Nebenkläger äußern sich über das Urteil gegen Reinhold Hanning

Silke Buhrmester

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Im Fokus der Presse: Reinhold Hanning und Andreas R. Scharmer, einer seiner beiden Verteidiger. - © Oliver Krato
Im Fokus der Presse: Reinhold Hanning und Andreas R. Scharmer, einer seiner beiden Verteidiger. (© Oliver Krato)

Detmold. Hedy Bohm kämpft mit den Tränen: „Ich hoffe, dass meine Eltern jetzt vielleicht in Frieden ruhen können." Sie spricht leise und betont in dem voll mit Journalisten besetzten Saal, in den das Internationale Auschwitz Komitee zusammen mit den Nebenkläger-Anwälten Thomas Walther und Cornelius Nestler im Anschluss an das Detmolder Urteil eingeladen hat.

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Es ist einer der emotionalsten Momente des letzten Auschwitz-Prozesstages. Eine halbe Stunde zuvor hatte Richterin Anke Grudda das Urteil gegen den 94-jährigen ehemaligen SS-Wachmann Reinhold Hanning verkündet: Fünf Jahre Haft wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen im Konzentrationslager Auschwitz.

Leon Schwarzbaum, der seine gesamte Familie in Auschwitz verlor, verliest vor den Journalisten einen persönlichen Brief, den er Reinhold Hanning übergeben hat: „Nicht die irdische, sondern die göttliche Gerichtsbarkeit wird Sie richten", habe er ihm geschrieben. Vor Gott werde er die Wahrheit sagen müssen, die er im Prozess verschwiegen habe.

„In diesem Prozess haben die Toten eine Stimme bekommen. Ich bin dankbar, dass endlich einmal jemand zur Rechenschaft gezogen wird. Damit habe ich nicht mehr gerechnet. Herr Hanning hat seine Strafe gekriegt", ist die zweite Überlebende Erna de Vries, an deren Seite ihre Enkelin sitzt, noch völlig überwältigt.

Auch Bill Glied kämpft mit seinen Gefühlen: „Ich habe immer gedacht, ich bin ein pragmatischer Mensch. Aber das alles hier heute von einem deutschen Gericht zu hören, hat mich fast zum Weinen gebracht. " In der Urteilsbegründung, so erläutert Glied, habe die Richterin die historische Wahrheit über Auschwitz genau benannt: „Ich danke Ihnen allen, dass Sie mir helfen, ein Kapitel in der fürchterlichen Geschichte von Auschwitz zu schließen, auch wenn das Buch noch offen ist", wendet sich Bill Glied an die Anwälte Walther und Nestler, aber auch das Gericht und die Öffentlichkeit.

Der Nebenkläger aus Toronto ist ebenso wie Hedy Bohm extra noch einmal aus Kanada angereist, um der Urteilsverkündung beizuwohnen. Beide werden begleitet von Familienmitgliedern: Hedy Bohm von ihrer Tochter Vicky, Bill Glied von seiner Tochter Tamara, seiner Enkelin Samantha und deren Verlobten Rafael.

„Hier sitzen gleich mehrere Generationen am Tisch. Es sind wunderbare Menschen. Das ist der Sieg über den Vernichtungskrieg der Nazis", verdeutlicht Thomas Walther, der insgesamt 26 Nebenkläger im Prozess vertritt. Walther spricht von einem „historischen Tag": „Es war nicht zu spät, Gerechtigkeit für die Menschen, die ermordet wurden, zu erkämpfen", betont er.

Der Vizepräsident des Auschwitz Komitees, Christoph Heubner betont, die Urteilsverkündung sei eine „ausgezeichnete Geschichtsstunde auch für junge Menschen" gewesen. Gerade heute sei die Frage aktueller denn je, was junge Menschen dem Hass gegen Minderheiten entgegenzusetzen hätten.

Hedy Bohm ist immer noch überwältigt von den Worten der Richterin: „Ein Traum, den ich nie gewagt hätte zu träumen, ist in Erfüllung gegangen."

Mehr als nur eine Fußnote in den Geschichtsbüchern
Kommentar von LZ-Redakteurin Silke Buhrmester
Mit dem Urteil gegen den ehemaligen SS-Unterscharführer Reinhold Hanning ist die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Detmold erwartungsgemäß der neueren Rechtsprechung gefolgt. Alles andere wäre ein Rückschritt gewesen angesichts der jahrzehntelangen Versäumnisse der Justiz, die NS-Verbrechen aufzuklären und die SS-Männer zu verurteilen.

Lange genug hat sich die Justiz um die Bestrafung von Tausenden ehemaligen SS-Wachmännern herumgedrückt. Sie kamen ungeschoren davon, weil ihnen keine konkrete Tatbeteiligung nachzuweisen war. Wie zynisch! Diese Rechtsauffassung ist, zum Glück, seit dem Demjanjuk-Prozess überholt. Das Detmolder Urteil bestätigt das.

Mit viel Empathie hat Richterin Anke Grudda eine Stunde lang die Begründung geliefert. Anwälte von Nebenklägern bezeichneten die Detmolder Entscheidung später als „historisch", als „mehr als nur eine Fußnote in den Geschichtsbüchern". Denn erstmals hat ein deutsches Gericht den vollen Umfang die Verbrechen im Vernichtungslager abgeurteilt und damit deutlich gemacht: Auschwitz war eine Todesfabrik, aus der niemand lebend herauskommen sollte.

Auschwitz steht für Massenvergasungen und Massenerschießungen, ja, aber Auschwitz steht auch für die Vernichtung der Menschen durch katastrophale Lebensumstände, Hunger und Schwerstarbeit. Und Reinhold Hanning spielte als SS-Unterscharführer eine wichtige Rolle im SS-Hierarchie-System und damit bei der Ermordung der Menschen.
Mit dem Urteil erfahren die Holocaust-Opfer endlich Gerechtigkeit.

Vermutlich wird der alte Mann niemals ins Gefängnis kommen. Doch darum ging es in diesem Prozess nie. Es ging um die historische Wahrheit und darum, dass Mörder und deren Helfer bis zu ihrem Tod von der Justiz zur Verantwortung zu ziehen sind. Denn auch eine viel zu späte Kehrtwende der Justiz ist ein gutes Zeichen für Deutschland und aus Deutschland in die ganze Welt.

Information

Strafaufschub bei Krankheit

Werden NS-Täter in hohem Alter wie jetzt Reinhold Hanning aus Lage zu Haftstrafen verurteilt, stellt sich häufig die Frage, ob ihr gesundheitlicher Zustand den Gefängnisaufenthalt noch zulässt. Darüber entscheidet die Staatsanwaltschaft auf Basis eines ärztlichen Gutachtens. Paragraf 455 der Strafprozessordnung regelt, wann Haftunfähigkeit vorliegt.
Danach kommt es zum Strafaufschub, wenn der Verurteilte geisteskrank ist, die Haftstrafe angesichts seines Gesundheitszustandes lebensgefährlich wäre oder die erforderliche medizinische Betreuung in der Vollzugsanstalt nicht gewährleistet ist. Die Strafe kann auch ausgesetzt werden, wenn eine Krankheit voraussichtlich für eine erhebliche Zeit fortbestehen wird.
Wie Gefangene medizinisch versorgt werden müssen, regelt das Strafvollzugsgesetz.

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