Von Ausgrenzung bis Mobbing: Das Leben der Angehörigen nach einem Suizid

Jan-Henrik Gerdener

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Simone Wehking und Frauke T. mussten beide den Suizid ihres Mannes erleben - © Jan-Henrik Gerdener
Simone Wehking und Frauke T. mussten beide den Suizid ihres Mannes erleben (© Jan-Henrik Gerdener)

Bielefeld. Am 10. November 2009 nahm sich der Fußballspieler Robert Enke das Leben. In den zehn Jahren seitdem hat sich einiges in der öffentlichen Wahrnehmung von Depression und Suizid getan. "Es gab auf einmal einen Wandel. Es wurde viel sachlicher berichtet und öffentlich diskutiert. Das hat mir damals sehr geholfen", sagt Simone Wehking (54). Vor 15 Jahren nahm sich auch ihr Mann das Leben. Dennoch erfuhren sie und Frauke T. (64) viel Unverständnis im beruflichen und sozialen Umfeld. Auch die 64-Jährige musste nicht nur den Suizid ihres Mannes, sondern auch den ihrer besten Freundin erleben. Im Gespräch berichten beide über das Leben nach dem Suizid des Partners und wie Suizid immer noch sehr stigmatisiert ist.

"Viele Menschen fragen nicht, wie es einem geht."

"Das schlimmste ist wirklich die Reaktion der Menschen", sagt Frauke T. "Ich wurde zum Beispiel aufgefordert, nicht auf der Arbeit darüber zu sprechen. Es gab auch Mobbing." Wehking und ihre beiden Söhne machten ähnliche Erfahrungen: "Im Schulsystem und in der Arbeitswelt ist für die Trauer einfach kein Platz." Sie erleben, dass Suizid immer noch ein Tabuthema ist. "Viele Menschen fragen nicht, wie es einem geht, weil sie Angst vor der Antwort haben oder unfähig sind, die Situation auszuhalten", berichtet Frauke T. Es käme auch vor, dass Menschen in Tränen ausbrechen und dann die Hinterblieben selbst auf einmal in der Trösterrolle seien. Dadurch werde es schwierig, überhaupt mit Außenstehenden über die Situation zu sprechen.

Auch auf Familie und Freunde sei oftmals kein Verlass. "Nach ein bis zwei Jahren verlieren auch Freunde die Geduld mit einem und distanzieren sich", sagt Frauke T. Es fehle das Verständnis, warum die Trauer so lange andauere. "Ich habe zehn Jahre gebraucht, um mich wieder einem normalen Leben anzunähern", sagt Wehking. Denn natürlich prägt der Tod des Partners das weitere Leben. "Es können ganz kleine Sachen sein, die es wieder über einen hereinbrechen lassen", berichtet Frauke T. "Manchmal sehe ich ein Autokennzeichen wie das von meinem Mann oder es sieht ihm jemand ähnlich oder hat einen Hamburger Dialekt wie er." Beide stören sich auch sehr daran, wie häufig mittlerweile gespielte Suizide in Filmen und Serien stattfinden. "Es ist immer sehr schlimm für mich, wenn das in einem gezeigt wird. Vor allem wenn die Kamera haarklein zeigt, was passiert", sagt Wehking.

"Eine Depression kann jeden treffen."

Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Deutschen Depressionshilfe weiß, dass es auch oft Schuldzuweisungen an Angehörige gebe, warnt davor aber ausdrücklich. "Die Erkrankung ist immer der wahre Schuldige, nicht die Angehörigen." Und eine Depression könne jeden treffen. Deswegen ist es wichtig, sich rechtzeitig Hilfe zu holen, aber auch über Depressionen und Suizid zu informieren. "Diese Tabuzone muss gebrochen werden. Man muss darüber sprechen", sagt auch Frauke T. Sie engagiert sich mittlerweile als Gruppenleiterin in einer Gesprächsrunde für Hinterbliebene beim Verein Angehörige um Suizid (AGUS). Wehking möchte es ihr gleichtun. Der offene Austausch bei AGUS sei für sie beide sehr befreiend gewesen.

Wenn sie auf die Jahre seit dem Suizid ihrer Ehemänner zurückblicken, sehen beide mittlerweile nicht nur die dunklen Zeiten, sondern auch die Lichtblicke. "Man merkt natürlich auch, dass es auch helfende Hände gibt und man nicht allein ist", sagt Wehking. "Außerdem hat man danach einfach einen anderen Blick ins Leben - ist dankbarer und demütiger."

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