Orchester Vahlhausen ist eine besondere musikalische Gemeinschaft

Jan Christian Pinsch

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Die Trompeten dürfen nicht fehlen: Annette Sentker, Floriane Sentker, Lars Dannhäuser und Oliver Theiler (von links). Foto: Frank Lober - © Frank Lober
Die Trompeten dürfen nicht fehlen: Annette Sentker, Floriane Sentker, Lars Dannhäuser und Oliver Theiler (von links). Foto: Frank Lober (© Frank Lober)

Detmold-Vahlhausen. Es ist ein Dorf mit einer langen Geschichte, das sich da vor den Toren der Stadt im Osten Detmolds befindet. In Vahlhausen prägen hübsche Fachwerkhäuser aus dem 16. Jahrhundert das Bild des Ortes, der bei lediglich rund 600 Einwohnern zudem ein reges Vereins- und Gemeindeleben vorweisen kann.

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Überregionale Bekanntheit erlangte das Dorf jedoch vor allem durch das „Orchester Vahlhausen Lippe Detmold", das sich von seinen Anfängen als Bläsergruppe innerhalb der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde Vahlhausen zu dem lippischen Vorzeigeorchester schlechthin entwickelte. Dabei ist es zugleich immer bei seinen Wurzeln geblieben.

Als Kirchenorchester der Gemeinde ist es bis heute durchschnittlich einmal im Monat an einem Gottesdienst beteiligt und so natürlich auch bei den großen Ereignissen wie Konfirmationen oder der Messe am Heiligen Abend mit dabei. In der kleinen Dorfkirche, die erst mit einem 1983 fertiggestellten Anbau ihre heutige Größe erhielt, nahm 1954 auch alles seinen Anfang: Acht Blechbläser taten sich zusammen und konzentrierten sich zunächst auf gottesdienstliche Aktivitäten, ehe einer der ersten Auftritte außerhalb der Kirche auf einem Ausflugsschiff auf der Weser stattfand, wie eine historische Aufnahme dokumentiert. Aus der kleinen Blechbläsergruppe entwickelte sich der Posaunenchor Vahlhausen, dessen musikalische Leitung 1966 ein gewisser Lothar Tarnow übernahm.

Fünf Jahre zuvor war er nach Lippe gekommen, um zusätzlich zu seiner Ausbildung zum Trompeter an der Musikfachgrundschule Rostock ein Musikstudium an der Musikakademie Detmold (heute Hochschule für Musik) aufzunehmen. Ebenfalls 1966 heiratete er seine Frau Christa – es sollte nicht der einzige langfristige Bund bleiben, den Lothar Tarnow in diesem Jahr einging. Noch bis heute leitet er das Ensemble, das mittlerweile als „Orchester Vahlhausen Lippe Detmold" firmiert.

Während eines Großteils seiner nun 64-jährigen Geschichte trug das Orchester jedoch noch einen ganz anderen Namen: Da es unter Tarnows Leitung ständig wuchs und neben den geistlichen Liedern mehr und mehr die geistliche Unterhaltung ihren Platz einnahm, erfolgte in den 1970er Jahren eine Umbenennung in „Vahlhauser Musikanten". Märsche, Polkas und Walzer, aber auch Musical- und Operettenmelodien sowie erste moderne Rhythme prägten im folgenden Jahrzehnt die Auftritte, das Ende der 1980er Jahre auch seine ersten Platten aufnahm. Der emsige Lothar Tarnow suchte derweil immer wieder neue musikalische Herausforderungen und steckte sich stets neue Ziele bei seiner Arbeit als Dirigent. In den 1990er Jahren wandte er sich mit seinen Musikern der Popularmusik zu. Seitdem sind moderne Arrangements aus dem Programm nicht mehr wegzudenken. Klassische Werke wie Ludwig van Beethovens „Air Pathétique", die „Feuerwerksmusik" von Georg Friedrich Händel und der „Bayerische Tanz" von Edward Elgar gehören ebenso dazu wie Blasmusik à la „Tulpen aus Amsterdam" von Ralf Arnie, „Swiss Lady" von Peter Reber oder der Radetzky-Marsch von Johann Strauß, aber eben auch Popularmusik wie „Ich war noch niemals in New York" von Udo Jürgens, „Skyfall" von Adele und sogar „Tage wie diese" von den Toten Hosen.

