Die Richterin des Auschwitz-Prozesses

Freundlich, aber bestimmt: Anke Grudda geht es in der Verhandlung nicht um Politik, sondern um die individuelle Schuld des angeklagten ehemaligen SS-Wachmannes

Dirk Ulrich-Brüggemann

  • 0
Richterin Anke Grudda, aufgenommen am 11.02.2016 in Detmold (Nordrhein-Westfalen). Einem 94-Jährigen Auschwitz-Wachmann wird Beihilfe zum Mord in mindestens 170 000 Fällen vorgeworfen. Der Prozess vor dem Landgericht Detmold findet in den Räumen der Industrie und Handelskammer IHK statt. - © dpa
Richterin Anke Grudda, aufgenommen am 11.02.2016 in Detmold (Nordrhein-Westfalen). Einem 94-Jährigen Auschwitz-Wachmann wird Beihilfe zum Mord in mindestens 170 000 Fällen vorgeworfen. Der Prozess vor dem Landgericht Detmold findet in den Räumen der Industrie und Handelskammer IHK statt. (© dpa)

Detmold. Die Gerichtsverhandlung gegen den ehemaligen SS-Wachmann Reinhold Hanning aus Lage ist einer der letzten großen NS-Prozesse der Nachkriegszeit, die noch geführt werden können. Der 94-jährige Angeklagte wird der Beihilfe des Mordes an mindestens 170.000 Menschen im Konzentrationslager Auschwitz beschuldigt.

Für die Vorsitzende Richterin der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Detmold, Anke Grudda, ist dieser Prozess sicher keine leichte Aufgabe. Zahlreiche Medienvertreter aus dem In- und Ausland hatten sich zum ersten Verhandlungstag angesagt. Die 60 Presseplätze waren schnell vergeben und auch die Zuhörer stehen Stunden vor Prozessbeginn Schlange, um einen der ebenfalls 60 freien Plätze zu ergattern.
Die 45 Jahre alte ledige Richterin besticht in den bisherigen Zeugenvernehmungen durch ihre freundliche Wesensart. Gleich am ersten Verhandlungstag machte sie deutlich, dass es in dem Prozess nicht um Politik gehe, sondern um die individuelle Schuld des angeklagten ehemaligen Milchhändlers von Lage. „War der Angeklagte in Auschwitz? Welche Tätigkeiten hat er dort ausgeübt?" Dies Fragen möchte Anke Grudda in dem Verfahren klären.
Sie geht auf die teils ebenfalls über 90 Jahre alten Zeitzeugen offen zu, nimmt ihnen die Nervosität vor den Aussagen. Trotzdem sind ihre Nachfragen bestimmt und zielorientiert. Immer wieder erkundigt sie sich nach den Bewachungssituationen im Konzentrationslager Auschwitz. Und sie fragt die Zeugen, ob sie sich an Reinhold Hanning erinnern können.

Anke Grudda war von Anfang an in diesem Prozess als Beisitzerin vorgesehen. Den Vorsitz hatte sie übernommen, nachdem zwei ursprünglich vorgesehene Richterkollegen vor Verhandlungsbeginn erkrankt waren.

Information
Das Schwungericht

Ein Schwurgericht ist ein erstinstanzlicher Spruchkörper eines Landgerichts, der sich mit Mord und Totschlag und den Versuchen dazu beschäftigt.
Das Schwurgericht ist für Strafsachen gegen Erwachsene zuständig.
Besetzt ist es stets mit drei Berufsrichtern und zwei Schöffen.

 

Schwurgerichtskammer des Landgerichts Detmold im Auschwitz-Prozess - © Bernhard Preuß
Schwurgerichtskammer des Landgerichts Detmold im Auschwitz-Prozess (© Bernhard Preuß)

Grudda, die seit 16 Jahren am Detmolder Landgericht tätig ist, hatte sich überaus freundlich in den ersten drei Prozesstagen immer zu Beginn nach dem Befinden des Angeklagten erkundigt. Am zweiten Verhandlungstag hatte der 94-Jährige ihr sogar persönlich geantwortet.

Am dritten Prozesstag wies Johannes Salmen, einer der beiden Anwälte des ehemaligen SS-Wachmanns, die Vorsitzende harsch in die Schranken. Er wünsche keine persönlichen Fragen nach dem Befinden des Angeklagten und verwies auf eine noch abzugebende Erklärung der Anwälte zu einem noch zu bestimmenden Zeitpunkt. Salmens heftige Reaktion stieß allgemein im Gerichtssaal in den Räumen der Industrie- und Handelskammer zu Detmold auf Befremden.

Anke Grudda, die vor Beginn ihres Jurastudiums eine Ausbildung zur Bankkauffrau absolviert hatte, legte ihr erstes Staatsexamen 1997 in Bielefeld ab. 1990 folgte das zweite Staatsexamen im Oberlandesgerichtsbezirk Hamm.
Sabine Tegethoff-Drabe ist in diesem auf zwölf Verhandlungstage terminierten Prozess beisitzende Richterin. Die 50-Jährige ist verheiratet und hat zwei Kinder. Sie studierte in Passau und Osnabrück und legte ihr erstes Staatsexamen 1990 ab. Das zweite Staatsexamen folgte 1993 im Oberlandesgerichtsbezirk Hamm. Sie ist seit Januar 1994 am Landgericht in Detmold tätig.

Die zweite Beisitzerin der Schwurgerichtskammer ist die 44-jährige Sylvia Suermann. Auch sie ist verheiratet und hat ebenfalls zwei Kinder. Sie legte in Bonn 1997 ihr erstes Staatsexamen ab, das zweite folgte drei Jahre später in Köln. Am Landgericht Detmold ist sie seit 2001 tätig.
Neben den drei Berufsrichtern ist die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Detmold noch mit den beiden Schöffen Gerd Plöger und Patrick Roth besetzt.

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2021
Inhalte von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare