Spiegel-Reporterin Gisela Friedrichsen berichtet auch über Auschwitz-Verfahren

„Das Schweigen der Nachkriegsgesellschaft ist unfassbar“ - Ihr Vater hat Juden zur Flucht verholfen und das Konzentrationslager überlebt

Astrid Sewing

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Gespräch in der Warteschlange: LZ-Redakteurin Astrid Sewing (links) mit „Spiegel"-Redakteurin Gisela Friedrichsen. - © Bernhard Preuß
Gespräch in der Warteschlange: LZ-Redakteurin Astrid Sewing (links) mit „Spiegel"-Redakteurin Gisela Friedrichsen. (© Bernhard Preuß)

Kreis Lippe. Es sind die großen Prozesse, die Gisela Friedrichsen seit mehr als 30 Jahren als Journalistin für den „Spiegel" begleitet. Die Auschwitz-Verfahren nehmen aber einen besonderen Platz ein. „Die Opfer haben auch geschwiegen", sagt sie und spricht über ihre eigene Familie.

In Detmold reiht sich Friedrichsen in die Reihe der Medienvertreter ein, telefoniert mit dem Verlag, spricht vor dem Einlass ab, wann sie ihren Text schickt. Die Journalistin hat einen Sonderstatus, sie ist die einzige, die direkt der Chefredaktion unterstellt ist. An ihren Texten wird nichts verändert, sie bestimmt, welche Bilder und Grafiken dazu platziert werden – und man nimmt ihr sofort ab, dass sie nicht mit sich spaßen lässt, wenn es um ihre Arbeit geht. Die Distanz, die Einordnung in gesamtgesellschaftliche Entwicklungen, in die Geschichte – all das bekommt im Gespräch mit ihr eine weitere Farbe: die Emotion.

Über das NSU-Verfahren berichtet sie seit Monaten, gerät in Rage, wenn sie schildert, wie die Angeklagte Beate Zschäpe sich triumphierend präsentiert, wenn sie wieder einmal mit einem Befangenheitsantrag das ganze Verfahren verzögert.

Ganz anders erzählt sie, wie sie die Auschwitz-Prozesse erlebt. „Diese kollektive Scham, das Schweigen, das die Gesellschaft nach diesen furchtbaren Taten jahrzehntelang beherrscht hat – das ist das Unfassbare", sagt sie. Und sie fügt an, dass nicht nur die Täter geschwiegen haben, sondern auch die Opfer. Eines von ihnen war ihr Vater. Friedrichsen ist 1945 geboren, und als Kind habe sie gemerkt, dass „da irgendetwas war, aber es hat nie jemand darüber gesprochen".

Die Familie bekam Dankesbriefe aus Amerika, Geschenke aus Israel – als Kind und Jugendliche habe sie dies registriert. Erst viel später erfährt sie, was es bedeutet. „Ich bin mit meiner Mutter nach Polen gefahren und zum damaligen Zeitpunkt gab es den Eisernen Vorhang, es war für Deutsche Pflicht, Auschwitz zu besuchen", sagt sie.

Schrecklich, bedrückend – diese Empfindungen sind ihr noch sehr präsent. Dass sich ein Teil ihrer Familiengeschichte an diesem Ort abgespielt hat, ahnte sie nicht. „Wir sind in einen Stehbunker getreten, die Häftlinge konnten sich nicht setzen, wurden eingepfercht und gequält. Es war alles dunkel, grausam", sagt Friedrichsen. Ihre Mutter sei dort zusammengebrochen und habe geweint. Dann hat sie erzählt. Dass ihr Mann Juden zur Flucht verholfen hatte und dafür bestraft worden war. In solch einem Stehbunker hatten ihn die Nazis eingesperrt.

Information
Persönlich

Gisela Friedrichsen ist in München aufgewachsen, ihr Vater war Däne. Sie hat Germanistik und Geschichte studiert. 1989 trat sie die Nachfolge des „Spiegel"-Gerichtsreporters Gerhard Mauz an. „Das waren sehr große Fußstapfen", sagt sie. Ihre Kritiker werfen ihr vor, Partei zu ergreifen, andere schätzen ihre Prozessberichte, weil sie sie mit einer Gesellschaftsanalyse verknüpft. 2011 wurde Friedrichsen mit dem Pressepreis des Deutschen Anwaltsvereins ausgezeichnet. Die 70-Jährige ist verheiratet , hat zwei Kinder und lebt in Wiesbaden.

„Da haben sich mir manche Sachen erklärt, die ich vorher hingenommen, aber nie hinterfragt hatte. Aber ich wusste dann, warum wir Dankesbriefe bekommen hatten." Dass in ihrer Familie nicht über die Zeit des Nationalsozialismus gesprochen wurde, sei kein Einzelfall. Die 70-Jährige spricht von einer kollektiven Scham, einem Verdrängen. „Wenn man es sich vor Augen geführt, es benannt hätte, dann hätte man sich damit auseinandersetzen müssen." Das aber sei im Nachkriegsdeutschland und in den folgenden Jahrzehnten versäumt worden. Die juristische Aufarbeitung erfolge spät, aus Sicht von Gisela Friedrichsen ist sie alternativlos. Denn es geht nicht allein darum, Schuldige zu finden, sondern darum, Geschichte aufzuarbeiten, in einer Zeit, in der Fremdenhass offen formuliert wird – widerspruchslos.

„Sehen Sie, das ist die große Gefahr, und deshalb ist es wichtig, diese furchtbaren Ereignisse in den Prozessen aufzuarbeiten." Sie schaut sich um, sieht die Reiterstaffel, die Einsatzwagen, Dutzende Polizisten – das ist auch ein Signal. „Es zeigt der Welt, dass wir die Sache sehr ernst nehmen."

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