Hannings Verteidiger spricht von "politischem Schauprozess"

Andreas Scharmer und Johannes Salmen verlesen ihre Plädoyers

Silke Buhrmester

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Detmold. 15 Minuten Pause nach den Plädoyers der beiden Verteidiger Andreas Scharmer und Johannes Salmen im Detmolder Auschwitz-Prozess: Da hatte so mancher Zuschauer und Nebenkläger-Vertreter wohl kurz die Hoffnung gehegt, doch noch Ausführungen des wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen im Konzentrationslager Auschwitz angeklagten Reinhold Hanning (94) zu hören.

Doch der Lagenser, der wegen seiner Tätigkeit als SS-Wachmann in Auschwitz von Januar 1943 bis Juni 1944 vor Gericht steht, nutzte sein Schlusswort am 19. Prozesstag nicht, um nochmals detailliert über seine Zeit in Auschwitz zu sprechen. Hanning sagte mit zittriger Stimme: „Ich möchte nichts mehr sagen." Dann schwieg er. Die Vorsitzende Richterin Anke Grudda beendete die Sitzung nach zwei Stunden um kurz nach 12 Uhr.

Wenn es nach den Verteidigern Johannes Salmen und Andreas Scharmer geht, müsste es auf Freispruch hinauslaufen. Salmen verwies in seinem Plädoyer darauf, dass Hanning zwar erklärt habe, in Auschwitz als Mitglied zunächst der 5. und dann der 3. Kompanie des SS-Totenkopfsturmbanns Dienst getan zu haben.

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Aber er habe auch gesagt, dass er nie im Inneren des Vernichtungslagers Birkenau gewesen sei, sondern sich sein Dienst lediglich auf die Wachtürme im Inneren des drei Kilometer entfernten Stammlagers Auschwitz I und die Bewachung der Häftlinge bei Arbeitskommandos im Bereich der so genannten großen Postenkette beschränkt habe. Er habe niemals Menschen geschlagen, getötet oder misshandelt. Die Krematorien, in denen die Menschen auch bereits 1943 im großen Stil vergast und dann verbrannt wurden, hätten aber in dem weitläufigen Vernichtungslager Auschwitz II Birkenau gelegen, wo Hanning eigenen Worten zufolge nie gewesen sei.

Während Salmen eine von einigen Nebenklägern und dem Gericht zur Sprache gebrachte Mittäterschaft an dem Massenmord von vorne herein ausschloss, ist aus seiner Sicht auch eine Verurteilung wegen Beihilfe im Fall Hanning juristisch nicht haltbar.

Der Vergleich mit dem Demjanjuk-Fall sei nicht statthaft. John Demjanjuk war angesichts seiner Tätigkeit als SS-Wachmann im Vernichtungslager Sobibor im Mai 2011 wegen Beihilfe zum Mord vom Landgericht München zu einer fünfjährigen Haftstrafe verurteilt woden. Das Novum in der deutschen Rechtssprechung: Dem Gericht hatte die Wachtätigkeit des Angeklagten ausgereicht für ein Urteil, eine individuelle Tat musste Demjanjuk nicht nachgewiesen werden. Jedoch machte Salmen klar, dass aus seiner Sicht das riesige Areal von Auschwitz - mehr als 40 Quadratkilometer - nicht mit dem kleinen, überschaubaren Vernichtungslager Sobibor zu vergleichen sei.

Salmen: "In Sobibor waren gerade einmal 100 bis 150 SS-Wachleute tätig, die die ankommenden Häftlingstransporte bewachten und die Menschen zu den Gaskammern begleiteten." In Auschwitz aber seien tausende SS-Wachleute eingesetzt gewesen, die eben nicht alle an der Rampe Dienst getan hätten. Die unmittelbare Beteiligung Hannings an der Bewachung der Menschen auf dem Weg zum Krematorium oder auf der Rampe habe sein Mandant selbst verneint und sei auch nicht nachweisbar. Darüber hinaus sei das Urteil gegen Demjanjuk auch niemals rechtskräftig geworden. John Demjanjuk starb am 17. März 2012, bevor der Bundesgerichtshof über die Revision entscheiden konnte.

Auch andere jüngere Schuldsprüche gegen Vernichtungslager-Wachmänner wegen Mordbeihilfe seien bislang nicht rechtskräftig, so Salmen weiter. So werde im Fall des 2015 als „Buchhalter von Auschwitz" zu vier Jahren Haft verurteilten Oskar Gröning noch über eine Revision entschieden. Daher habe die höchstrichterliche Rechtsprechung aus dem Jahr 1969 noch immer Gültigkeit: Nach dem Urteil des Bundesgerichtshofs sei nicht jeder, der in das Vernichtungsprogramm des Konzentrationslagers eingegliedert war, für alles verantwortlich zu machen.

