas geschickt.

Justin Sonder kam ins Lager, in Block 10. Später erfuhr er, dass von seinem Transport 535 Männer und 145 Frauen interniert wurden – 800 bis 1500 wurden direkt ins Gas geschickt. Ein Mithäftling, ebenfalls aus Chemnitz, nahm ihn noch am selben Abend zur Seite: „Er hat gesagt: Wir sind alles Todeskandidaten."

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Zeitzeuge Justin Sonder erinnert sich an das KZ Auschwitz

Copyright: Dirk-Ulrich Brüggemann

Zeitzeuge Leon Schwarzbaum erinnert sich an das KZ Auschwitz

Copyright: Dirk-Ulrich Brüggemann

Der Teenager, der am Ende des Holocaust 17 Selektionen überstanden hatte, wusste fortan: Wer krank oder gebrechlich aussah, wurde in die Krematorien geschickt. Die SS-Leute hätten die geschwächten Häftlinge mit dem schleppenden Gang „Muselmänner" genannt: „Es war römisches Recht: Daumen nach unten bedeutete Tod."

Ob er sich auch an positive Erlebnisse mit SS-Leuten erinnern kann, will die Vorsitzende Richterin Anke Grudda von dem Zeugen wissen. Der zierliche Mann mit dem freundlichen Lächeln schüttelt den Kopf: „Nein, nur sadistische, grausame." Er erzählt, wie das Wachpersonal Häftlinge auf dem Weg zur Arbeit begleitete und aus nichtigen Gründen erschoss – wenn sie versehentlich aus der Reihe ausscherten oder ihre Mütze verloren. Nachts habe er häufig Schüsse gehört – Menschen, die in den Stacheldraht liefen, wurden umgebracht.

Und die SS-Leute hätten sich einen Spaß daraus gemacht, die Häftlinge zu schikanieren, sie die ganze Nacht draußen stehen zu lassen oder zu wecken, um „Sport mit uns zu machen": „Dann sollten wir Häschen hüpfen – aber wir waren doch so müde."

Ein SS-Mann namens Sommer habe ihn zusammengeschlagen, weil er nicht ordentlich gegrüßt habe. Und im April, als es tagelang ununterbrochen regnete, hätten die SS-Männer die Häftlinge, die schon völlig durchnässt von der Arbeit kamen, gezwungen, sich in den großen Pfützen hin und her zu rollen.

Es ist ganz still im Saal, als Justin Sonder von der letzten Hinrichtung erzählt, die er im Oktober 1944 auf dem Appell-Platz in Auschwitz erlebte. Mit deutscher Gründlichkeit sei das Urteil verlesen worden. Ein 16-Jähriger aus Saloniki sollte gehängt werden, weil er während eines Fliegeralarms auf seiner Arbeitsstelle ein Stück Brot entwendet hatte. „Das letzte Wort dieses Jungen, den sie wegen eines Stücks Brot ermordeten, war ein Wort, das in vielen Sprachen gleich ist: Mama."

Die Aussage des heute 90-jährigen Justin Sonder, der 40 Jahre als „Kriminalist" tätig war, treibt vielen Zuschauern die Tränen in die Augen, so unfassbar grausam und menschenverachtend sind die geschilderten Taten.

Reinhold Hanning, dem die Staatsanwaltschaft vorwirft, als Angehöriger des SS-Totenkopfsturmbanns Teil der Tötungsmaschinerie gewesen zu sein, sitzt nur wenige Meter von der Zeugenbank entfernt. Starr blickt er nach vorne, reglos sitzt er auf sdem Stuhl, scheint dem Prozess aber besser folgen zu können als noch am ersten Tag.

Ob er in Hanning denn einen SS-Mann von damals wiedererkennen würde oder ihm sein Name je begegnet sei, fragt Verteidiger Johannes Salmen den ersten Zeugen Leon Schwarzbaum (94). Das muss der Nebenkläger verneinen: „Wir haben den SS-Männern niemals in die Augen geschaut, wir haben immer weggeguckt, weil wir Angst hatten."

Schwarzbaum berichtet von furchtbaren Schreien aus dem Zigeunerlager, als dieses im August 1943 komplett geräumt wurde: „Es war weit weg von dem Quarantänelager, in dem ich untergebracht war, aber wir haben die Schreie dennoch gehört."

Ob es denn möglich gewesen sei, dass die Geschehnisse in Auschwitz dem Wachpersonal verborgen geblieben seien, fragt Oberstaatsanwalt Andreas Brendel. Schwarzbaum blickt kurz zur Anklagebank und sagt dann mit fester Stimme: „Wir konnten das Feuer aus den Schornsteinen, sehen, es war hoch wie die Schornsteine selbst – und der unerträgliche Geruch nach verbrannten Menschen war immer da."

Nach zwei Stunden ist der zweite Prozesstag um. Länger darf aus medizinischer Sicht nicht gegen Reinhold Hanning verhandelt werden. Die drei Holocaust-Überlebenden verlassen Detmold. Und werden sicherlich nochmals zurückkehren. Wenn Hanning, wie von seinem Verteidiger angekündigt, seine Erklärung verlesen wird.

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Fotostrecke: Auschwitz-Prozess

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