Auschwitz geht unter die Haut

Der Sozialpädagoge Ekkehardt Loch schildert, wie er den Besuch der Gedenkstätte erlebt hat

Marianne Schwarzer

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War vor Ort: 
Ekkehardt Loch. - © Schwarzer
War vor Ort: 
Ekkehardt Loch. (© Schwarzer)

Kreis Lippe. „Sightseeing in Ausschwitz – das geht nicht“, sagt Ekkehardt Loch. „Wer meint, es ist damit getan, einfach mal für einen Vormittag das Lager zu besuchen und dann weiter zu machen mit dem Tourismusprogramm, der liegt völlig daneben.“ Schon acht Mal hat der Sozialpädagoge, beim Kreis Lippe unter anderem Referent für politische Bildung und Jugendschutz, diese Stätte des unvorstellbaren Grauens besucht. Loch macht sich dafür stark, dass möglichst viele Jugendliche sich dem stellen.

Vor sieben Jahren ist er zum ersten Mal durch das Tor mit dem zynischen Schriftzug „Arbeit macht frei“ gegangen. Die gespenstische Atmosphäre hat sich ihm in Herz und Hirn gebrannt. „Es war ein düsterer Novembernachmittag, und es wurde schon fast dunkel. Gerade waren wir noch durch eine ganz normale Wohnsiedlung gegangen, und plötzlich standen wir auf dem Gelände.“ Nebelschwaden waberten zwischen den Backsteinbauten: „Schon die Wahl der Lage ist perfide. Das ist ein Moorgebiet, hier ist es fast immer feucht und ätzend.“ Und es gab kein Entkommen: „Man muss sich das wirklich mal vor Augen halten: Es gab um das Lager selbst eine 30 Kilometer breite innere Sperrzone, es ist kein Wunder, dass es nur so wenige geschafft haben, zu fliehen.“

Auf den ersten Blick könne man die Anlage mit den roten Fassaden fast für idyllisch halten: „Doch je näher man kommt, desto größer wird die Beklemmung. Man sieht die ausgetretenen Stufen, von so vielen Füßen glattgeschliffen. Wir hatten eine Heidenangst vor dem, was uns erwartet.“ „Wir“, das waren 2009 einige Mitglieder der evangelischen Kirchengemeinde Schieder, die sich erst mal selbst ein Bild vor Ort machen wollten, bevor sie Jugendliche aus dem lippischen Südosten damit konfrontierten.

Die kleine Reisegruppe aus Lippe teilte das flaue Gefühl im Magen. „Wir hatten uns ja lange im Vorfeld damit beschäftigt und wussten: Irgendwann werden wir in dem Raum mit den Haaren und Zähnen und den Koffern all derer stehen, die hier ermordet wurden.“ Es sei ein Unterschied, Dokumentationen zu sehen oder tatsächlich an Ort und Stelle zu stehen. Denn erst das mache es so greifbar: „Das ist wirklich passiert.“ „Spätestens, wenn man vor dem Berg mit Kinderschuhen steht, kann man nur noch weinen.“

Ekkehardt Loch findet es wichtig, sich dem auszusetzen – freilich mit der entsprechenden Vorbereitung. Auf jeder Fahrt, die er seither mit Jugendlichen oder Multiplikatoren aus der Jugendarbeit im Kreis Lippe nach Auschwitz unternommen hat, gab es Raum, die Eindrücke zu verarbeiten. „Wir haben unglaublich viel miteinander geredet. Man muss eine Atmosphäre schaffen, in der Emotion Platz hat. Eigentlich könnte man sagen: Auschwitz ist pure Emotion.“

Der häufigste Satz der Teilnehmer lautete: „Das hätte ich nicht geglaubt.“ Umso bedeutsamer sei die Konfrontation, auch mit Zeitzeugen, so lange es noch möglich ist: „Mit einer so greifbaren Geschichte verstehen Menschen vielleicht auch, wie solche Phänomene, die gerade jetzt in unserem Land passieren, eigentlich entstehen. Wir können nicht alle nach Auschwitz fahren. Aber gerade die Jugendarbeit ist der richtige Ort für die Konfrontation mit diesem Thema. Nur so werden wir lernen.“ Was haben die häufigen Besuche dort mit ihm selbst gemacht? „Ich fühle, was für ein Hochgenuss es ist, heute in diesem Land leben zu dürfen.“

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