Deshalb lassen sich immer mehr Paare nach der Silberhochzeit scheiden

Carolin Nieder-Entgelmeier

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Das symbolische Band wird gelöst. Wenn die Scheidung ansteht, verliert auch der Ehering seine Bedeutung. - © Pixabay
Das symbolische Band wird gelöst. Wenn die Scheidung ansteht, verliert auch der Ehering seine Bedeutung. (© Pixabay)

Berlin/Bielefeld. Ehepaare in Deutschland lassen sich immer seltener scheiden. 2017 endeten 153.500 Ehen vor dem Scheidungsrichter, davon 3.912 in Ostwestfalen-Lippe, so wenig wie seit 25 Jahren nicht mehr. Gleichzeitig steigt der Anteil später Scheidungen.

Fast 20 Prozent der Ehepaare, die sich scheiden lassen, haben bereits die Silberhochzeit gefeiert oder sind noch länger verheiratet. Der Anteil hat sich seit Anfang der 1990er-Jahre verdoppelt. Ein Trend, der vom späten Auszug der Kinder und unterschiedlichen Erwartungen an das Leben und die Ehe beeinflusst wird.

In ihrer Kanzlei berät Scheidungsanwältin Petra Hecker-Buschkamp immer häufiger Klienten, die sich nach 25 Ehejahren oder später von ihrem Partner scheiden lassen. „Für viele Menschen in dem Alter beginnt mit dem Auszug der Kinder ein neuer Lebensabschnitt", erklärt die Bielefelder Fachanwältin für Familienrecht. „Dabei geht es bei so späten Scheidungen häufig um unterschiedliche Vorstellungen von der neuen Lebensphase, wenn die Kinder aus dem Haus sind."

Der eine Partner arrangiert sich damit, dass das Leben ruhiger wird und richtet sich darauf ein. Der andere Partner will sich weiter entwickeln und nicht mit einem ruhigeren Leben abfinden, erklärt Hecker-Buschkamp. „So entwickeln sich Paare spät auseinander." Themen wie Gewalt, Alkoholabhängigkeit oder Untreue spielen bei späten Scheidungen nur noch eine untergeordnete Rolle. „Auch Rosenkriege werden im Alter weniger, weil es keinen Streit um das Sorgerecht der Kinder oder Unterhalt gibt", weiß Hecker-Buschkamp. Zudem erklären Klienten häufig, dass sie sich erst spät scheiden lassen, weil sie dann ihren, mittlerweile erwachsenen Kindern, die aus dem Haus sind, nicht mehr schaden.

Vor der Scheidung suchen Betroffene Hilfe bei Psychologen

Vor einer Scheidung suchen immer mehr Paare Hilfe bei Beratungsstellen. „Ältere Frauen sind häufig enttäuscht, weil ihre Männer im Ruhestand inaktiv werden, während ältere Männer sich genau darauf, also ein ruhiges Leben gefreut haben", erklärt Psychologin Maria Canovai von der Gesellschaft für Sozialarbeit in Bielefeld. „Bei älteren Männern, die sich trennen, sind häufig neue Beziehung der Auslöser für eine so späte Veränderung im Leben. Häufig geht es dabei um neue, jüngere Partnerinnen."

Die soziologische Forschung macht für den Trend zur späten Scheidung vor allem Ehefrauen verantwortlich, weil durch die zunehmende Erwerbstätigkeit von Frauen Ehe nicht mehr länger der einzige Versorgungsgarant im Alter ist.

Die Frankfurter Psychologin Insa Fooken beschäftigt sich seit langem mit dem Phänomen der späten Scheidungen. Für das Auseinandergehen nach Jahrzehnten gebe es verschiedene Auslöser, besonders häufig stellen Paare aber nach dem Auszug der Kinder fest, dass sie sich nicht mehr viel zu sagen haben.

