Publiziertes Höcker-Album gibt Eindrücke von der Todesfabrik Auschwitz

Erst das Töten, dann das Vergnügen

Reinhard Günnewig

Fröhliches Lachen in die Kamera: Junge SS-Helferinnen und Karl-Friedrich Höcker (Mitte) löffeln auf der Terrasse des SS-Ferienheimes in der Nähe von Auschwitz genießerisch Blaubeeren aus einem Schälchen. - © United States Holocaust Memorial Museum
Fröhliches Lachen in die Kamera: Junge SS-Helferinnen und Karl-Friedrich Höcker (Mitte) löffeln auf der Terrasse des SS-Ferienheimes in der Nähe von Auschwitz genießerisch Blaubeeren aus einem Schälchen. (© United States Holocaust Memorial Museum)

Lübbecke. Der Mann, der sich im Dezember 2006 brieflich an das United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) in Washington wendet und ein Fotoalbum aus seinem Besitz anbietet, nennt dafür nur eine Bedingung. Er wolle anonym bleiben.

Die Mitarbeiter bekamen mehr als 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges eine einzigartige Sammlung: 116 Schwarz-Weiß-Fotos aus der Todesfabrik Auschwitz, allesamt aufgenommen zwischen Juni und Dezember 1944.
Gefunden hatte das Album der Amerikaner, ein ehemaliger US-Nachrichtenoffizier, Mitarbeiter des Counter Intelligence Corps (CIC), nach eigenen Angaben Mitte 1945 in einem verlassenen Apartment in Frankfurt.

Ein paar Monate vor seinem Tod wollte der Lieutnant Colonel (Oberstleutnant) die Bilder in sichere Obhut geben und hatte deshalb das USHMM angeschrieben. Dort wurde der Wert der Fotos und ihre singuläre Bedeutung rasch erkannt: Es ist die zweite überhaupt bekannte Bildersammlung aus dem größten nationalsozialistischen KZ.

Es zeigt das „Alltagsleben" der Mörder und ihrer Helfershelfer jenseits der Verbrechen – bei Geselligkeit und Entspannung, in der Freizeit und bei Ausflügen, beim Sonnenbad im Liegestuhl und in fröhlich-lachender Runde. Fast zehn Jahre nach der Übergabe an das USHMM ist das vollständige Album („Auschwitz durch die Linse der SS") jetzt erstmals in einer von internationalen Autoren wissenschaftlich aufbereiteten und kommentierten Ausgabe auf Deutsch erschienen.

Gruppenbild: (v.l.) Josef Kramer (KZ-Kommandant in Auschwitz-Birkenau), KZ-Lagerarzt Josef Mengele, Richard Baer (KZ-Kommandant in Auschwitz), Adjutant Karl Höcker und Walter Schmidetzki (SS-Obersturmführer) - © United States Holocaust Memorial Museum
Gruppenbild: (v.l.) Josef Kramer (KZ-Kommandant in Auschwitz-Birkenau), KZ-Lagerarzt Josef Mengele, Richard Baer (KZ-Kommandant in Auschwitz), Adjutant Karl Höcker und Walter Schmidetzki (SS-Obersturmführer) (© United States Holocaust Memorial Museum)

Bald nach der Überprüfung identifizieren die USHMM-Fachleute auch den (letzten) Eigentümer der 116 Aufnahmen, die mutmaßlich von (unbekannt gebliebenen) Profi- und Amateurfotografen gemacht worden sind.

Sein Name: Karl-Friedrich Höcker, seit Mai 1944 Adjutant des letzten Kommandanten in Auschwitz, Richard Baer. Denn auf den meisten, maximal etwa postkartengroßen Fotos, ist Höcker selbst zu sehen und eine Reihe der Bilder hat der SS-Mann, der in Engershausen (heute Pr. Oldendorf) zur Welt kam, in Lübbecke gewohnt und gearbeitet hat und hier gestorben ist, selbst beschriftet.

