Entmenschlichung durch Aushungern

Silke Buhrmester

„Der sterbende Häftling": Die überlebensgroße Skulptur der französischen Bildhauerin und Holocaust-Überlebenden Françoise Salmon (geb. 1920) in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme zeigt einen bis auf das Skelett abgemagerten Häftling. - © Wikipedia
„Der sterbende Häftling": Die überlebensgroße Skulptur der französischen Bildhauerin und Holocaust-Überlebenden Françoise Salmon (geb. 1920) in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme zeigt einen bis auf das Skelett abgemagerten Häftling. (© Wikipedia)

Detmold. Auch wer in Auschwitz nicht hingerichtet wurde, sollte das Vernichtungslager nicht überleben. Das war nach Überzeugung von Oberstaatsanwalt Andreas Brendel der Willen der SS-Führung und der Lagerleitung.

Brendel hat den ehemaligen SS-Wachmann Reinhold Hanning (94), der sich seit Februar vor dem Detmolder Landgericht verantworten muss, deshalb auch wegen Beihilfe zum Mord durch die Lebensverhältnisse im Lager angeklagt - ein Novum in einem deutschen SS-Prozess: „Bislang standen die Vergasungen, Massenerschießungen und Hinrichtungen eher im Fokus", sagt Brendel. Neuere Entscheidungen des Bundesgerichtshofes zu aktuellen Urteilen bestätigen Brendels Rechtsauffassung. Dabei geht es vor allem um die Vernachlässigung - beispielsweise das „Verhungernlassen" - von Schutzbefohlenen.

Die Aussagen der Zeugen, die bislang im Auschwitz-Prozess vernommen wurden, untermauern dies:

„Wir mussten mit unseren Stiefeln duschen, damit sie uns keiner wegnahm. Wer keine Schuhe hatte, bekam Holzpantoffeln: ein 5x10 cm großes Stück Holz mit einem angehefteten Stück Leinen."

„Wir bekamen Hose, Jacke, Mütze - wir hatten weder Unterwäsche noch Socken, kein Toilettenpapier, keine Zahnbürsten oder etwas anderes, womit man sich pflegen konnte." Max Eisen

„In dem Krankenblock gab es keine Toiletten, keine Latrinen." Erna de Vries

„Wir lagen mit sechs bis sieben Kameraden auf einer Pritsche, das wärmte im Winter." Leon Schwarzbaum

„Es gab nur die nackten Holzregale als Pritschen, keine Matratzen. Keine Decken." Irene Weiss

„Mein Knie war geschwollen, der SS-Lagerarzt Fischer malte mit Jod ein Hakenkreuz aufs Knie, dann wurde ich von Mithäftlingen operiert, ohne Narkose, bekam ein Stück Stoff in den Mund, fünf andere Häftlinge hielten mich fest. Es gab kein Verbandszeug, das geöffnete Knie wurde mit Papier umwickelt wie von einer Klosettpapierrolle." Justin Sonder

„Die Kapos haben bei der Ankunft geschaut, ob jemand Goldzähne oder Kronen im Mund hatte. Die Zähne wurden sofort mit einer Zange gezogen."

Information
Kapos

KZ-Aufseher, die die SS immer wieder aus den Reihen der Gefangenen aussuchte, die ersten Kapos waren Kriminelle aus dem KZ Sachsenhausen. Die Kapos sollten "Ordnung" schaffen und erhielten dafür Vergünstigungen. Viele Kapos drangsalierten ihre Mithäftlinge mit äußerster Brutalität.

„Jeder, der nicht zwei bis drei Tage nach der OP wieder gehen konnte, wurde in die Gaskammer gebracht." Max Eisen

„Als meine Mutter im siebten Monat schwanger war, wurde sie Dr. Mengeles Versuchskaninchen für Sterilisierungsexperimente. Er hat ihr eine ätzende Flüssigkeit in den Gebärmutterhals gespritzt."

„Mengele hat einer Wöchnerin die Brüste zusammengebunden, um zu sehen, wie lange Mutter und Kind überleben würden. Beide starben." Angela Orosz Richt-Bein

„Wir standen stundenlang bis unter die Arme im Wasser und holten das Schilf heraus." Erna de Vries

„Bis zu zehn Stunden am Tag haben wir Senfpflanzen geerntet. Es gab auch noch andere Schwerstarbeit." Max Eisen

„Wir mussten im Kanada-Lager die Kleidung sortieren, auch nachts." Irene Weiss

„Meine Mutter war im fünften Monat, als sie auf dem Feld und im Straßenbau Schwerstarbeit leisten musste." Angela Orosz Richt-Bein

„Die (Juden) sind ja noch zur Arbeit gegangen, selbst wenn sie nicht mehr konnten. Denn wer drei Tage in der Baracke blieb, wurde vom Blockführer in die Gaskammer geführt."
„Wir hatten immer Tragen dabei. Wer im Arbeitseinsatz tot zusammenbrach, wurde von vier Häftlingen darauf geladen und ins Lager zurückgebracht." Jakob Wendel

„Die Wachen haben sich einen Spaß aus unserem Leid gemacht. Wer nicht synchron die Hände an die Hosennaht schlug, wurde zu Tode geprügelt oder erschossen." Benjamin Lesser

„Manchmal gab es Peitschenhiebe zur Bestrafung." Max Eisen

„Wir mussten an toten Häftlingen auf Stühlen vorbeimarschieren, die zur Abschreckung im Hof saßen. Sie hatten versucht zu fliehen." Leon Schwarzbaum

„Nachts weckten uns SS-Männer, wir sollten Sport machen."
„Wenn beim Zählappell die Zahl nicht passte, mussten wir die ganze Nacht draußen stehen. Wir mussten uns zur Belustigung der SS-Männer durch Pfützen rollen. Die Kleidung trocknete nicht mehr richtig." Justin Sonder

„Ständig schwere Arbeit und Prügel. Ständig musste man mit Selektion rechnen. Das war das Schlimmste. Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken, aber man konnte sich nicht verstecken." Max Eisen

„Wer nicht aufhörte zu weinen, wurde totgeschlagen."
„Die Kapos zwangen die Kinder zu sexuellen Handlungen oder liehen sie dafür an andere aus."

