Eltern waren ahnungslos: Kripo hebt 1968 ein "Liebesnest" in Lemgo aus

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Musik kam von einem Plattenspieler während die Jugednlichen sich trafen. - © Pixabay
Musik kam von einem Plattenspieler während die Jugednlichen sich trafen. (© Pixabay)

Lemgo. Wer über die Jugend von heute schimpft, hat oftmals die Jugend von gestern vergessen. Auch damals verstießen schon manche nach Meinung der Erwachsenen "gegen die guten Sitten". Einiges lief deshalb im Verborgenen ab. So wie 1968 der Treffpunkt "Boden" in Lemgo. Lange blieb er im Verborgenen, doch dann gab jemand den Behörden einen Tipp.

Heute bringen uns die Zeilen zum Schmunzeln und Kopfschütteln, doch damals war es ein echter Skandal, wie deutlich aus dem Artikel des damaligen Kollegen hervorgeht. Aus diesem Grund haben wir uns dazu entschlossen, den gesamten Artikel im Wortlaut zu veröffentlichen:

"An Stammtischen und bei Kaffeekränzchen machte seit einiger Zeit ein Gespräch über sittliche Auswüchse von Jugendlichen in den Mauern der alten Hansestadt die Runde. Man wusste zwar nichts Genaues, vermutete aber hinter den immer wieder in den Mund genommenen Worten wie "Chicago" und "Kinder" ein Sündenbabel, von dem sich die ehrwürdigen Bürger von Lemgo mit aller Entschiedenheit distanzierten.

Was wirklich auf dem Boden des kunstvoll verzierten Patrizierhauses geschah, deckte die Staatsanwaltschaft Detmold gestern in einer eilends einberufenen Pressekonferenz auf. An der Besprechung im Bibliotheksraum nahmen neben Erstem Staatsanwalt Dr. Tampl der Leiter der Kriminalpolizei in Lemgo, Hauptkommissar Weicht, Kriminalhauptkommissar Krappen und Kriminalobermeisterin Engel teil.

Vor eineinhalb Jahren fand der heute 17 Jahre alte Sohn des Hauses, dass der hoch unter dem Dach gelegene Boden die rechte Stätte für eine Party sei. Unter dem Kennwort "Bodenparty" wurde das Haus mit der Zeit ein beliebter Treffpunkt von Mädchen und Jungen im Alter zwischen 14 und 23 Jahren. Dorthin zogen die Jugendlichen nach geminsamen Tanzvergnügen. Bei Dämmerlicht und Rotlicht in verschiedenen Variationen und bei ultravioletten Strahlen setzten die Mädchen und Jungen unter plakatierten Wänden auf Matratzenliegen und einer Eckbank die im Tanzcafé unterbrochenen Zärtlichkeiten fort.

Da der Aufgang zum Boden einen separaten Eingang hatte, fiel den Hauseigentümern nichts auf. Dann und wann wollen sie schon einmal ein paar Takte Musik gehört haben. In einer Ecke lärmte ein Plattenspieler.

Auf dem Boden trafen sich Gammler ebenso wie Söhne und Töchter aus gutem Hause. Unter den Mädchen waren auch einige Schülerinnen. Ihre Vorliebe: ein Mini-Mini-Rock. Die Jungen waren ausnahmslos in der Lehre. Nur ein 23-jähriger verkörperte die Welt der Erwachsenen. Ihren Durst stillte die illustre Gesellschaft mit Bier. Das Taschengeld wurde zusammengelegt. Wenn es für Bier nicht reichte, wurde billiger Wermut gekauft; die Flasche für 98 Pfennig.

Mit der Zeit wurden die Jugendlichen immer dreister. Ein Junge lief auf die Straße und lud vorübergehende Mädchen ein. "Kommt mal mit, wir haben auf dem Boden schöne Beatplatten." Auf ein Flötenzeichen wurde die Tür geöffnet. Die Jugendlichen blieben unter sich. Viele kannten voneinander nur die Spitznamen. Die Feder sträubt sich beim Versuch, einige Namen niederzuschreiben. Das geschieht nicht nur aus Rücksicht auf die Eltern. Die Namen selbst sind schrecklich genug.

Die Eltern fielen aus allen Wolken. Als die Kripo in der guten Stube Vater und Mutter in vielen Häusern gegenübersaß, wurde den Beamten schon nach den ersten Sätzen das Wort im Munde abgeschnitten. "Unser Kind macht das nicht"; und wenn das Kind dann selbst aus dem Geständnisprotokoll zitiert wurde: "Das Mädchen muss von anderen verführt worden sein."

In einem Fall mag das stimmen. Die Kriminalpolizei deutete es an. Die meisten Jugendlichen schlitterten hinein, ohne die Folgen eines solchen Tuns nur zu ahnen. Seitdem die Polizei in den Sumpf hineinleuchtet, herrscht großes Wehklagen unter den Betroffenen. Einige Mädchen und Jungen meldeten sich freiwillig. Am Telefon flöteten sie in die Muschel: "Wann kann ich denn mal kommen?" Hauptmeister Krappen und Obermeisterin Engel bezeichneten die vorgenommenen Verhöre als heilsame Interviews. Übereinstimmend die Reaktion: Man hat "Manschetten" vor den Folgen.

Ein nicht unerhebliches Hilfsmittel bei der Suche nach den beteiligten Jugendlichen war ein Gästebuch, in das sich die "Helden" fröhlich eingetragen hatten. Manche hatten Gewissensbisse geplagt. Sie waren zurückgekommen und hatten ihre Namen gelöscht.

Das Jugendamt wurde eingeschaltet. Erster Staatsanwalt Dr. Tampl steckte die Fronten ab: "Es handelt sich hier um ein Jugendschutzproblem. Die strafrechtliche Seite ist noch nicht geklärt. Ich habe erst heute die Unterklagen bekommen. Die Hauseigentümer haben sich der Kuppelei schuldig gemacht, wenn sie die der Ehe vorbehaltene Verbindung zwischen Mädchen und Jungen bewusst gefördert haben."

Die Eltern waren in den meisten Fällen ohne Argwohn. Sie müssen damit rechnen, dass sie sich - falls die Staatsanwaltschaft Anklage erhebt - wegen Verletzung der Aufsichtspflicht verantworten müssen. Den Beteiligten wird diese Aufdeckung eine Lehre sein.

Zur Ehrenrettung einiger Jugendlicher sei abschließend gesagt, dass sie das Unrecht, was auf jenem Boden geschah, als Unrecht ansahen und die im letzten halben Jahr immer stärker auftretenen sexuellen Exzesse ihren Eltern beichteten. Ein Tip aus dem Kreis der 30 ständigen Gäste führte die Kripo schließlich auf die Spur."

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