Esther Bejarano über Auschwitz-Prozess, Schuld und Erstarken der Rechten

„Er hat sich schuldig gemacht“ - Sie ist die letzte Überlebende des Auschwitz-Mädchenorchesters

Astrid Sewing

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Bad Salzuflen. Ihre Freunde nennen sie Krümel. Die Frau, die Auschwitz überlebt hat, ist kaum 1,50 Meter groß. Ihre Präsenz ist allerdings beeindruckend. Sie, die das KZ überlebt hat, wird nicht müde, vor der rechten Gefahr zu warnen. Esther Bejarano verfolgt auch den Prozess in Detmold um den Angeklagten Reinhold Hanning intensiv.

Frau Bejarano, Sie haben gehört, dass die Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck zum Prozess-Auftakt gekommen ist – was sagen Sie dazu?

Esther Bejarano: Das ist eine Frechheit! Sie weiß genau, dass das stattgefunden hat. Mit ihren Auftritten will sie sich profilieren, deshalb darf man ihr keine Bühne geben. Soll sie ihre Lügen sagen, und dann muss sie dafür zur Rechenschaft gezogen werden.

Die Prozesse, die jetzt gegen die Mittäter geführt werden, sind ein politisches Signal. Ist das nicht zu spät?

Bejarano: Natürlich ist es ein spätes Signal! Nach 1945 hätte man diese Leute vor Gericht stellen müssen. Gerade jetzt müssen sie aber trotzdem belangt werden, denn sie haben eine lange Zeit nach diesen Verbrechen, die sie begangen haben, in Ruhe gelebt. Adenauer hat sogar Nazis in die Regierung gebracht. Es gab keine Entnazifizierung, es ging doch alles nahtlos weiter.

Nicht nur die Täter haben geschwiegen, die Opfer auch. Woran hat das gelegen?

Bejarano: Man wollte das irgendwie vergessen. Mir ging es genauso. Jahrelang konnte ich nicht darüber reden – nicht mit meinem Mann, nicht mit meinen Kindern. Mein Mann wusste, dass ich in Auschwitz war, aber er hat mich nie gefragt, was ich da erlebt habe, weil er mich nicht belasten wollte. Und genau dasselbe wollte ich auch nicht. Ich habe meinen Kindern nie etwas erzählt, sie haben darüber gelesen und es mitbekommen, als ich meine Bücher geschrieben habe.

Information
Zur Person

Esther Bejarano wurde am 15. Dezember 1924 in Saarlouis geboren. Die Deutsch-Jüdin hat Auschwitz überlebt, weil sie im Mädchenorchester gespielt hat. Es fehlte eine Musikerin für das Akkordeon. Bejarano konnte zwar nur Klavier spielen, gab aber an, auch das Akkordeon zu kennen. Das rettete sie. Ihre Eltern wurden in Kowno von den Nazis ermordet. Die Befreiung erlebte sie im KZ Ravensbrück.

Die Gesellschaft steht an einem Scheidepunkt. Die Flüchtlings-Frage spaltet die Nation. Sie haben wegen eines Facebook-Posts Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Es wurde Ihnen unterstellt, Sie hätten mit den Nazis gemeinsame Sache gemacht, als Sie in dem Mädchenorchester in Auschwitz gespielt haben...

Bejarano: Die Diskussion über die Flüchtlinge ist vom Egoismus geprägt. Da werden Parteien hoffähig, die die Stimmung ausnutzen. Natürlich muss man dagegen angehen, wenn gehetzt wird. Mein Verlag hilft mir dabei, allein könnte ich das nicht.

Was hat sich damals abgespielt?

Bejarano: Wir haben in Auschwitz an einem Tor gestanden, wo die Außenarbeiter rausgehen mussten zur Arbeit. Das war schlimm, wir haben mit Tränen in den Augen gespielt. Wir konnten aber nicht aufhören, weil hinter uns die SS mit Gewehren gestanden hat. Die hätten uns erschossen.

Sie machen heute immer noch Musik. Wie können Sie das?

Bejarano: Ich bin ausgebildete Koloratursopranistin und habe Opern und Operetten gesungen. Das habe ich nicht in Deutschland gemacht, sondern in Israel. Seit vielen Jahren bin ich auf der Bühne. Ich stehe nicht auf dem Standpunkt wie andere, die Auschwitz erlebt haben, dass man nicht mehr singen, malen oder schreiben kann. Ich finde, gerade da darf man nicht schweigen. Man muss den Menschen sagen, was damals passiert ist, denn so etwas darf nie wieder geschehen. Ich bin froh, dass ich Musik machen kann.

Sie gehen auch in Schulen und reden mit jungen Menschen, die den Krieg nie erlebt haben. Wie gehen Sie mit dem Begriff der Schuld um?

Bejarano: Wenn ich in die Schulen gehe, dann sage ich am Anfang: Ihr seid nicht schuld! Ihr habt nichts damit zu tun, aber ihr macht Euch schuldig, wenn ihr nichts über die Geschichte wissen wollt. Ihr müsst wissen, was damals geschah, damit so etwas nie wieder geschehen kann.

Wie hat sich die Einstellung zu diesem düsteren Kapitel in der Geschichte gewandelt?

Bejarano: Es wurde erst sehr wenig gemacht. Vor 20 Jahren bin ich nicht in die Schulen reingekommen, weil da Direktoren waren, die meinten, dieses Thema sei tabu. Aber seit fünf Jahren ist das ganz anders. Das liegt natürlich an den Lehrern, die wollen, dass die Schüler erfahren, was damals passiert ist.

Erleben Sie persönlich, dass Sie angefeindet werden?

Bejarano: Nein, nur einmal haben wir das in Schweden gehabt. Da gab es eine Morddrohung gegen mich. Ich sollte das Konzert absagen, hat die Polizei gefordert. Ich habe aber gesagt, das kommt überhaupt nicht in Frage. Ich mache weiter, denn das wäre ja ein gefundenes Fressen für die Nazis. Ich habe zur Polizei gesagt, dass sie für meinen Schutz verantwortlich sind. Sie kennen die ganzen Nazis, also sollten sie auch dafür sorgen, dass sie nicht in den Saal kommen.

Verfolgen Sie den Prozess in Detmold?

Bejarano: Ich kenne Erna de Vries, die dort ausgesagt hat. Das hätte ich mir nicht mehr zumuten wollen. Ich habe aber eine Erklärung verfasst, die dort verlesen werden soll. Der Angeklagte Reinhold Hanning hat sich aus meiner Sicht schuldig gemacht. Er hat gesehen, wie die Leute in die Gaskammer gegangen sind, er war dabei. Er hat es befürwortet, und deshalb muss er bestraft werden. Er muss vielleicht nicht in seinem hohen Alter ins Gefängnis, er muss aber verurteilt werden.

Die Fragen stellte LZ-Redakteurin Astrid Sewing.

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