Öko-Binden: Wie eine Bielefelderin mit ihrer Geschäftsidee die IHK irritiert

Sarah Heise

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- © Pixabay: Symbolbild
Damenbinde (© Pixabay: Symbolbild)

Bielefeld. Die Gründungsidee kam unverhofft: Als Ange Gruschka (32) im Frühjahr 2017 die Stoffwindeln ihres Sohnes wegräumte, wurde ihr bewusst, wie viel Plastikmüll sie vermieden hatte. „Dazu kam, dass ich nach meiner Schwangerschaft konventionelle Hygieneprodukte nicht mehr vertrug und mich beruflich verändern wollte", erklärt Gruschka.

Und so setzte sich die gelernte Fotografin an ihre Nähmaschine und entwickelte das erste Schnittmuster für eine wiederverwendbare Binde – aus Stoff statt Plastik. Sie probierte verschiedene Materialien und Schnitte, ließ Freundinnen und Familienmitglieder testen und setzte das Feedback um. Ende 2018 gründete sie schließlich ihr Label „Finah Vagina" und irritierte mit ihrer sehr weiblichen Geschäftsidee zunächst bei der IHK.

Geschäftsidee irritiert die IHK

„Ich wollte etwas erschaffen, das Mehrwert hat", erinnert sich Gruschka an die Anfänge. Mittlerweile sind so drei verschiedene Varianten mit den außergewöhnlichen Namen „Strong Susie", „Catchie Carol" oder „No Special Occasion Olivia" entstanden. Zwischen 15 und 20 Euro kostet eine Binde und ist in der Anschaffung somit durchaus teuer im Vergleich zu den Einwegprodukten aus dem Drogeriemarkt.

Doch die Binden werden nach der Benutzung bei 60 Grad in der Waschmaschine gewaschen und können so wiederverwendet werden. „Die Lebensdauer einer Stoffbinde beträgt je nach Nutzung zwischen zwei und drei Jahren und ersetzt rund 150 konventionelle Binden und Tampons", sagt Gruschka. Mit den Stoffbinden, die viele noch „von früher" kennen, seien die Produkte nicht vergleichbar, nicht zuletzt durch die vereinfachte und hygienische Reinigung in der Waschmaschine.

Im Februar stellte Gruschka ihr Label beim Ideenpitch für StartUp-Unternehmen der IHK Bielefeld vor und erinnert sich an anfänglichen Berührungsängste der Jury. „Aber ich habe gemerkt, dass durch die Selbstverständlichkeit meiner Sprache das Thema während des Gesprächs immer normaler wurde."

Ein paar Wochen später kam der Zuwendungsbescheid und damit die Gewissheit, dass sie für das Gründerstipendium NRW ausgewählt wurde. Mit dem Förderprogramm unterstützt das NRW-Wirtschaftsministerium Gründerinnen und Gründer beim Start in die Selbstständigkeit mit 1.000 Euro monatlich über ein Jahr. „Das Stipendium bedeutet, dass ich etwas sorgenfreier in das Projekt investieren kann", so die junge Mutter.

Voraussetzung für die Förderung ist ein innovativer und zukunftsweisender Charakter der StartUps. Zukunftsweisend ist sicherlich der nachhaltige Gedanke von „Finah Vagina".

152 Kilo Müll können pro Frau vermieden werden

Laut dem Plastikatlas 2019, einer gemeinsamen Veröffentlichung des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und der Heinrich-Böll-Stiftung, verbraucht jede Frau durchschnittlich 12 675 Binden oder Tampons in ihrem Leben. Umgerechnet sind das 152 kg Müll, die vermeidbar ist. „Abfall entsteht ja nicht nur bei Nutzung, sondern auch bei der Produktion und der Verpackung", sagt Gruschka, die für die Banderolen ihrer Produkte Papier-Einkaufstüten recycelt.

