"Reise ins Eis" feiert Premiere im Theater

Ballett im Wintermantel

Dietmar Gröbing

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Extremsituation: Im Eis kämpfen die Protagonisten ums Überleben. - © Christoph Meinschäfer
Extremsituation: Im Eis kämpfen die Protagonisten ums Überleben. (© Christoph Meinschäfer)

Paderborn. Draußen eitel Sonnenschein. Drinnen Eis und Schnee. Das schafft nur das Kino. Oder das Theater. In diesem Fall das Theater Paderborn, wo Samstag erstmals "Die Reise ins Eis" als Uraufführung über die Studiobühne ging.

Wir schreiben das Jahr 1872: Eine österreichisch-ungarische Expeditionsgruppe bricht gen Spitzbergen auf. Ziel ist die Ortung der legendären Nord-Ost-Passage. Ein Unterfangen, dem Carl Weyprecht (Willi Hagemeier) und Julius Payer (Alexander Wilß) ihren Stempel aufdrücken wollen. Gemeinsam mit vier weiteren Seglern (Stephan Weigelin, Matthias Belgard, Markus Schultz, Denis Wienke) sticht man hoffnungsfroh in See.

Die Natur allerdings schert sich wenig um Erwartungshaltungen. Sie macht, was sie will. Folglich sieht sich das gecharterte Schiff vom Packeis umklammert und nicht wieder freigegeben. Monatelange Kälte und Finsternis nagen am Gesundheitszustand und Selbstverständnis der Crew. Isolation, Hunger und die Allgegenwärtigkeit des Todes sind tägliche Begleiter. Genau wie der ungebrochene Forschungsdrang, der die Männer schließlich eine unter Gletschern erhaltene Inselgruppe entdecken lässt. Eis ist ein guter Konservierer.

Wohl auch deshalb sieht der in Wien lebende Italiener Josef Mazzini (Max Rohland) gut hundert Jahre nach der Polarexpedition immer noch ein Faszinosum in ihr. Ein so großes Faszinosum, dass er sich entschließt, die Passage nachzuvollziehen. Zum Unverständnis seiner Lebensgefährtin, der Buchhändlerin Anna Koreth (Anne Bontemps). Mehr und mehr steigert sich Mazzini in das Schicksal des Sextetts hinein und erweckt es durch seine Fabulierlust zum Leben. Während vorher nur der linke Bühnenteil bespielt wurde, öffnet sich nun auch der rechte. Und mit ihm der Blick auf ein subjektives Geschehen. Subjektiv deshalb, weil Mazzini die Vergangenheit "neu entwirft". Dabei werden logische, zeitliche und räumliche Grenzen aufgehoben, denn "das nördliche Polarmeer liegt vor meinem Fenster." Und vor dem Auge des Zuschauers, der sechs Männer in Slow Motion ums Überleben kämpfen sieht. Doch Vorsicht, die Wahrheit besitzt die Brüchigkeit einer Eisscholle. Alles, was man betrachtet, sind nichts weiter als die Projektionen Josef Mazzinis. Der ist gleichsam Erzähler und Illusionist in einer Person. Dementsprechend könnte das Geschehen auch ein Hirngespinst sein. Oder die Vision eines Theatermachers, der seine ganz persönliche Sicht der Dinge vor großem Publikum zur Aufführung bringt.

Was uns zu Katharina Kreuzhage führt, die als Regisseurin verantwortlich zeichnet. Auch sie hat aus der Vorlage von Christoph Ransmayr ihre eigene Geschichte geformt, hat die Ecken rundgefeilt und das Ganze in eine szenische Form überführt. Dabei gelingt Kreuzhage unter Mithilfe der kongenialen Bühnenbauer Ariane Scherpf und Tobias Kreft ein kühner Entwurf, der unter dem Deckmantel des Zeitreisedramas vom Verschwinden des Individuums erzählt.

Das funktioniert auch deshalb vorbildlich, weil das achtköpfige Ensemble am Limit agiert. Derweil Max Rohland einen wahren Textberg zu erklimmen hat (und ihn bravourös meistert), sind alle weiteren Rollen eher mit spärlichem Dialog versehen.

Anne Bontemps verharrt die meiste Zeit in Lauerstellung, agiert aber auf den Punkt, wenn sie gefragt ist. Auch die Darsteller der arktischen Expedition brillieren eher durch physische denn durch verbale Komponenten. Wo es nichts zu sagen gibt, lässt man(n) den Körper sprechen. Und formt ein Zeitlupenballett im Wintermantel.

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