Jüdischer Weltkongress: Hanning hat Strafe bekommen, die er verdient

Fünf Jahre Haft für Reinhold Hanning

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Der ehemalige SS-Wachmann Reinhold Hanning (M) sitzt im Landgericht in Detmold zwischen seinen Anwälten Andreas Scharmer (l) und Johannes Salmen in der Anklagebank. - © dpa
Der ehemalige SS-Wachmann Reinhold Hanning (M) sitzt im Landgericht in Detmold zwischen seinen Anwälten Andreas Scharmer (l) und Johannes Salmen in der Anklagebank. (© dpa)

Detmold. Beihilfe zum Mord verjährt nicht. Deshalb ist der frühere Wachmann im Konzentrationslager Auschwitz - Reinhold Hanning - nach 70 Jahren zu einer Haftstrafe von fünf Jahren verurteilt worden.

Das Landgericht Detmold sah es am Freitag als erwiesen an, dass der heute 94 Jahre alte Reinhold Hanning als SS-Unterscharführer zum Funktionieren der Mordmaschinerie in dem Vernichtungslager beigetragen hat. "Sie waren knapp zweieinhalb Jahre in Auschwitz und haben damit den Massenmord befördert", sagte Richterin Anke Grudda in der Urteilsbegründung.

Hanning nahm das Urteil gefasst entgegen. Er hatte im Prozess zugegeben, den Vernichtungscharakter des Lagers gekannt zu haben und um Entschuldigung gebeten. Hanning war Anfang 1942 nach Auschwitz versetzt worden, angeklagt war nur der Zeitraum von Anfang 1943 bis Mitte 1944. Mindestens 1,1 Millionen Menschen kamen während des Zweiten Weltkriegs in dem KZ ums Leben.

"Wir haben nicht geglaubt, dass das Gericht zu einem Freispruch kommt", sagte sein Verteidiger Andreas Scharmer. Die Verteidigung hatte dennoch einen Freispruch beantragt, die Staatsanwaltschaft eine Haftstrafe von sechs Jahren. Beide Seiten ließen offen, ob sie das Urteil anfechten werden.

Auschwitz-Überlebende, die im Prozess als Nebenkläger auftraten, der Jüdische Weltkongress (WJC) und das Wiesenthal-Zentrum in Jerusalem reagierten mit Erleichterung auf das Urteil. "Er hat die Strafe bekommen, die er verdient", sagte WJC-Präsident Ronald S. Lauder in New York. Mehrere Überlebende hatten während des vier Monate andauernden Prozesses von den Gräueltaten in Auschwitz berichtet. Deportierte seien in die Gaskammern geschickt, erschossen oder aufgehängt, Kinder zu brennenden Leichen in Feuergruben geworfen worden.

Hanning ist der zweite ehemalige SS-Angehörige, gegen den in jüngster Zeit ein Urteil wegen Beihilfe zum Mord in Auschwitz erging. Das Landgericht Lüneburg hatte im Juli 2015 den als "Buchhalter von Auschwitz" bezeichneten Oskar Gröning zu vier Jahren Haft verurteilt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, der Bundesgerichtshof muss noch über eine Revision entscheiden. Ob überhaupt ein mehr als 90 Jahre alter Verurteilter ins Gefängnis kommt, muss ein gesundheitliches Gutachten klären.

Richterin Grudda kritisierte in ihrer Urteilsbegründung am Freitag, dass es in Deutschland lange Zeit keine kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus gegeben habe. Lange Zeit wurden Fälle wie Gröning und Hanning nicht verfolgt.

Jüdischer Weltkongress: Hanning hat Strafe bekommen, die er verdient

Der Jüdische Weltkongress hat das Urteil gegen den ehemaligen SS-Mann Reinhold Hanning begrüßt. Hanning sei Teil der "unbarmherzigen Tötungsmaschinerie" gewesen, sagte WJC-Präsident Ronald S. Lauder. Er habe ein spätes, aber faires Verfahren erhalten, das mit einem deutlichen Urteil abschließe. "Ohne die aktive Hilfe von Menschen wie ihm wäre Auschwitz nicht möglich gewesen."

Wird es noch weitere NS-Prozesse geben?

Das Verfahren gegen den 94-jährigen Reinhold Hanning vor dem Landgericht Detmold gilt als einer der letzten großen NS-Prozesse in Deutschland. Ob es DER letzte ist, ist aber fraglich. Mehrere Gerichte sind mit ähnlichen Verfahren befasst, die hochbetagten Angeklagten jedoch erkrankt. Ein Überblick:

NEUBRANDENBURG: Wegen Beihilfe zum Mord in 3681 Fällen soll sich ein ehemaliger SS-Mann aus dem Konzentrationslager Auschwitz vor Gericht verantworten. Das scheiterte im März erneut, weil der 95-Jährige als nicht verhandlungsfähig gilt. Ob ihm noch der Prozess gemacht werden kann, ist unklar. Frühestens im Juli ist mit einem erneuten Beginn des Verfahrens zu rechnen. Die angeschlagene Gesundheit des ehemaligen KZ-Sanitäters bestimmte seit Monaten den Verfahrensverlauf. Die Kammer hatte deswegen 2015 ein Verfahren abgelehnt - das Oberlandesgericht ordnete den Prozess aber an.

KIEL: Eine ehemalige SS-Funkerin muss sich wegen Beihilfe zum Mord an 260 000 Juden in Auschwitz vorerst nicht vor dem Kieler Landgericht verantworten. Die 92-jährige Angeklagte ist derzeit nicht verhandlungsfähig. Noch im Juni soll ein ärztlicher Gutachter sie untersuchen, wie eine Gerichtssprecherin am Freitag sagte. Dabei gehe es grundsätzlich darum, ob sie noch verhandlungsfähig ist. Das entsprechende Gutachten werde Mitte Juli erwartet.

LÜNEBURG: Das Landgericht Lüneburg verurteilte im Juli 2015 den als «Buchhalter von Auschwitz» bezeichneten 94-Jährigen Oskar Gröning zu vier Jahren Haft wegen der Beihilfe zum Mord in 300 000 Fällen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, der Bundesgerichtshof muss noch über eine Revision entscheiden.

WEITERE ERMITTLUNGEN: Die Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg hat weitere ehemalige KZ-Wachleute im Visier. Es gehe um Beihilfe zum Mord in den Lagern Bergen-Belsen, Neuengamme und Stutthof bei Danzig, sagte der Leiter der Ermittlungsbehörde, Jens Rommel. Fortgesetzt werden auch Vorermittlungen zu ehemaligen Auschwitz-Wachmännern. Ein neuerer Fall ging den Angaben zufolge schon zur Anklageerhebung an die Staatsanwaltschaft Frankfurt, Ermittlungen zum KZ Majdanek an die Staatsanwaltschaften in Dortmund, Frankfurt und Stuttgart.

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