Um die musikalische Vielseitigkeit noch treffender zu dokumentieren, ist seit 2002 der heutige Name „Orchester Vahlhausen Lippe Detmold" in Gebrauch. Er zeigt auch den hohen Wirkungskreis über Vahlhausen und sogar über Detmold hinaus an. Neben zahlreichen Konzerten in ganz Lippe, von denen das stets ausverkaufte Jahresabschlusskonzert „Von Classic bis Pop" im Bad Meinberger Kurtheater und sein 2013 ins Leben gerufener „Ableger" in der Stadthalle Detmold, „Von Classic bis Pop im Frühling", die traditionellen Höhepunkte darstellen (siehe zweiter Artikel), ist eine jährlich im Juni wiederkehrende Konzertreise an die Ostseeküste obligatorisch. Von Cismar über Kellenhusen und Großenbrode bis hin zu Travemünde hat das Orchester bereits in zahlreichen Ostseebädern seine Visitenkarte abgeben. Durch Fernsehauftritte im WDR und ZDF wurde es zudem einem Millionenpublikum bekannt.

Was also 1954 mit acht Blechbläsern begann, hat sich über die Jahrzehnte zum absoluten lippischen Vorzeigeorchester im Ober- und Höchststufenbereich entwickelt, das heute über 60 Musikerinnen und Musiker zählt. Konzerte werden entsprechend in voller Besatzung angetreten, mit Holzbläsern (Querflöten, Piccoloflöten, Klarinetten, Sopransaxophon, Altsaxophone, Tenorsaxophone, Baritonsaxophon), Blechbläsern (Trompeten, Hoch-b-Trompeten, Flügelhörner, Waldhörner, Baritone, Posaunen, Bassposaune, Tuben) und weiteren Instrumenten (Schlagzeug, komplette Percussion inklusive Glockenspiel und Xylophon, Pauken, E-Bass, E-Gitarre, Keyboard sowie teilweise Alphorn). Das jüngste Mitglied ist neun Jahre alt, nach oben sind keine Grenzen gesetzt.

Es fällt auf, dass viele junge Menschen im „Orchester Vahlhausen Lippe Detmold" spielen. Für den Leiter ist das kein Zufall, sondern auf die Mischung aus Klassik, Big-Band-Sound und moderner Unterhaltungsmusik zurückzuführen. „Jugendliche kann man mit klassischer und für klassische Musik begeistern, muss ihnen aber zugleich ihre zeitgemäße Musik bieten", weiß Tarnow. Ganz nach dem Motto „Ein Orchester ohne Nachwuchs ist ein Orchester ohne Zukunft" hatte die Ausbildung der Jugendlichen seit Beginn seiner Tätigkeit einen besonderen Stellenwert. 2012 erhielt er den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland für sein musikalisches Lebenswerk.

Lothar Tarnow, der neben der Leitung der Proben und Konzerte auch für die Stimmverteilung, die Auswahl der Musikstücke, den Unterricht für die Blechbläser und die Inventarisierung der Instrumente zuständig ist, steht ein akribisch arbeitender Vorstand zur Seite, der von der ersten Vorsitzenden Susanne Sundhoff angeführt wird. Sie organisiert die Konzerte und die weiteren Aktionen des Orchesters, überdies ist sie Ansprechpartnerin für Orchestermitglieder und nach außen. Bei den organisatorischen Aufgaben innerhalb des Vereinslebens wird sie von Tim Schwabe unterstützt, der zudem Jugendwart ist. Kassenwartin Elke Lambracht ist derweil nicht nur für die Finanzen sowie den Schriftverkehr (gemeinsam mit Alke Dütting) zuständig, sondern auch für den Bestand der Konzertkleidung. Den Vorstand komplettieren Regine Tarnow (verantwortlich für den Online-Aufritt des Orchesters, Fotos und Plakate) und Katja Raschke (Pressearbeit), die für die Auftritte die Werbetrommel rühren. Mit Erfolg: Die Konzerte sind regelmäßig ausverkauft.