Salmen hielt es auch für wahrscheinlich, dass sein Mandant auf Grund der Weitläufigkeit des Auschwitz-Areals über die grausamen, heimtückischen Tötungsvorgänge in Birkenau gar nicht detailliert Bescheid gewusst habe. Er habe lediglich davon gewusst, dass Menschen dort starben, aber nicht über die näheren Umstände der Tötung.

Bei der Urteilsfindung sollte das Gericht zudem berücksichtigen, dass sein Mandant die Wachdienste nicht aus eigenem Antrieb heraus gemacht habe, sondern einer Organisation angehörte, die auf auf staatliches Geheiß in einer Diktatur handelte: "Deshalb verbietet es sich, Herrn Hanning genaus so zu behandeln wie jemanden, der aus freien Stücken eine Straftat begeht", führte Salmen weiter aus. Der junge Hanning, der zu Beginn des Krieges gerade 17 Jahre alt gewesen sei, habe doch aus seiner Sicht gar keine Wahl gehabt.

Er habe sich nicht gegen den "Mainstream " gewandt, habe nicht das Treiben des Systems kritisch hinterfragt, habe nicht die Waffen niedergelegt - aber das könne einem Jugendlichen ohne Berufsausbildung doch nicht zum Vorwurf gemacht werden, sagte Salmen und erinnerte beispeilhaft an die vielen Justiz-Angehörigen, Staatsanwälte und Richter, die während der Nazizeit an Todesurteilen beteiligt waren: "Die hat später keiner wegen Beihilfe zum Mord belangt."

Ebenso wie sein Kollege Andreas Scharmer äußerte Salmen Kritik an einzelnen Plädoyers der Nebenkläger: "Mein Mandant hat eingesehen, dass das, was er getan hat, falsch war. Er hat sich geschämt für sein Verhalten, schämt sich auch heute noch. Das war keine Fata Morgana oder Farce, wie einige Nebenkläger sagten. Diese Einschätzung würdigt die Einlassung meines Mandanten herab, zieht sie ins lächerliche", ärgerte sich Salmen. Hanning habe sich dem Verfahren gestellt, sich bemüht, den Prozess nicht zu behindern, trotz erheblicher gesundheitlicher Probleme : "Jetzt ist er ein gebrochener alter Mann", sagte Salmen und forderte das Gericht auf, eine angemessene Strafe zu finden.

Andreas R. Scharmer übte in seinem Plädoyer Kritik an der Dortmunder Staatsanwaltschaft und den Medien. Er bemängelte die erste Vernehmung des ehemaligen SS-Wachmannes in seiner Heimatstadt Lage durch die Ermittler des Landeskriminalamtes Düsseldorf und die Staatsanwaltschaft. Vieles davon sei früh an die Öffentlichkeit gedrungen, in vielen Medien sei es zu einer Vorverurteilung und Diffamierung seines Mandanten gekommen.

Die Forderung von Oberstaatsanwalt Andreas Brendel nach einer sechsjährigen Haftstrafe konnte Scharmer nicht nachvollziehen. Er habe eher eine ähnliche Forderung wie im Lüneburger Auschwitz-Prozess gegen Oskar Gröning erwartet, sagte der Anwalt. Dort forderte die Anklage dreieinhalb Jahre Haft. „Ich sehe bei Reinhold Hanning eher eine moralische Schuld", ergänzte der Strafverteidiger. Kritik übte er zudem am Plädoyer des Nebenklägers Markus Goldbach.

Goldbach hatte zum Abschluss am 18. Prozesstag einen Schwarz-Weiß-Film gezeigt, den er als persönliche Erklärung seiner Mandantin Eva Kor verstanden wissen wollte. Darin waren Leichenberge, tote abgemagerte Kinder auf dem Seziertisch und andere „kaum zu ertragende Bilder" (Scharmer) zu sehen - "Diese Bilder wurden direkt mit meinem Mandanten in Verbindung gebracht", kritisierte Scharmer. Dabei sei bewusst mit den Emotionen der Prozessbeteiligten gespielt worden.

Dass seinem Mandaten - auf Grund von Versäumnissen der Justiz über viele Jahrzehnte hinweg erst jetzt der Prozess gemacht werde - werte er als „rechtsstaatliche Verfahrenverzögerung". Scharmer stellte die Frage danach, ob jemand für etwas bestraft werden könne, was er 72 Jahre zuvor getan habe - ob dann überhaupt noch die gleiche Person bestraft wurde und sagte, er sehe das Verfahren als "politischen Schauprozess".

Am 20. Prozesstag - am Freitag, 17. Juni - soll um 14 Uhr das Urteil im Landgericht Detmold gesprochen werden.

Ein Video zum jüngsten Prozesstag folgt.

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