Krankenkassen-Beitrag frisst die Rente auf

Zwei Frauen kämpfen gegen horrende Zahlungen an Krankenversicherung

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Teuer: Die Beiträge für eine freiwillige Krankenversicherung fressen bei Marianne Nolting aus Lemgo und Eva Koslowski aus Bielefeld einen Großteil ihrer Rente auf. - © picture alliance / dpa
Teuer: Die Beiträge für eine freiwillige Krankenversicherung fressen bei Marianne Nolting aus Lemgo und Eva Koslowski aus Bielefeld einen Großteil ihrer Rente auf. (© picture alliance / dpa)
Kampf gegen die Bürokratie: Marianne Nolting (l.) und Eva Koslowski wollen sich mit der 9/10-Regel nicht abfinden. - © Martin Fröhlich
Kampf gegen die Bürokratie: Marianne Nolting (l.) und Eva Koslowski wollen sich mit der 9/10-Regel nicht abfinden. (© Martin Fröhlich)

Bielefeld. Sie haben ihre Kinder großgezogen, haben jahrzehntelang gearbeitet und ins Sozialsystem eingezahlt. Dennoch wird ihnen als Rentnerinnen die Pflichtmitgliedschaft in der Krankenversicherung der Rentner verwehrt. Stattdessen sollen sie sich zu horrenden Sätzen freiwillig versichern. Das treibt zwei Frauen auf die Barrikaden.

Eva Koslowski aus Bielefeld und Marianne Nolting aus Lemgo sind fassungslos: "Wir werden dafür bestraft, dass wir nach der Zeit als Mütter wieder arbeiten gegangen sind." Hätten sie das nicht getan, stünden sie jetzt nicht vor dem Problem. Doch von vorn.

Als Eva Koslowski 2012 ihren Rentenantrag stellte, erwähnte niemand etwas von einer 9/10-Regelung. Alles schien nach Plan zu laufen. Bis Nachfragen nach dem Einkommen des Mannes kamen. "Da wurde ich stutzig", sagt Koslowski. Es folgte der Schock: Sie musste sich freiwillig krankenversichern - für 225 Euro im Monat bei gut 400 Euro Rente. Ähnlich bei Marianne Nolting: Sie soll von 570 Euro Rente 309 Euro Beitrag berappen.

Wer 9/10-Regel nicht erfüllt, muss sich freiwillig versichern

Zum Verhängnis wurden ihnen zwei Faktoren: Beide sind mit Beamten verheiratet und waren über diese während der Erziehungszeit in der privaten Krankenversicherung mitversichert. Und beide erfüllen die 9/10-Regelung nicht. Nach dieser wird nur Pflichtmitglied in der Krankenversicherung für Rentner, wer in der zweiten Hälfte der Erwerbszeit vor Einreichen des Rentenantrags zu 90 Prozent gesetzlich versichert war.

Wer diesen Wert nicht erfüllt, wird nicht aufgenommen und muss sich freiwillig versichern. Zur Bemessung der Beiträge zieht die Versicherung auch die Bezüge des Ehepartners heran sowie sonstige Einkünfte. Deshalb ergibt sich oft trotz magerer Rente ein hoher Beitrag.

Doppelt schmerzlich ist das für die Frauen, weil ihnen nur wenige Monate zu den 90 Prozent fehlen. "Hätte ich davon gewusst, hätte ich länger gearbeitet", sagt Eva Koslowski. Als sie versuchte, ihren Rentenantrag zu stoppen, hieß es, das sei nicht mehr möglich. Sie klagt deshalb vor dem Sozialgericht in Detmold.

Ganz hart trifft es Witwen

Koslowski und Nolting haben sich an den Petitionsausschuss des Bundestages gewandt. Sie sind nicht die einzigen Ehefrauen oder Witwen von Beamten mit diesem Problem. "Inzwischen haben 90 weitere Betroffene eine Petition eingereicht." Die Fälle seien oft noch dramatischer als ihr eigener, sagt Koslowski. "Ganz hart trifft es Witwen, die den Beitrag nicht über die Pension des Mannes abfangen können. Da haben wir noch Glück im Unglück, weil unsere Männer noch leben."

Einer Mitstreiterin aus München bleiben nach Abzug von Krankenversicherungsbeitrag und Miete noch 180 Euro zum Leben. In anderen Fällen müssen die Frauen mehr Beitrag zahlen, als sie überhaupt Rente bekommen. Und einer Frau fehlen unglaubliche elf Tage Arbeitszeit.

Neben der Regelung an sich macht die beiden wütend, dass sie weder von der Krankenkasse noch von der Rentenversicherung vorgewarnt wurden. "Niemand hat etwas gesagt. Es hieß nur, wir sollten den Antrag ausfüllen", so Nolting.

Petitionsausschuss will sich vielleicht mit dem Thema befassen

Getroffen fühlen sich die Frauen durch die hochnäsigen Reaktionen, die sie erfahren haben. "Da kommt das Klischee vom wohlhabenden Beamten, der ja genug verdient habe, um solche Beiträge zu finanzieren", sagen sie. Das gehe am Thema vorbei und sei noch dazu falsch. "Unsere Männer waren und sind im mittleren Dienst, da macht man keine großen Sprünge."

Geschrieben haben sie schon viele Briefe. Auch an mehrere Bundesminister. Auf viel Interesse seien sie nicht gestoßen. "Offenbar sind wir noch zu wenige", vermutet Koslowski. Zuletzt aber meldete sich der CDU-Bundestagsabgeordnete Thomas Strobl. "Er schreibt, dass der Petitionsausschuss sich vielleicht noch in diesem Sommer mit dem Thema befasst."

Falls alles nicht hilft, wollen die Frauen eine Sammelklage beim Europäischen Gerichtshof einreichen. "Ich kann Ungerechtigkeiten nicht ausstehen, und das hier ist eine große", sagt Eva Koslowski.

Stolperfalle

Die 9/10-Regelung wurde 1989 eingeführt und später ausgeweitet. Sie soll verhindern, dass Versicherte im Alter aus der teurer werdenden privaten Krankenversicherung in die günstigere gesetzliche Krankenversicherung für Rentner wechseln.

Die Regelung ist nicht einfach zu verstehen und wird nur am Beispiel nachvollziehbar: Hat eine Frau 40 Jahre gearbeitet, muss sie in den letzten 20 Jahren (die Hälfte) ihres Berufslebens mindestens 18 Jahre gesetzlich krankenversichert sein.

Frauen, die über ihre verbeamteten Männer familienversichert waren und zu spät wechseln, erwischt die 90-Prozent-Regelung oft kalt. Auch weil die ganze Zeit der Berufstätigkeit angerechnet wird inklusive der Jahre vor der Eheschließung. Ähnliches gilt für Selbstständige.

Schnelle Hilfe:

Betroffene können Kontakt zu Eva Koslowski unter 0521-48326 aufnehmen.

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