Die Müllvermeidung war auch für Kundin Lena Wagner der Beweggrund, auf die die wiederverwendbaren Slipeinlagen von „Finah Vagina" umzusteigen. Mittlerweile sei sie aber auch von den Auswirkungen auf die Hygiene begeistert, die sie auf die Bio-Baumwolle zurückführt. „Seitdem habe ich kaum noch Probleme, während ich vorher oft unter Infektionen zu leiden hatte", sagt die 30-Jährige. Auf die Qualität der Stoffe legt Gruschka viel Wert und verarbeitet ausschließlich Bio-Stoffe. Der Saugkern der Binden besteht aus Bambusviskose, die auch bei Stoffwindeln verwendet wird.

Erhältlich sind ihre Produkte bereits seit mehreren Monaten im Unverpackt-Laden „Losgelöst" am Siegfriedplatz. „Unsere Kunden haben von Anfang an nach wiederverwendbaren Menstruationsprodukten gefragt", berichtet Losgelöst-Mitbegründerin Kathrin Kappelmann. Sehr bewusst hätten sie sich gegen andere Anbieter entschieden, für die Produkte von Gruschka spreche neben der Qualität auch die Tatsache, dass das Produkt regional im Viertel hergestellt wird.

Auch für die Kunden scheinen dies gute Argumente zu sein: „Die erste Auflage von 50 Stück war nach sechs Wochen komplett ausverkauft", berichtet Gruschka. Trotz der hohen Nachfrage sei ihr von Anfang an ein langsames und bewusstes Wachstum wichtig gewesen. „Ich stehe hinter dem Manufaktur-Gedanken. Mir ist nicht die Masse wichtig, sondern die Qualität jedes einzelnen Produktes", so Gruschka, die zum damaligen Zeitpunkt noch in ihrer Wohnung an ihrer privaten Nähmaschine produzierte. Durch Unterstützung von „Losgelöst" arbeitet sie mittlerweile mit einer Industrienähmaschine. „Das hat das Arbeiten enorm erleichtert, weil ich dadurch die Produktionszeit fast halbieren konnte."

Mit ihrem Label möchte die Bielefelderin auch mit Tabus brechen. „Die Frage nach einem Tampon oder einer Binde läuft oft versteckter ab als mancher Drogendeal", sagt die 32-Jährige. Daher sei ihr eine ästhetische Gestaltung der Produkte wichtig. Werben konventionelle Produkte häufig mit Worten wie „diskret" und „unauffällig", kommen die „Finah Vagina" Produkte auffallend farbenfroh daher, viele Stoffe färbt sie selber ein. „Ein Produkt, das optisch ansprechend ist und positiv aussieht, erleichtert es über das Thema zu reden", so Gruschka.

„Ich möchte niemanden bekehren"

Sie leistet auf ihrem Instagram-Account „finahvagina" auch Aufklärungsarbeit rund um das Thema Menstruation. Und das scheint zu funktionieren: vor einigen Wochen meldeten sich zwei Lehrerinnen, die das Angebot der Bielefelderin im Unterricht verwenden möchten, um Berührungsängste mit dem Thema abzubauen.„Ich möchte dazu beitragen, dass wir offener mit solch eigentlich normalen Themen umgehen können", erklärt Gruschka.

Im Mai bezog Gruschka eine Ladenfläche an der Jöllenbecker Straße, die sie für die Produktion und Produktentwicklung nutzt. „Ich würde gerne der Nachfrage gerecht werden und beispielsweise auch wiederverwendbare Wochenbetteinlagen oder Inkontinenzeinlagen für Männer produzieren", erklärt sie. Doch die Binden und Slipeinlagen sollen weiterhin zentraler Bestandteil des Labels bleiben, denn auch nach fast einem Jahr „Finah Vagina" ebbe die Nachfrage nicht ab.

Gruschka ist sich bewusst, dass die Wahl der Hygieneprodukten eine sehr persönliche ist. „Ich möchte niemanden bekehren. Aber ich möchte eine Alternative für diejenigen bieten, die sie suchen."

Information
Mehr Informationen unter:
www.finahvagina.com

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