Menschen mit 50 oder 60 ziehen eine Art Lebensbilanz

Mit diesem Problem kommen auch viele Paare in die Beratung des Beratungszentrums der lippischen Landeskirche. „Mit dem Auszug der Kinder fällt die gemeinsame Aufgabe Familie weg und das schafft oft Leere", erklärt Leiterin Susanne Eerenstein. Zudem ziehen Menschen mit 50 oder 60 in dieser neuen Lebensphase häufig eine Art Lebensbilanz, weiß die Pfarrerin. „Viele fragen sich dann mit Blick auf die nächsten 20 Jahren: Ist das alles gewesen?" Dabei werde häufig die Partnerschaft in Frage gestellt, weil etwas Verbindendes wie die Erziehung der Kinder fehlt.

Diese Erfahrung hat auch das Ehepaar Meier (Name von der Redaktion geändert) gemacht. Das Paar möchte über ihre Trennung sprechen, um andere Paare zu warnen, aber nicht öffentlich. „Als unsere Kinder ausgezogen sind, hatten wir plötzlich keine gemeinsame Aufgabe mehr", erklärt Klaus Meier. „Wir hatten viel Zeit zu zweit, waren darauf aber nicht vorbereitet", ergänzt Angelika Meier. Obwohl Zeit und Geld da sind, um gemeinsam etwas zu unternehmen, kommt das Paar nicht mehr auf einen Nenner. „Wir waren beide enttäuscht, was zu viel Streit und Unzufriedenheit geführt hat."

Klaus und Angelika Meier leben noch ein paar Jahre so weiter, bis sie die Trennung beschließen, nach 27 Jahren Ehe. „Wir hätten eine neue, gemeinsame Aufgabe finden müssen. Genau das raten wir auch Paaren", so Meier.

Scheidungen haben finanzielle Nachteile für beide Partner

Neben dem Auszug der Kinder spielen in Paarbeziehungen auch berufliche Veränderungen eine große Rolle, erklärt Psychologin Fooken. „Insbesondere der Eintritt ins Rentenalter ist ein Einschnitt, der zwar mehr Freiräume, aber auch neue Belastungen mit sich bringt." Auslöser für späte Scheidungen können aber auch Erlebnisse wie runde Geburtstage, Trennungen im Bekanntenkreis oder Kuraufenthalte sein. „All diese Erlebnisse können dazu führen, dass eine Partnerschaft nach langer Zeit infrage gestellt wird."

In jedem Fall sind Scheidungen nach Angaben der Experten belastend. „Niemand ist stolz auf eine Scheidung, weil damit immer auch das Gefühl einer Niederlage der eigenen Vorstellungen einhergeht", erklärt die Bielefelder Scheidungsanwältin Petra Hecker-Buschkamp.

Zudem haben Scheidungen immer finanzielle Nachteile für beide Partner. „Ökonomisch betrachtet ist es besser, wenn Paare nach der Trennung verheiratet bleiben." Auch die klassische Lebensplanung im Mittelstand mit einem Haus, das mit Beginn des Ruhestands abbezahlt ist, könne nach einer Scheidung nicht einfach so fortgeführt werden, erklärt Hecker-Buschkamp. Hinzu kommen höhere Kosten des Allein-Lebens: Versicherungen müssen von Familien- auf Singleverträge umgestellt werden, der Kfz-Schadenfreiheitsrabatt kann nur von einem genutzt werden und die Krankenversicherung wird teurer.

Information

Das Trennungsjahr ist nicht obligatorisch

Das Trennungsjahr ist für eine Scheidung nicht unter allen Umständen obligatorisch: Leidet ein Partner so massiv unter Handlungen des anderen, dass bei ihm psychische Probleme eintreten, ist auch eine vorzeitige Härtefall-Scheidung möglich. Das geht aus einem aktuellen Urteil des Kammergerichts Berlin hervor (Az.: 13 WF 183/17). In dem Fall litt ein Mann so sehr unter dem Verhalten seiner Noch-Ehefrau , dass er Depressionen entwickelte und seine Arbeitsfähigkeit eingeschränkt war.

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