Anwalt: 50 Prozent der Sexualtäter bekommen ihre gerechte Strafe

Verteidiger Ulrich Kraft im Interview

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Ist Ihr Ehrgeiz, Ihrem Klienten eine möglichst geringe Strafe oder die gerechte Strafe zu verschaffen?
KRAFT: Um es mal so auszudrücken: Ich darf und werde meinem Mandanten nie raten, etwas Falsches zu sagen, damit er besser da steht. Ich kann ihm aber raten, nichts zu sagen, damit nicht herausgefunden werden kann, was passiert ist. Niemand muss sich selbst belasten. Wir haben in fast keinem anderen Rechtsbereich diese Aussage-gegen-Aussage-Konstellation, bei der es besonders schwierig ist herauszufinden, wer glaubhaft ist.

Wie kann man da noch sagen, wer die Wahrheit sagt?
KRAFT: Da kommt die Aussagepsychologie ins Spiel. Die Psychologen können nicht sagen, was wahr oder unwahr ist. Aber sie können sagen, das, was derjenige sagt, hat er so erlebt. Zum Beispiel wenn die Details konstant bleiben. Sie können keine Lüge erfinden und sie immer in der gleichen Art und Weise erzählen.

Wie viel Prozent der Sexualtäter bekommen denn Ihrer Erfahrung nach ihre gerechte Strafe?
KRAFT: Ach, ich denke schon, das sind mindestens 50 Prozent.

Dass klingt sehr optimistisch. Müsste man nicht sagen: Es sind nur 50 Prozent?
KRAFT: Es ist ungeheuer schwer, die Wahrheit herauszufinden. Gerade in solchen Fällen. Bei Sexualdelikten ist es häufig so, dass Leute freigesprochen werden, die eigentlich eingesperrt werden müssten. Aber es gibt auch viele Fälle, in denen Leute verurteilt werden, die freigesprochen werden müssten. Ich bin der festen Meinung, dass es nicht möglich ist, genau das herauszufinden, was gewesen ist. Stattdessen wird im Prozess eine Wahrheit konstruiert.

Haben Sie noch schlaflose Nächte nach Fällen, die nicht zu den guten 50 Prozent gehören?
KRAFT: Ja. Aber man bekommt Routine und weiß, dass das dazugehört. Trotzdem denkt man schon darüber nach. Aber ich bin immer ein Teil des Regelwerks.

Warum Regelwerk?
KRAFT: Wir müssen die Fälle immer nach den Regeln beurteilen, die wir haben. Die Regeln sind wichtiger als der Einzelfall. Und trotzdem muss man das Regelwerk immer wieder neu in Frage stellen.

Und was ist mit der moralischen Schuld?

KRAFT: Das ist keine Frage der Moral. In den 70er Jahren, als ich studierte, wurde noch Homosexualität strafrechtlich verfolgt. Das wurde moralisch begründet.

Was ist die grundlegende Änderung?
KRAFT: Heute wird durch das Sexualstrafrecht nur die Selbstbestimmung geschützt. Wer nicht alt genug ist, um selbst zu entscheiden, ist grundsätzlich geschützt. Davon abgesehen darf jeder mit seiner Sexualität machen, was er will, aber er darf zu nichts gezwungen werden.

Und das ist nicht selbstverständlich?
KRAFT: Ich bin schon der Meinung, dass das Frauenbild, das immer noch in der Öffentlichkeit propagiert wird, Sexualdelikte fördert. Wenn ein spezielles Bewusstsein herrscht, wie mit Frauen umgegangen werden kann, dann muss man sich klarmachen, was passieren kann.

Manche Menschen finden die Strafen, wie sie heute ausgesprochen werden, zu lasch. Finden Sie sie gerecht?

KRAFT: Wir haben seit vielen Jahren ein sich ständig verschärfendes Sexualstrafrecht, bei langfristig zurückgehenden Zahlen von Sexualstraftaten. Und sie fielen schon, bevor man begonnen hat, die Strafen zu erhöhen. Die Erhöhung von Mindest- und Höchststrafen finde ich nicht sinnvoll.  Eine Debatte um "Wegsperren" verhindert die notwendige Auseinandersetzung um Fragen unseres sozialen Zusammenlebens, um Sexismus und Rassismus.

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