„Unser Kapo zwang die Kinder zu Schaukämpfen. Auch zwei Brüder, ein Zwillingspaar, musste so lange kämpfen, bis sie schwer verletzt waren. Zwei Tage später waren beide tot."

„Wer versuchte zu fliehen, der wurde zu Tode geprügelt. Wer auf der Straße liegen blieb, um den kümmerten sich die Hunde." Mordechai Eldar

„Meine Mutter humpelte Zeit ihres Lebens, weil ein SS-Mann ihr Bein kaputt getreten hat."

„Drei Stunden nach meiner Geburt kurz vor Weihnachten musste meine Mutter draußen in der Eiseskälte in Lumpen und ohne Schuhe stundenlang beim Zählappell stehen." Angela Orosz Richt-Bein

„Wenn meine Mutter beim Arbeitseinsatz Tierfutter gefunden hat, wurde das gefeiert, als wäre es Sachertorte."

„Nur weil meine Mutter beim Küchendienst Kartoffelschalen essen konnte, konnte sie die Schwangerschaft austragen." Angela Orosz Richt-Bein

„Ich überlebte mit 300 Kalorien pro Tag, bestehend aus einer Tasse Tee am Morgen, einen Schöpflöffel voll wässriger Suppe am Mittag und einer Tasse Ersatzkaffee und einer dünnen Scheibe Brot mit einem winzigen Stück Margarine am Abend. Bei der Kost magerten wir schnell ab, bekamen Hungerödeme."

„Während der Schinderei des Tages bekamen wir keine Flüssigkeit. Bei der Suppenausgabe rauften Häftlinge um den letzten Tropfen - es war Entmenschlichung durch Aushungern." Max Eisen

Die Zeugen

Max Eisen (86) wurde mit 15 deportiert, erlebte sieben Monate die Hölle von Auschwitz. Seine gesamte Familie überlebte den NS-Terror nicht.

Irene Weiss (85) hat in Auschwitz bis auf ihre drei Jahre ältere Schwester die gesamte Familie verloren. Sie selbst war 13, als sie interniert wurde.

Leon Schwarzbaum (95) aus Berlin verlor 35 Familienmitglieder in Auschwitz. Als 22-Jähriger wurde er 1943 deportiert – seine Eltern wurden am Tag der Ankunft in Auschwitz vergast.

Justin Sonder (90) kam als 17-Jähriger nach Auschwitz, überlebte 17 Selektionen, Mutter und Vater wurden ermordet.

Benjamin Lesser (87) kam als 15-Jähriger nach Auschwitz, später ins KZ Dachau. Drei Geschwister und die Eltern wurden von den Nazis ermordet.

Angela Orosz Richt-Bein (71) „Das Baby von Auschwitz", wurde kurz vor Weihnachten 1944 im KZ geboren. Ihr Vater überlebte Auschwitz nicht.

Mordechai Eldar (86) erlebte die Hölle Auschwitz als 14-Jähriger, später kam er in die KZ Sachsenhausen und Mauthausen.

Erna Vries (92) begleitete als Halbjüdin ihre Mutter freiwillig nach Auschwitz. Dort blieb die damals 19-Jährige zwei Monate. Die Mutter wurde ermordet, sie selbst kam ins Arbeitslager Ravensbrück.

Jakob Wendel (92) war Sturmmann (Gefreiter), zweieinhalb Jahre SS-Wächter in Birkenau, Volksdeutscher.

Kälte, Schwerstarbeit und Hunger

Laut Anklageschrift zählten zu den furchtbaren Lebensverhältnissen im KZ Auschwitz: „das Fehlen ausreichender und vor Kälte und Regen schützender Kleidung, die schlechten Unterbringungsverhältnisse, die unzureichende medizinische Versorgung, die schwere körperliche Arbeit, die hygienischen Verhältnisse und vor allem der Hunger".

„1.300 bis 1.700 kcal pro Tag reichen, um den Grundumsatz eines normalgewichtigen Menschen im Ruhezustand zu befriedigen. Bei leichter Arbeit hält ein Mensch dies sechs Monate durch, bei mittelschwerer vier, bei schwerer maximal drei Monate", sagt Oberstaatsanwalt Andreas Brendel. Dazu sei die schlechte Qualität der zum Teil verunreinigten Nahrung gekommen.

Brendel: „Chronische Unterernährung verursachte im Laufe der Zeit eine Hungerkrankheit, die die weitgehende Zerstörung des Organismus und der Psyche zur Folge hatte und schließlich zum Tode führte."

LZ-Redakteurin Silke Buhrmester fasst den siebten Verhandlungstag im Auschwitz-Prozess zusammen:
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