LKA-Chefermittler sagt beim Auschwitz-Prozess aus

Dirk Ulrich-Brüggemann

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Ermittler: Stefan Willms führt die Gruppe Nationalsozialistische Gewaltverbrechen im Landeskriminalamt Düsseldorf. - © LKA
Ermittler: Stefan Willms führt die Gruppe Nationalsozialistische Gewaltverbrechen im Landeskriminalamt Düsseldorf. (© LKA)

Detmold/Düsseldorf. Für den heutigen vierten Verhandlungstag in einem der letzten großen NS-Prozesse ist auch die Aussage von Stefan Willms vorgesehen, der die Ermittlungsgruppe Nationalsozialistische Gewaltverbrechen beim Landeskriminalamt (LKA) Düsseldorf leitet. Ob es aber heute wirklich zur Aussage des Ersten Kriminalhauptkommissars kommt, ist offen, weil das Schwurgericht des Detmolder Landgerichts zuerst noch Zeugen befragen muss, die eigentlich schon gestern gehört werden sollten.

Da der 94-jährige Angeklagte Reinhold Hanning immer nur zwei Stunden pro Tag laut medizinischem Gutachten verhandlungsfähig ist, kommt es in dem auf zwölf Prozesstage angesetzten Verfahren immer wieder zu Verschiebungen.

Die Ermittlungsgruppe beim LKA arbeitet sehr eng mit Oberstaatsanwalt Andreas Brendel zusammen, der die Zentralstelle für die Bearbeitung von nationalsozialistischen Massenverbrechen in Dortmund leitet. Zudem ist die LKA-Gruppe die einzige Dienststelle in Deutschland, die ausschließlich gegen NS-Verbrecher ermittelt. Brendel und Willms arbeiten eng zusammen, wenn es um den Kampf gegen Verbrechen geht, die mehr als 70 Jahre zurückliegen.

Stefan Willms und seine Kollegen werten nicht nur Archive in ganz Europa aus. Mit modernster Technik dokumentieren sie die Tatorte mit 3-D-Ansichten und Videographie. Mit dem hohen technischen Aufwand können die Ermittler beispielsweise feststellen, ob ein SS-Wachmann auf einem der Bewachungstürme in Auschwitz Sicht- und Hörkontakt bei Selektionen, Erschießungen und bevorstehenden Vergasungen hatte.

Stefan Willms erinnert sich an einen Fall in Italien, bei dem damals 60 Männer ermordet wurden. Einer nach dem anderen wurde von SS-Leuten in einen Keller geführt und erschossen. Nur ein Junge überlebte. Als dieser Willms von dem Verbrechen berichten durfte, nahm er zum Schluss den Polizisten aus Deutschland in den Arm und dankte ihm. „Er habe 60 Jahre auf mich gewartet und sei sehr dankbar, dass ich gekommen bin“, habe er ihm gesagt. „Da merkt man schon, was das den Leuten bedeutet.“

Die beiden Verteidiger von Reinhold Hanning haben bereits am ersten Verhandlungstag vor dem Detmolder Landgericht angekündigt, dass sie der Verwendung der Aussage von Stefan Willms widersprechen werden. Andreas Scharmer und Johannes Salmen erklärten dem Schwurgericht, dass die LKA-Beamten ihren Mandanten seinerzeit unangemeldet besucht hätten. Zudem werfen die Anwälte den Polizisten vor, den Überraschungsmoment ausgenutzt zu haben. Da Reinhold Hanning gerade von einem vierstündigen Arztbesuch zu seiner Wohnung in Lage zurückkehrte, soll er alters- und krankheitsbedingt deren Belehrung nicht richtig verstanden haben.

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