Richterin präsentiert bedrückende Zahlen zum Vernichtungslager

Silke Buhrmester

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Die Kammer um die Vorsitzende Richterin Anke Grudda (M) sitzt am 22.04.2016 im Verhandlungssaal in Detmold (Nordrhein-Westfalen). Dem angeklagten 94-Jährigen ehemaligen SS-Wachmann Hanning wird Beihilfe zum Mord in mindestens 170000 Fällen vorgeworfen. Der Prozess vor dem Landgericht Detmold findet in den Räumen der Industrie- und Handelskammer statt. - © dpa
Die Kammer um die Vorsitzende Richterin Anke Grudda (M) sitzt am 22.04.2016 im Verhandlungssaal in Detmold (Nordrhein-Westfalen). Dem angeklagten 94-Jährigen ehemaligen SS-Wachmann Hanning wird Beihilfe zum Mord in mindestens 170000 Fällen vorgeworfen. Der Prozess vor dem Landgericht Detmold findet in den Räumen der Industrie- und Handelskammer statt. (© dpa)

Detmold. Am zwölften Verhandlungstag im Auschwitz-Prozess gegen den ehemaligen SS-Wachmann Reinhold Hanning (94) aus Lage hat am Donnerstag, 28. April, Dr. Imre Lebovits ausgesagt, der 70 seiner 80 engsten Verwandten im Vernichtungslager Auschwitz verloren hat. Im Vorfeld informierte die Vorsitzende Richterin Anke Grudda darüber, dass das Gericht nicht - wie von Verteidiger Johannes Salmen angeregt - zu einem Ortstermin nach Auschwitz reisen werde.

Die dreidimensionale Darstellung des Lagers, Lagerpläne, Fotos und Karten, die der LKA-Ermittler Stefan Willms am elften Prozesstag präsentiert hatte, seien ausreichend, um sich ein Bild von dem Vernichtungslager zu machen, begründete Grudda die Entscheidung.

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25 bedrückende Minuten lang verlas Anke Grudda anschließend Zahlen. Zahlen, die in ihrer Nüchternheit das ganze Grauen des Vernichtungslagers Auschwitz dokumentieren:

  • 8. Februar 1942: 170 arbeitsfähig, 1830 vergast
  • 11. Februar: 179 arbeitsfähig, 1005 vergast;
  • 11. Februar: 168 arbeitsfähig, 832 vergast….

20 Deportationszüge mit der Angabe, aus welchem Ghetto oder Konzentrationslager die Menschen stammten, wie viele bei der Ankunft in Auschwitz zum Arbeitsdienst selektiert und wie viele - die meisten - sofort in die Gaskammern geschickt wurden, schreibt die Chronistin mit. Danach gibt sie auf. Es folgen fünf DINA 4 Seiten mit Listen aus dem Kalendarium von Danuta Czech, die nur einen kleinen Eindruck davon vermitteln, wie viele Menschen von 1942 bis 44 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurden.

Im Gerichtssaal ist es mucksmäuschenstill, der Angeklagte Reinhold Hanning blickt zum Richtertisch, dann wieder nach unten, nimmt einen Schluck Wasser aus dem Plastikbecher vor ihm, schaut hin und wieder auf die Uhr. Scheinbar unberührt hört er, wie die Richterin die Zahlen verliest.

Der 94-jährige Hanning hat sich laut Anklage als SS-Wachmann in Auschwitz der hunderttausendfachen Beihilfe zum Mord schuldig. Um kurz vor halb elf kommt die Richterin zum Ende: "ich glaube, diese Zahlen müssen nicht kommentiert werden, sie sprechen für sich." Schweigen.

Grudda zitiert anschließend aus verschiedenen Kommandantur- und Standortbefehlen, die die personellen und organisatorischen Verflechtungen der drei Lager - des Stammlagers Auschwitz I, des Lagers Auschwiz-Birkenau und des Nebenlagers - deutlich machen. Reinhold Hanning soll, wie berichtet, in der 3. Kompanie tätig gewesen sein, die zunächst in Birkenau, ab Herbst 1943 dann im Stammlager untergebracht war.

Der Alltag der SS-Männer in Auschwitz wurde von oben disziplinarisch geregelt. In weiteren Befehlen, die die Richterin verliest, geht es um die Schulungen und Feste, denen kein SS-Mann unbegründet fern bleiben durfte, um den Verstoß gegen die Verschwiegenheitspflicht, der als "Landesverrat" mit "der härtesten nur denkbaren Strafe" geahndet wurde, oder auch um das Fotografieren von Exekutionen, das strengstens verboten war - so denn nicht die Genehmigung des Leiters der Staatspolizeistelle vorlag. "Grundsätzlich verboten" war es SS-Männern auch, Frauen in der Öffentlichkeit unterzuhaken oder sich einen jungen Mädel unsittlich zu nähern. Nach einer Blausäurevergiftung eines SS-Mannes gab es auch einen Befehl zum Verhalten nach Vergasungen: SS-Männner ohne Gasmaske dürften sich erst nach frühestens fünf Stunden und mit mindestens 15 Metern Abstand der geöffneten Gaskammer nähern: "Das verwendete Gas hat weniger Geruchsstoffe, weshalb es besonders gefährlich ist", heißt es in dem Befehl weiter.

Auch das Verhalten der SS-Wachposten war genaustens festgelegt: Ihre wichtigste Aufgabe sei es, die Häftlinge zu bewachen - ein Abstand von mindestens sechs Metern sei geboten - auch, um, wenn nötig, das Gewehr anlegen und schießen zu können. Das Essen, Trinken, Rauchen, Unterhalten, Hinsetzen oder Anlehnen war den Posten nicht erlaubt, damit sie nicht schläfrig oder abgelenkt wurden; ebensowenig, die Waffe aus der Hand zu legen. Die Waffe zu tragen, sei "ein stolzes Recht" und verpflichte zu einem umsichtigen Umgang, in manchen Fällen aber auch zu einem "kaltblütigen Einsatz".

Die Konzentrationslager waren im Nazijargon "Sammellager für Volksschädlinge". Die SS-Wachmänner hätten die wichtige Aufgabe, "das Vaterland vor dem inneren Feind zu schützen." Sie seien Vorbilder und zeichneten sich durch eine höhere moralische Haltung aus. Wer allerdings die Befehle missachtete, sei nicht würdig, ein SS-Mann zu sein und gehöre selbst ins Konzentrationslager, lautete die offene Drohung.

Der Prozess wird am Freitag, 29. April, mit einer Erklärung des Angeklagten fortgesetzt. Zudem werden zwei Sachverständige über die Wirkung des Giftgases Zyklon B und die Folgen der Lebensumstände auf den menschlichen Organismus Auskunft geben.

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