Das sagten die Zeitzeugen im Lüneburger Auschwitz-Prozess

Holocaust-Überlebender sagte vor dem Lüneburger Auschwitz-Prozess aus

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Die Auschwitz-Überlebenden Max Eisen (l) und William "Bill" Glied sitzen am 23.04.2015 im Gerichtssaal in Lüneburg (Niedersachsen). - © dpa
Die Auschwitz-Überlebenden Max Eisen (l) und William "Bill" Glied sitzen am 23.04.2015 im Gerichtssaal in Lüneburg (Niedersachsen). (© dpa)

Lüneburg (dpa). Im Lüneburger Auschwitz-Prozess hat ein Überlebender in erschütternden Details die Verschleppung seiner Familie in den Tod geschildert. Der aus Kanada angereiste Nebenkläger Max Eisen (86) sagte als Zeuge am Donnerstag aus, wie bereits auf dem Bahntransport von Ungarn in das Vernichtungslager Menschen starben. «Werden wir unsere Familien heute wiedersehen?», hätten sein Vater und sein Onkel kurz nach der Trennung an der Rampe in Auschwitz gefragt. «Eure Familien sind durch den Schornstein gegangen», hätten Häftlinge ihnen geantwortet. «Mein Vater und mein Onkel verstanden.» Seine Mutter, seine kleine Schwester und seine beiden Brüder hat Eisen nie wieder gesehen - ebenso seine Tante und die Großeltern.

Während eines Arbeitseinsatzes seien Vater und Onkel später zur Vergasung selektiert worden. «Ich konnte mich von ihnen verabschieden - zwei Sekunden lang», berichtet Eisen, der damals 15 war. Sein Vater habe ihn gesegnet und gesagt: «Wenn Du überlebst, wirst Du der Welt erzählen, was passiert ist.» Eisen erinnert sich: «Ich wusste, das ist das Ende meiner Familie.» Nach einem überstandenen Todesmarsch wurde er im Mai 1945 befreit.

Der in Lüneburg angeklagte frühere SS-Mann Oskar Gröning hatte zuvor erklärt, ihm sei klar gewesen, dass wohl kaum ein Jude lebend aus dem Konzentrationslager herauskommen würde. «Ich konnte mir das nicht vorstellen.» Bei den Schilderungen Eisens zeigte der entkräftet wirkende Angeklagte keine große Regung.

Gröning wird Beihilfe zum Mord in mindestens 300 000 Fällen vorgeworfen. Zu Prozessbeginn hatte er sich zu seiner moralischen Mitschuld bekannt. Der 93-Jährige gestand, im KZ geholfen zu haben, Geld der Häftlinge einzusammeln und an die SS weiterzuleiten. Die Anklage wirft ihm vor, dem NS-Regime so wirtschaftliche Vorteile verschafft und das systematische Töten unterstützt zu haben.

Ein weiterer Auschwitz-Überlebender, William Glied, sagte am Donnerstag, für ihn sei es nicht wichtig, ob Gröning ins Gefängnis komme. Die Welt müsse aber wissen, was passiert sei, denn noch immer gebe es viele Holocaust-Leugner.

Zitate von Irene Weiss aus dem Lüneburger Prozess

"Wenn wir nachts draußen arbeiteten, sahen wir das Feuer der Schornsteine und die Schreie und Gebete waren so laut, dass ich mir die Ohren zuhielt."

"Wir wussten noch immer nicht, wo wir waren. Wir fragten die anderen Gefangenen. "Wann sehen wir unsere Familien?" Eine Frau zeigte auf den Schornstein und sagte: "Siehst Du den Rauch? Da ist Deine Familie.""

"Wenn er heute hier säße in seiner SS-Uniform, würde ich zittern und der ganze Horror, den ich als 13-Jährige erlebt habe, kehrte zurück."

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Die nach dem Krieg geborene Judith Kalman berichtete, wie der Holocaust auch ihr Leben geprägt hat. Die in Kanada lebende 61-jährige Autorin kam in dem Verfahren als erste nach dem Völkermord geborene Nebenklägerin zu Wort. Allein ihr Vater habe 84 Verwandte durch den Holocaust verloren, sagte Kalman. Sie verdanke ihr Leben letztlich dem Tod ihrer Halbschwester Eva, weil ihr Vater nach dem Tod seiner Familie in Auschwitz eine neue Familie gegründet habe.

Auch Kalmans Mutter war eine Überlebende des Lagers. "Die Auslöschung der Familien meiner Eltern und insbesondere der Tod der Kinder haben mich ab dem Moment meiner Zeugung geprägt", erklärte sie. Kalman sprach vom "Schuldgefühl der zweiten Generation", "über die geerbte Schuld, überlebt zu haben."

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