An seine Zeit im KZ Auschwitz erinnert die tätowierte Nummer 132624 – von seiner ermordeten Familie bleibt Leon Schwarzbaum nur ein Foto. - © Archivfoto: Bernhard Preuß

SS-Prozess
Detmolder Auschwitz-Prozess: Geschichte von Leon Schwarzbaum kommt ins Kino

An seine Zeit im KZ Auschwitz erinnert die tätowierte Nummer 132624 – von seiner ermordeten Familie bleibt Leon Schwarzbaum nur ein Foto. (© Archivfoto: Bernhard Preuß)

Detmold/Berlin. 132624: Diese Nummer, lesbar, aber nicht gerade akkurat tätowiert auf seinem Oberarm, erinnert Leon Schwarzbaum (97) an die dunkelste Zeit seines Lebens: Zwei Jahre war Leon Schwarzbaum in Auschwitz eingesperrt.

Die Lebensgeschichte des Holocaust-Überlebenden, der 2016 als Hauptzeuge am Detmolder Auschwitz-Prozess beteiligt war, erzählt der Film „Der letzte Jolly Boy". Eine exklusive Sondervorführung anlässlich des Holocaust-Gedenktags gibt es am Sonntag, 27. Januar, um 15 Uhr in der Detmolder Filmwelt. Die NRW-Premiere ist dann am Dienstag, 29. Januar, in Köln.

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Weitere Artikel aus der Berichterstattung zum Detmolder SS-Prozess gibt es unter LZ.de/ssprozess

Regisseur Hans-Erich Viet – Jahrgang 1953 – hat Leon Schwarzbaum für das aufwendige Projekt vier Jahre lang begleitet. Als die beiden Männer sich in Berlin kennenlernten und das gemeinsame Projekt planten, war noch gar nicht klar, dass Schwarzbaum einmal eine tragende Rolle in dem Detmolder Auschwitz-Prozess führen würde. Letztlich aber ist der Prozess vor dem Detmolder Landgericht gegen den SS-Unterscharführer Reinhold Hanning ein wichtiger Bestandteil der „filmischen Reise durch deutsche Wirklichkeit im Gestern und Heute", wie Viet das Projekt beschreibt, geworden.

Während des Holocaust verlor Leon Schwarzbaum 35 Mitglieder seiner Familie. Übrig geblieben ist er allein. Jahrzehntelang schwieg er über sein Schicksal. Erst im hohen Alter suchte er die Öffentlichkeit, um endlich „die Wahrheit" zu sagen. Schwarzbaum entschied sich auch, Nebenkläger im Detmolder Auschwitz-Prozess zu werden – auf der „Suche nach Identität und Versöhnung", immer begleitet von Regisseur Viet und seinem Kamerateam.

Stationen der Spurensuche sind auch auf dem Filmplakat zu „Der letzte Jolly Boy" festgehalten. - © Viet Film
Stationen der Spurensuche sind auch auf dem Filmplakat zu „Der letzte Jolly Boy" festgehalten. (© Viet Film)

„Der letzte Jolly Boy" ist auch eine Reise zu den Wurzeln des 97-Jährigen: Er fährt erstmals seit 70 Jahren zurück in seine polnische Heimat Bedzin, findet das Haus, in dem er aufgewachsen ist, sein altes Gymnasium, wo er mit ein paar Freunden die Schülerband „The Jolly Boys" gründete. Er besucht das ehemalige Ghetto, in dem er mit seinen Eltern einige Jahre lebte, bevor diese – vier Wochen vor ihm selbst – nach Auschwitz deportiert wurden.

Nicht allen heutigen Bewohnern ist er willkommen, nicht jeder will seine Geschichte hören. Doch die Kamera fängt viele gute Gespräche ein. 132624 – immer wieder schiebt Leon Schwarzbaum den Ärmel hoch und zeigt die Tätowierung, die so viel über sein Schicksal verrät: Er spricht mit Insassen eines Gefängnisses im sächsischen Zeithain, mit Schülern seiner ehemaligen Schule in Bedzin, mit einer israelischen Jugendgruppe, die die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau besucht, oder Backstage vor dem Fernseh-Auftritt in der Talk-Sendung „Markus Lanz".

Regisseur Hans-Erich Viet hat mit seinem Protagonisten vier intensive Jahre erlebt, und viele sehr berührende Begegnungen. „Es war ein großes Projekt, das in der Form nur einmal gemacht werden konnte", sagt er. Gemeinsam mit Kameramann Thomas Keller und Tonfrau Lenka Sikulova steht er am Sonntag, 27. Januar, nach der Vorführung des 106-Minuten-Streifens den Gästen in der Detmolder Filmwelt für ein Regiegespräch zur Verfügung. Leon Schwarzbaum kann krankheitsbedingt nicht nach Detmold kommen.

Nebenkläger und erster Zeuge im Auschwitz-Prozess

Leon Schwarzbaum, der Mitte Februar 98 Jahre alt wird, war einer der drei noch in Deutschland lebenden jüdischen Nebenkläger im Auschwitz-Prozess gegen den ehemaligen SS-Wachmann Reinhold Hanning. Während des Prozesses, der von Februar bis Juni 2016 vor dem Detmolder Landgericht stattfand, war Leon Schwarzbaum der Erste im Zeugenstand.


Eindringlich wandte er sich an den aus Lage stammenden Angeklagten: „Wir sind beide gleich alt, wir stehen beide bald vor dem höchsten Gericht. Sprechen Sie darüber, was Sie mit Ihren Kameraden gemacht haben, so wie ich auf meiner Seite gesprochen habe!"