„Mein Schäferhund Favorit" heißt es etwa unter einer Fotoreihe, auf der Höcker lachend mit seinem geliebten Vierbeiner zu sehen ist. In aufwendiger Kleinarbeit und mit Hilfe vieler Spezialisten konnten in Washington auch die zahlreichen NS-Größen namentlich bestimmt werden, in deren Kreis und im Gespräch Höcker auf vielen Fotos zu erkennen ist.

Etwa Josef Mengele, der als Lagerarzt in Auschwitz Selektionen vornahm, die Vergasungen der Opfer überwachte und medizinische Experimente mit Häftlingen durchführte. Oder Anton Thumann, Schutzhaftlagerführer in Majdanek, ebenso Franz Hößler, Schutzhaftlagerführer in Auschwitz-Birkenau.

Dutzende SS-Männer, und damit einen großen Teil des verantwortlichen Lagerpersonals in Auschwitz, versammelt eine Aufnahme, die zum Abschied von Kommandant Rudolf Höß, vermutlich am 15. Juli 1944, vor einem Erholungsheim („Solahütte") in der Nähe von Auschwitz entstand. Sie zeigt neben Karl Höcker, Josef Mengele, Josef Kramer, Otto Moll, Leiter der Krematorien in Birkenau, viele SS-Unterführer und Helfer, die maßgeblich an der Ermordung von mehr als 320.000 Juden aus Ungarn mitgewirkt haben. Die Männer lauschen sichtlich vergnügt einem Ziehharmonikaspieler zur Verabschiedung von Rudolf Höß.

Das Foto, so die Herausgeber des Höcker-Albums, „ist die einzig bekannte Gruppenaufnahme der über 70 Hauptbeteiligten" an dem Massenmord im Rahmen der sogenannten „Ungarn-Aktion" mit bis zu 10.000 Opfern täglich.

Information

Das Höcker-Album

  • Das Höcker-Album, Auschwitz durch die Linse der SS, Verlag Philipp von Zabern, Darmstadt 2016, 340 S. 
ISBN: 978-3-8053-4958-1
  • Christophe Busch ist Direktor des Museums und Dokumentationszentrums Holocaust im belgischen Mecheln; Stefan Hördler leitet die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, Nordhausen; der Kulturhistoriker Robert Jan van Pelt ist Professor an der University of Waterloo, Ontario/Kanada.
  • Stefan Hördler stellt das Album demnächst in der ZDF-Talkshow Markus Lanz vor.

Eine weitere Bedeutung des Höcker-Albums über Erkenntnisse des Personalsystems der SS hinaus, liegt nach Meinung der Fachleute in der „einzigartigen Perspektive auf diejenigen, die den Lagerbetrieb organisierten", schreibt Sara J. Bloomfield, Leiterin des United States Holocaust Memorial Museum.

Denn während die Tötungsmaschine auf Hochtouren läuft, vergnügen sich die SS-Schergen und ihre Helferinnen in der Freizeit und am Wochenende.
„Es erstaunt, wie augenscheinlich mühelos sie berufliche und private Belange in Einklang bringen", kommentiert Bloomfield die Aufnahmen.

„Für Höcker und seine Kameraden und Kameradinnen verschwand die für jeden fühlenden und denkenden Menschen widerwärtige Wirklichkeit von Auschwitz", so das Herausgeber-Team Busch, Hördeler und van Pelt. So sind auf keiner Aufnahme KZ-Häftlinge zu erkennen. „Ganz bewusst hielt Höcker nur Erinnerungen an Dinge fest, die er in Auschwitz genossen hat", urteilen Judith Cohen und Rebecca Erbelding, Mitarbeiterinnen des USHMM.

Dafür steht eine Fotoserie von der Solahütte. Da sitzen auf dem Terrassengeländer des Ferienheimes zwölf junge SS-Helferinnen, etwa 20 Jahre alt, und löffeln genießerisch und mit lachendem Blick in die Kamera Blaubeeren aus einem Schälchen.

Die 116 Aufnahmen geben Einblick in eine als verstörend empfundene Parallelwelt, die wohl den Mördern die nötige „psychische Stabilität" (Sybille Steinbacher) verschaffen sollte für ihre unvorstellbaren Verbrechen. Aber es bleibe die Frage, wie diese beiden Welten nebeneinander existieren konnten. Sie ist unbeantwortet.

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