Das motiviert natürlich auch in den Proben, und so hat sich innerhalb des Orchesters eine besondere Gemeinschaft über alle Altersgrenzen hinweg entwickelt, die zugleich offen ist für Neueinsteiger. Ganz egal, ob sie erst ein Instrument lernen möchten oder bereits perfekt beherrschen: Interessierte sind jederzeit willkommen. Die Proben finden immer dienstags ab 19 Uhr in den Gemeinderäumen der Kirche in Vahlhausen statt.

Der Terminkalender ist prall gefüllt

Neben den monatlichen „Heimspielen" in den Gottesdiensten der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde Vahlhausen gastieren die Musiker zweimal im Jahr auch in der katholischen Kirche Heilig Kreuz in Detmold. Hinzu kommen weitere Auftritte in allen Teilen Lippes. Entsprechend prall gefüllt ist der Terminkalender.

Ob das Benefizkonzert der Detmolder Schützengesellschaft zu Jahresbeginn, die Feste zum 1. Mai in Diestelbruch und Cappel, „Musik im Park" im Sommer in Bad Meinberg oder das Residenzfest im Herbst auf dem Marktplatz Detmold: Die Vahlhausener Musiker sind zu jeder Jahreszeit sehr gefragt. Als singuläres Ereignis bleibt in diesem Jahr überdies der große Festakt zum Deutschen Wandertag in Erinnerung, der am 19. August im Landestheater Detmold stattfand. Die absoluten Höhepunkte sind jedoch in jedem Jahr die beiden wiederkehrende Konzerte, die das Orchester selbst organisiert.

So fand am 28. April wieder „Von Classic bis Pop im Frühling" in der Stadthalle Detmold statt. Neben Musik von Eric Clapton, Abba und Queen war allerhand oscarprämierte Filmmusik in dem Konzert zu hören, zu dem das Orchester neben Sopranistin Laura Ullrich und Tenor Julius Meder auch erstmals einen Violinisten eingeladen hatte. Mit dem Thema aus „Schindlers Liste" trug Tetsuro Kanai zu einem besonderen Gänsehautmoment bei. Erst kürzlich ließen sich wieder 700 Zuhörer in dem wie immer ausverkauften Kurtheater Bad Meinberg bei „Von Classic bis Pop" durch die verschiedenen musikalischen Genres führen. Erneut waren Meder und Kanai dabei, zudem brillierte Sängerin Kristin Schulz als Solistin.

Vor der Mitwirkung in den Gottesdiensten am 3. Advent in Heilig Kreuz (11 Uhr) und in der Christmesse an Heiligabend in der Kirche Vahlhausen (17 Uhr) ist das Orchester noch am morgigen Mittwoch, 5. Dezember, anlässlich der Eröffnung des Detmolder Weihnachtsmarktes ab 17 Uhr auf dem Marktplatz zu hören. Und wer noch ein Weihnachtsgeschenk sucht, ist mit Karten für das nächste „Von Classic bis Pop im Frühling" am 6. April 2019 ab 19.30 Uhr in der Stadthalle Detmold bestens beraten – erhältlich in allen bekannten Vorverkaufsstellen.

Kontakt

Orchester Vahlhausen

Lippe Detmold

1. Vorsitzende

Susanne Sundhoff

Telefon: (05231) 21165

Musikalischer Leiter

Lothar Tarnow

Telefon: (05231) 50105

Internet: www.orchester-vahlhausen.de

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