Leon Schwarzbaum trifft in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau israelische Jugendliche. - © Viet Film
Leon Schwarzbaum trifft in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau israelische Jugendliche. (© Viet Film)

Der gebürtige Hamburger Schwarzbaum, der seit Kriegsende in Berlin lebt, kam noch zweimal nach Detmold: Um die Erklärung des beinahe gleichaltrigen Angeklagten im April 2016 persönlich zu hören und zur Urteilsverkündung am 17. Juni. Am letzten Prozesstag überreichte er Hanning einen persönlichen Brief, den er später vor Journalisten verlas: „Nicht die irdische, sondern die göttliche Gerichtsbarkeit wird Sie richten", hieß es darin unter anderem. Reinhold Hanning wurde schließlich wegen Beihilfe zum Mord in 170.000 Fällen zu fünf Jahren Haft verurteilt. Ins Gefängnis kam er nicht: Das Revisionsverfahren war noch nicht abgeschlossen, als er am 30. Mai 2017 verstarb.

Erst im hohen Alter endete die lange Zeit des Schweigens

Leon Schwarzbaum, geboren am 20. Februar 1921 in Hamburg, war das Kind polnischer Juden. Der Vater war Altmetall-Händler. 1924 zog die Familie auf seinen Wunsch zurück in die Heimat Bedzin in Oberschlesien. Leon gründete als Schüler mit Freunden die A-cappella-Gruppe „Die Jolly Boys" und absolvierte 1939 sein Abitur.

1940 musste die Familie ins Ghetto umziehen, im Sommer 1943 wurde er von seinen Eltern getrennt. Sie wurden ins KZ Auschwitz deportiert. Als Leon dort vier Wochen später ebenfalls ankam, erfuhr er von dem Häftling, der ihm die Nummer 132624 in den Arm tätowierte, dass Vater und Mutter sofort vergast worden waren.

Auschwitz überlebt: Erna de Vries (links ihre Tochter Ruth), Justin Sonder und Leon Schwarzbaum. Rechts ist Anwalt Thomas Walther zu sehen. - © Bernhard Preuß
Auschwitz überlebt: Erna de Vries (links ihre Tochter Ruth), Justin Sonder und Leon Schwarzbaum. Rechts ist Anwalt Thomas Walther zu sehen. (© Bernhard Preuß)

Um im Vernichtungslager zu überleben, meldet er sich freiwillig als „Läufer" beim Lagerältesten in Birkenau. Seine Aufgabe: Dem Lagerältesten zu berichten, welche SS-Männer nach Birkenau kommen.

Neun Monate später meldet er sich freiwillig als Zwangsarbeiter im Siemens-Schuckert-Außenlager „Bobrek". Er überlebt Anfang 1945 den Todesmarsch von Auschwitz nach Gleiwitz, von dort die Fahrt in offenen Waggons nach Buchenwald. Ende April tritt Leon Schwarzbaum den zweiten Todesmarsch von Sachsenhausen Richtung Schwerin an, wo er Anfang Mai 1945 durch die Amerikaner befreit wird.

Nach Kriegsende kehrt er zurück nach Bedzin, stellt aber fest, dass es dort keine Juden mehr gibt und er nicht willkommen ist. Er schlägt sich nach Stettin durch und kommt schließlich nach Berlin.

In einer kleinen Clique jüdischer Auschwitz-Überlebender findet er Halt. Leon Schwarzbaum bleibt in Berlin und spezialisiert sich auf den Export von Kunstgegenständen nach Amerika, speziell New York. Er trifft seine spätere nicht-jüdische Frau, die beiden heiraten und betreiben über Jahrzehnte ein gut gehendes Geschäft mit Antiquitäten und Kunstgegenständen.

Erst im hohen Alter spricht Leon Schwarzbaum das erste Mal über seine Erlebnisse und den Holocaust. Er besucht Schulen, will das Vergessen verhindern. In dieser Zeit lernt er Regisseur Hans-Erich Viet kennen. Sie beschließen, einen Film über sein Leben zu machen. Im Laufe der Dreharbeiten lernt Leon Schwarzbaum die Anwälte des ersten SS-Auschwitz-Prozesses der jüngeren deutschen Justizgeschichte kennen, Thomas Walther und Cornelius Nestler. Er wird 2016 Zeuge und Nebenkläger im Detmolder Auschwitz-Prozess gegen Reinhold Hanning.

Die Zeugenaussage von Leon Schwarzbaum zum Anhören:

"Großes Projekt der leisen Töne"

Ein Kommentar von Silke Buhrmester

Es ist kein Film der lauten Töne, der besonderen Effekte oder berühmten Schauspieler, den Regisseur Hans-Erich Viet gedreht hat. Und doch war es ein „großes Projekt", eines, das sich nicht wiederholen lässt. Der Protagonist Leon Schwarzbaum wird in wenigen Wochen 98. Überlebende des Holocaust wie ihn wird es schon bald nicht mehr geben. Das macht diese 106 Minuten lange Spurensuche so groß, so besonders.

Sie ist ein einzigartiges Dokument der Zeitgeschichte. Leon Schwarzbaum führt den Zuschauer zu den Orten seiner Kindheit und Jugend, nach Polen, zu den Orten des Grauens, der Gedenkstätte des KZ Auschwitz. Er führt ihn aber auch ins Heute, zu einem der letzten Auschwitz-Prozesse in Detmold, in die TV-Talkshow „Markus Lanz". Im Mittelpunkt steht die authentische Begegnung des Holocaust-Überlebenden mit den Menschen – und die Reaktionen sind nicht immer positiv. Diese Authentizität macht den Film zu einem einzigartigen Dokument politischer Bildung – in Zeiten, in denen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit wieder hoffähig wird, wichtiger denn je.

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von Silke Buhrmester

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