Holocaust-Opfer Imre Lebovits schildert der LZ seine Erlebnisse

Mit seiner Frau und seinem Anwalt besucht er die LZ-Redaktion und berichtet im Gespräch von seinen Erlebnissen

Silke Buhrmester

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Imre Lebovits (rechts) berichtet im Gespräch mit LZ-Redakteurin Silke Buhrmester von seinen Erfahrungen. Sein Anwalt Dr. Donat Ebert (Mitte) übersetzt aus dem Ungarischen. - © Bernhard Preuss
Imre Lebovits (rechts) berichtet im Gespräch mit LZ-Redakteurin Silke Buhrmester von seinen Erfahrungen. Sein Anwalt Dr. Donat Ebert (Mitte) übersetzt aus dem Ungarischen. (© Bernhard Preuss)

Detmold. Imre Lebovits ist ein agiler Mann mit wachen Augen. Wenn er einmal zu reden beginnt, ist er kaum zu stoppen. Mit seiner Ehefrau Ewa und seinem Anwalt Dr. Donat Ebert ist er zum Besuch in die Redaktion der Lippischen Landes-Zeitung nach Detmold gekommen. Lebovits, der 70 seiner 80 engsten Verwandten im Vernichtungslager Auschwitz verlor, ist aus seiner Heimat Budapest nach Detmold gereist, weil er im SS-Prozess gegen Reinhold Hanning aussagen will. Er spricht nur ungarisch, sein Anwalt übersetzt im LZ-Gespräch. Und muss ihn immer wieder bremsen. Denn der 87-jährige ehemalige Universitäts-Dozent hat viel zu sagen.

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Er hatte Glück: Kurz bevor die Familie und rund 700 weitere Juden aus der Region am 8. Juni 1944 ins Vernichtungslager deportiert wurden, rettete ihm ein ungarischer Hauptmann das Leben. Er selektierte den damals 15-Jährigen zusammen mit vielen anderen jungen Menschen zur Zwangsarbeit in der ungarischen Armee. Dort war er an der Ostfront eingesetzt, baute Straßen und Schutzwälle: "Es war eigentlich erträglich", sagt er. Doch dann rückte im Dezember 1944 die Rote Armee vor. "Wir wurden mit 80 Juden in einen Waggon gesperrt und ins Burgenland transportiert", erinnert sich Lebovits. In einem Außenlager des Konzentrationslagers Mauthausen landet er schließlich - 750 Menschen hätten dort unter schlimmsten Bedingungen gelebt: "Es gab rohe Rüben als Verpflegung, und dann brach Flecktyphus aus."

Die Grausamkeit der Nazis waren dort an der Tagesordnung: „Der Lagerkommandant hat einen Jungen angesprochen, der in meinem Alter war: Er sagte: ,Du bist aber ein hübscher Judenjunge.’ Dann hat er einen Stock genommen und ihn totgeschlagen." Lebovits selbst, der auch an Fleck-Typhus erkrankte, überlebte, weil ihn seine Mithäftlinge versteckten und ihm der Zählappell erspart blieb. Die SS-Männer hätten die Kranken auf dem Appellplatz gezwungen, sich in den Schnee zu legen, „damit das Fieber verschwindet" – ihr Todesurteil. "Von den 750 überlebten gerade einmal 150", erzählt er.

Der 87-Jährige verschweigt nicht, dass die Ungarn willige Helfer der Nazis waren. Als die Deutschen in Ungarn im März 1944 einmarschierten, machte er gerade eine Kürschner-Lehre in Budapest. Sein Lehrbetrieb wurde geschlossen, er kehrte zu seinen Eltern aufs Land zurück. Am 8. Mai hätte seine Familie die Wohnung verlassen und in eine alte Ziegelfabrik ziehen müssen, das fortan als Ghetto diente. Ungarische Fahndungsbeamte hätten die Juden dort gefoltert, um zu erfahren, wo sie Geld und Schmuck versteckt hatten, hätten Hebammen geholt, die nachschauen mussten, ob die Frauen etwas in ihrem Unterleib verbargen.

Dennoch seien die ungarischen Juden arglos gewesen und hätten gedacht, dass ihnen nichts passieren würde. Zum Beweis zitiert er aus einem Brief seiner Mutter an seinen sechs Jahre älteren Bruder, der im Arbeitsdienst war: „Unser Schicksal ist zwar entschieden worden, aber wir müssen nicht weg, wir müssen nur in die Ziegelei ziehen." Was sie nicht wusste: Genau einen Monat später wurde die Familie nach Auschwitz deportiert. „Unser Ortsvorsteher war ein Antisemit. Er hielt am Bahnhof eine Rede und rief: ,Auf Wiedersehen als Dünger’", erzählt Lebovits. Seine Mutter, ihre Geschwister, Nichten und Neffen wurden direkt von der Rampe ins Gas geschickt. Sein Vater wurde zum Arbeitsdienst selektiert. Wie er in Auschwitz umkam, hat Imre Lebovits nie erfahren.

Als Imre Lebovits nach dem Krieg nach Hause zurückkehrte, traf er auch einige wenige KZ-Überlebende. Zwei Schwestern, die zwei Tage lang nackt in der Gaskammer standen, und doch nicht vergast wurden – weil gerade das Rote Kreuz zur Kontrolle kam. Auch ein Mädchen in seinem Alter, das schon in der Gaskammer stand: "Sie hatte Glück, weil sie nah am Eingang stand. Ein SS-Mann kam und holte sie und vier andere wieder raus - sie wurden zum Arbeitseinsatz gebraucht." - „Ich könnte noch viele Sachen erzählen", sagt Imre Lebovits.

Die Juden seien zwischen 1920 und 1945 erst entrechtet und dann in den Tod geschickt worden. Quasi die ganze jüdische Landbevölkerung von Ungarn sei innerhalb von wenigen Wochen liquidiert worden. „Und der Hauptschuldige war Reichsverweser Miklós Horthy, der sagte, er gewähre in der Judenfrage freie Hand und mische sich nicht ein." Und die vielen, vielen willigen ungarischen Helfer dazu: "Ich will die Nazi-Verbrechen nicht beschönigen. Aber als Hitler Eichmann anrief, um zu fragen, ob er Hilfe für die Ungarn-Aktion brauche, hat der geantwortet, er brauche keine Hilfe, weil die Zusammenarbeit mit der Gendarmerie vor Ort so hervorragend laufe."

Imre Lebovits ist ein Mann der deutlichen Worte. Trotz seines Schicksals hegt er keinen Groll gegen die Deutschen, er fürchtete sich auch nicht, nach Deutschland zu kommen.

Über den Holocaust redet er erst seit etwa 20, 25 Jahren. 2007 veröffentlichte er ein Buch unter dem Titel "Judengesetze und Judenretter". Und 2010, als er zum Gedenken an die Reichskristallnacht nach Deutschland eingeladen worden war, besuchte er anschließend auch einige Schulen, um über den Holocaust zu sprechen.
In Deutschland, sagt Lebovits, habe die Politik "ein Klima geschaffen, der Geschichte ins Auge zu sehen".
In Ungarn ist das anders.

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