Anwältin Christine Siegrot rechnet mit deutscher Justiz ab

Silke Buhrmester

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Die Hamburger Anwältin Christine Siegrot - © Silke Buhrmester
Die Hamburger Anwältin Christine Siegrot (© Silke Buhrmester)

Detmold. Die Hamburger Anwältin Christine Siegrot hat am 19. Tag des Detmolder Auschwitz-Prozesses eine deutliche Abrechnung mit der deutschen Justiz vorgenommen. Siegrot, die Moshe Haelion und Yaakov Handeli vertritt, welche von Thessaloniki im April 1943 nach Auschwitz deportiert wurden, ging in ihrem Plädoyer der Frage nach, warum es noch mehr als 70 Jahre nach der Befreiung einen Auschwitz-Prozess geben müsse.

Sie schildert in ihrem Plädoyer die Nazi-Vergangenheit vieler deutscher Juristen, Richter und Staatsanwälte und nannte dabei auch zahlreiche Namen und deren Verstrickungen: „Sogar Bundesanwälte waren darunter, und das bis in die 90er Jahre", sagte sie.

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Auch die Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg sei für die Prozessverschleppungen verantwortlich. Als Beleg zitierte Siegrot aus einem Interview, das der Leiter der Zentralstelle, Kurt Schrimm, 2013 gegenüber dem Fernsehmagazin Kontraste gab: Er sei nach der Verurteilung Demjanjuks gefragt worden, ob man die deutsche Rechtsprechung nicht viel früher hätte überdenken können und habe darauf geantwortet: „Das hätte man machen können, das ist aber nicht Aufgabe der Staatsanwaltschaft."

Die Zentralstelle war 1958 gegründet worden, viele Nebenkläger-Anwälte in diesem Prozess hatten ihr aber Jahrzehnte der Untätigkeit vorgeworfen - ein Grund, warum vielen SS-Männern gar nicht und Hanning nun so spät der Prozess gemacht wurde.

Christine Siegrot vertritt zwei Mandanten, heute 88 und 91 Jahre alt, die mit ihren Familien im April 1943 aus Thessaloniki nach Auschwitz deportiert wurden. „Es hieß, sie würden nach Krakau gebracht, wo eine neue, große jüdische Gemeinde errichtet würde", erzählt Siegrot. Daraufhin hätten die Eltern Drachme in Zloty getauscht und sogar die Fahrkarten nach Auschwitz noch selbst bezahlt. Doch es kam anders.

Moshe Haelion mache sich bis heute Vorwürfe, dass er - nicht wissend, was Frauen, Kinder und Alte erwartet - seine für das Lager selektierte Schwester mit zu der Frauengruppe geschickt habe. Yaakov Handeli könne sich nicht verzeihen, dass er in einem Kartoffelschälkommando überlebte, seine beiden Brüder aber innerhalb kürzester Zeit verhungerten, weil er sich gefürchtet habe, Esssensreste für sie zu schmuggeln.

Der Prozess endet am Freitag, 17. Juni, um14 Uhr mit der Urteilsverkündung im Foyer des Landgerichtes Detmold

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  1. Plädoyer von Rechtsanwältin Christine Siegrot zum Nachlesen

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