Nebenkläger bedankt sich bei Richterin Anke Grudda

Silke Buhrmester

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"Ich wollte mich bei ihr bedanken": Bill Glied mit Richterin Anke 
Grudda nach der Urteilsverkündung. - © privat
"Ich wollte mich bei ihr bedanken": Bill Glied mit Richterin Anke 
Grudda nach der Urteilsverkündung. (© privat)

Kreis Lippe. Der Tag der Urteilsverkündung gegen den 94-jährigen Reinhold Hanning - es war ein großer Tag, aber auch ein anstrengender für den Holocaust-Überlebenden Bill Glied (86). Am nächsten Morgen sitzt er mit seiner Familie und Anwalt Thomas Walther im Wintergarten des Hotels „Bärenstein“ nahe der Externsteine beim Frühstück.

Die Anspannung ist von dem 86-Jährigen gefallen. Er lächelt. „Wenn ich den Tag kurz schildern müsste, würde ich sagen: Sie stand auf, sagte schuldig, fünf Jahre“, sagt er. Doch um die Länge der Gefängnisstrafe ging es Bill und den anderen Nebenklägern nie. Nicht das Strafmaß, wohl aber die klaren Worte der Richterin haben Erna de Vries, Bill Glied, Leon Schwarzbaum und Hedy Bohm – vier von 19 Nebenklägern, die ihre nächsten Angehörigen in Auschwitz verloren und die zur Urteilsverkündung nach Detmold reisten – tief berührt.

Bill nutzte die Gelegenheit, im Anschluss an die Urteilsverkündung kurz persönlich mit den Mitgliedern der Schwurgerichtskammer zu sprechen: „Ich habe mich bei der Richterin bedankt. Und zum Abschied hat sie gesagt, sie hoffe, dass er nun mit einem etwas besseren Bild von den Deutschen nach Hause fahren werde.“

Dann geht es zu einem Treffen mit den Mitgliedern der Gesellschaft für Deutsch-Jüdische Zusammenarbeit und der Initiative „Gegen das Vergessen“ sowie Bürgermeister Rainer Heller im Haus Münsterberg. Auch Rechtsanwalt Thomas Walther ist mitgekommen. Seinen beiden Mandanten Hedy Bohm und Bill Glied ist Walther eng verbunden – der Prozess von Lüneburg gegen den „Buchhalter von Auschwitz“, Oskar Gröning, hat sie zusammen gebracht.

Auschwitz-Besuch 2016: Samantha steht mit ihrem Großvater Bill Glied im Mai vor der Ausstellungswand mit einem Foto, das die beiden zehn Jahre zuvor an selber Stelle zeigt. - © privat
Auschwitz-Besuch 2016: Samantha steht mit ihrem Großvater Bill Glied im Mai vor der Ausstellungswand mit einem Foto, das die beiden zehn Jahre zuvor an selber Stelle zeigt. (© privat)

Enkeltochter Samantha, die ihren Großvater gemeinsam mit ihrem Verlobten Rafael Yablonsky und ihrer Mutter Tamara Glied nach Detmold begleitet hat, ist in Toronto selbst als Anwältin tätig. Das Urteil, sagt sie, sei für kanadische Verhältnisse milde. Dort nehme das Gericht bei der Strafzumessung keine Rücksicht auf das Alter eines Angeklagten, so wie es hier geschehen sei. Doch die Worte der Richterin, sagt Samantha, hätten auch sie zu Tränen gerührt.

Die junge Frau hatte ihren Großvater bereits zu dessen Zeugenaussage im Februar nach Detmold begleitet. Und fuhr mit ihm Anfang Mai nach Auschwitz zum Marsch der Überlebenden (March of the living). Einmal im Jahr – dieses Mal am 5. Mai – gedenken Tausende Angehörige bei einem rund drei Kilometer langen Gang vom Stammlager bis zum Vernichtungslager Birkenau und anschließender Kundgebung der Ermordeten von Auschwitz. Vor zehn Jahren war Samantha mit Bill erstmalig hier. Das Foto der beiden von damals ist Teil einer Ausstellung, die zunächst im UN-Gebäude in New York gezeigt wurde und nun dauerhaft vor dem Eingang zum Stammlager Auschwitz aufgebaut ist.

Bill Glied bemüht sich seit langem, die Geschichte des Holocaust zu bewahren. Er selbst hat historische Dokumente zu seiner Person gesammelt. Über seine Zeit in Auschwitz gibt es nicht viel. Zu viele Menschen, mehr als 400.000, wurden während der „Ungarn-Aktion“ von Mai bis Juli 1944 nach Auschwitz deportiert – die meisten davon sofort nach der Ankunft vergast. Da machten sich selbst die für ihre Akribie bekannten Nazis nicht mehr die Mühe der Registrierung. Bill und seinem Vater wurde keine Nummer in den Oberarm tätowiert, als sie am 28. Mai 1944 ankamen.

Bills Mutter und seine achtjährige Schwester Aniko wurden noch an der Rampe selektiert und umgebracht. „Die eigentliche Hölle auf Erden war diese Rampe. Dort wurde über Leben und Tod entschieden. Danach war alles nur noch Abwicklung. Das weiß ich heute“, sagt Bill Glied. Mit seinem Vater blieb er nur 
20 Tage in Birkenau, dann wurden sie erneut deportiert, nach Dachau, zur Zwangsarbeit. Als Bill am 29. April 1945 von der amerikanischen Armee befreit wird, ist sein Vater tot – acht Tage zuvor gestorben an Typhus.

Viele Details erzählt er über die Zeit im KZ nicht. „Ich glaube, er hat dort furchtbare Gewalt und Grausamkeiten erlebt. Aber das hat er in seinem Herzen verschlossen. Er sagt immer, das spiele keine Rolle für die Geschichte“, sagt Tochter Tamara.

Dennoch nimmt Bill Glied seine Kinder und Enkelkinder schon früh mit an die Orte des Schreckens. Mit 18 fährt die heute 43-jährige Tamara erstmals mit ihren Eltern nach 
Dachau. Nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs besucht die Familie dann endlich auch Auschwitz. Und Bill Glied spricht in seiner Heimat Kanada, in die er 1947 als 17-jähriger Waise immigrierte, regelmäßig in der Öffentlichkeit – vor allem in Schulen, denn die jungen Menschen möchte er erreichen, möchte er mahnen.

Die Worte der Detmolder Richterin Anke Grudda haben deshalb eine besondere Bedeutung für ihn: „Wenn man mir künftig als Überlebendem die Gräueltaten nicht glaubt, kann ich jetzt sagen: Frag’ doch das deutsche Gericht in Detmold!“

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