Nach Auschwitz-Prozess sind weitere Anzeigen eingegangen

Die Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen ermittelt schon länger zu Vorgängen in Bergen-Belsen, Neuengamme und Stutthof

Silke Buhrmester

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Nimmt Untersuchungen auf: Jens Rommel, Leiter der Zentralen Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen. - © dpa
Nimmt Untersuchungen auf: Jens Rommel, Leiter der Zentralen Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen. (© dpa)

Detmold/Ludwigsburg. Nach dem Urteil des Detmolder Landgerichts gegen den ehemaligen KZ-Wachmann Reinhold Hanning sind bei der Zentralstelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg weitere Anzeigen eingegangen. Sie richten sich gegen die Wachmannschaften im Konzentrationslager Bergen-Belsen und im Lager Osarichi in Weißrussland (Belarus).

Wie berichtet, war der 94-jährige Hanning vor gut zwei Wochen wegen Beihilfe zum Mord im KZ Auschwitz zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Erstmals hatte das Gericht – der Anklage von Oberstaatsanwalt Andreas Brendel folgend – in dem Urteil neben der Ermordung durch Erschießung und Vergasung ausdrücklich auch die Vernichtung der Menschen durch die im Lager herrschenden Lebensumstände berücksichtigt.

In den nun vorliegenden Anzeigen bezieht sich der Antragsteller auf eben diese systematische Tötung der Menschen durch Verhungernlassen und andere katastrophale Lebensverhältnisse.

Eine Publikation des Maximilian-Kolbe-Werkes aus dem Jahre 1997 belege unter anderem, dass in dem Lager Osarichi, welches der 35. Infanterie-Division der Wehrmacht unterstellt war, Typhus-Kranke als „bakterielle Waffe" unter die Häftlinge gemischt worden seien. Aus dem Bericht geht weiter hervor, dass das Lager zwar nur rund zehn Tage bestanden habe, die Rote Armee bei der Befreiung am 19. März 1944 rund 8.000 bis 9.000 Tote vorgefunden habe, rund 33.000 hätten überlebt.

Anzeige erstattet wurde zudem gegen Wachmannschaften, die im Winter 1941/1942 in Bergen-Belsen tätig waren. Dort seien in dem Zeitraum von 24.000 sowjetischen Kriegsgefangenen rund 20.000 durch Hunger, Schwächung, Kälte, Nässe und Krankheit gestorben, heißt es in der Anzeige.

Der Leiter der Zentralstelle in Ludwigsburg, Jens Rommel, sagte auf Anfrage, dass seine Behörde schon seit Längerem nicht nur die reinen Vernichtungslager im Fokus habe, sondern auch Vorermittlungen zu den Vorgängen in den Konzentrationslagern Bergen-Belsen, Neuengamme und Stutthof (bei Danzig) führe. Wie viele potenzielle Tatverdächtige es gebe, lasse sich nicht beziffern.

Inwieweit das Detmolder Urteil rechtlich auf die Zustände in anderen Lagern zu übertragen sei, konnte Rommel noch nicht sagen. Zunächst müsse die schriftliche Urteilsbegründung abgewartet werden. Diese muss binnen neun Wochen nach Urteilsverkündung vorliegen.

Die Zentralstelle ist erste Anlaufstelle bei der Aufklärung von NS-Verbrechen. In der Behörde arbeiten insgesamt 19 Personen, darunter sechs Ermittler – fünf Richter und Staatsanwälte und ein Polizeibeamter. Sie arbeitet bundesweit in enger Abstimmung mit den Staatsanwaltschaften, unter anderem auch mit der für NRW zuständigen Schwerpunktstaatsanwaltschaft in Dortmund.

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