Trinkwassernotstand in OWL - ein Skandal mit Ansage

Einige OWL-Städte verbieten das Gießen von Gärten. Ein Ordnungsgeld wird angedroht. Das Problem ist längst erkannt – doch wo bleiben die Lösungen?

Matthias Bungeroth

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Einige Städte in OWL rufen zum Wasser sparen auf und drohen mit Bußgeldern. - © Pixabay
Einige Städte in OWL rufen zum Wasser sparen auf und drohen mit Bußgeldern. (© Pixabay)

Bielefeld/Löhne. Erneut steht Ostwestfalen-Lippe vor einem heißen Wochenende mit Temperaturen deutlich über 30 Grad Celsius. Die tropischen Verhältnisse lassen den Wasserverbrauch vieler Haushalte vor allem ab dem späten Nachmittag steigen. In Löhne, Bad Oeynhausen und einigen Kommunen im Münsterland greift man zu einem drastischen Mittel.

Per Verordnung und Androhung eines Ordnungsgeldes von bis zu 1.000 Euro werden die Bürger aufgefordert, kein Trinkwasser für die Bewässerung von Gärten oder das Befüllen von Pools zu verwenden. „Das war das erste Mal, dass es so was gegeben hat", so Löhnes Bürgermeister Bernd Poggemöller.

"Wir haben kein Wassermengenproblem"

Überraschend: Die meisten anderen Kommunen der Region können den hohen Wasserbedarf decken, wenn es auch zu Hochlastzeiten zu einem geringeren Druck in den Leitungen kommen könne, wie einige Experten bestätigen. Die Stadtwerke Bielefeld haben am vergangenen Dienstag 75.000 Kubikmeter Trinkwasser abgegeben. Ein Rekord seit 1995. Die Versorgung sei aber gewährleistet, so Sprecherin Birgit Jahnke. Es gebe Brunnen in bis zu 600 Metern Tiefe.

Joachim Fettig, Professor für Wassertechnologie an der TH OWL, bestätigt dieses Bild. „Wir haben derzeit in Deutschland kein Wassermengenproblem", sagt der Experte auf Anfrage. Denn das Wasser, das aus den Hähnen der Haushalte fließe, werde zu 70 Prozent aus Grund- und Trinkwasser gespeist. „In einigen Jahren erst könnten sich dort klimatische Veränderungen zeigen."

"Versorgungssysteme stellen keine ausreichenden Reserven zur Verfügung"

Die aktuellen Probleme in einigen Kommunen hängen aus Fettigs Sicht damit zusammen, „dass die Versorgungssysteme keine ausreichenden Reserven zur Verfügung stellen". Er sehe diesen Aspekt etwa in Löhne „als nicht ausreichend gegeben an".

Es gebe etwa das Phänomen der Brunnenverockerung, also das Ausfällen von Eisenhydroxiden in Wassergewinnungsanlagen, die in Brunnen für einen Rückgang der förderbaren Wassermengen sorgten. Hinzu komme das Problem der nicht ausreichenden Speicherkapazitäten in den Wasserbehältern.

Löhne plant zweiten Wasserhochbehälter

Was jetzt als Ultima Ratio gemacht werde, „verursache Unsicherheit bei den Bürgern". Es gebe eine Versorgungspflicht, die unbedingt zu erfüllen sei. „Wenn eine Rohrleitung trockenfallen würde, könnte es zu einer Verkeimung kommen", so Fettig. Eine Folge könne sein, dass Verbraucher Trinkwasser etwa zehn Tage lang abkochen müssten.

Löhnes Bürgermeister Poggemöller erläutert, dass ein ähnliches Problem wie jetzt 2017 das erste Mal aufgetaucht sei. Deshalb habe man den Bau eines zweiten Wasserhochbehälters auf den Weg gebracht. „Das Grundstück und der Plan sind da". Die Kosten betrügen vier Millionen Euro. Er könne allerdings nicht garantieren, dass der Behälter „mit allem Drum und Dran schon im nächsten Jahr fertig" sei.

"Ein Skandal mit Ansage"

Ein Kommentar von Matthias Bungeroth

Die Verbraucher und Gewerbetreibenden in Deutschland haben ein Recht darauf, 365 Tage im Jahr in ausreichendem Maße mit Trinkwasser versorgt zu werden. Das Wasservorkommen ist da, wie Experten sagen. Wenn es doch dazu kommt, dass in einigen Kommunen Lautsprecherwagen nach drei Tagen Hitze durch die Straßen fahren, um Bürgerinnen und Bürgern den Gebrauch von Trinkwasser für bestimmte Zwecke unter Androhung eines Ordnungsgeldes zu untersagen, dann ist das System seiner Versorgungspflicht nicht gerecht geworden.

Dies darf man in einem Hightech-Land wie der Bundesrepublik, die gerade beim G20-Gipfel in Japan die Geschicke des Welthandels und der Weltpolitik mitgestaltet, getrost als Skandal bezeichnen. Alle Verantwortlichen müssen so rasch wie möglich dafür sorgen, dass sich ein solcher Vorgang nicht wiederholt.

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