Sozialverbände in OWL lehnen soziales Pflichtjahr ab

Carolin Nieder-Entgelmeier

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Symbolbild Soziales Jahr. - © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
Symbolbild Soziales Jahr. (© Klaus-Dietmar Gabbert/dpa)

Berlin/Bielefeld. Um den Zusammenhalt innerhalb der Gesellschaft wieder zu verbessern, wird der Ruf nach einem verpflichtenden Dienstjahr für alle jungen Männer und Frauen in Deutschland wieder lauter. Zum Auftakt ihres Werkstattgesprächs zu einer Dienstpflicht verteidigt CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer ihren Vorschlag, damit die gesellschaftliche Bindung zu verbessern. Viele Sozialverbände, die auf das Engagement junger Menschen angewiesen sind, lehnen ein verpflichtendes Sozialjahr jedoch strikt ab.

„Eine Verpflichtung lehnt die AWO grundlegend ab", erklärt die Koordinatorin der Freiwilligendienste der AWO OWL, Ute Diekmann. „Eine Debatte über soziales Engagement in unserer Gesellschaft ist wichtig, aber die Probleme in diesem Bereich lassen sich nicht mit Zwang lösen." Als Koordinatorin erlebt Diekmann Menschen, die sich mit großer Motivation sozial engagieren. „Sie stärken den Zusammenhalt in der Gesellschaft und ermöglichen soziale Teilhabe, deshalb ist freiwilliges soziales Engagement gar nicht hoch genug einzuschätzen."

Nach Einschätzung des AWO-Bundesvorsitzenden Wolfgang Stadler aus Bielefeld bringen Freiwillige eine besondere Empathie mit, die in jedes Team eine neue Qualität bringt. „Wir stehen deshalb für ein selbstbestimmtes und mit den eigenen Interessen verknüpfbares freiwilliges Engagement und sehen darin einen großen Gewinn für die jungen Menschen, für die sozialen Einrichtungen und für die Gesellschaft insgesamt", sagte Stadler bereits im vergangenen Jahr, als sich CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer erstmals öffentlich für eine Dienstpflicht aussprach.

"Wirklichen Wert hat so ein Dienst nur auf freiwilliger Basis"

Auch der Caritasverband für das Erzbistum Paderborn spricht sich gegen eine Dienstpflicht aus: „Wir halten den Vorstoß für nicht zielführend", sagt Thomas Günther, Referent für die pädagogische Begleitung im Bundesfreiwilligendienst. Ähnlich argumentiert die Johanniter-Unfall-Hilfe. „Die jungen Menschen sollten sich aus eigenem Antrieb für ein soziales Engagement entscheiden. Wirklichen Wert hat so ein Dienst nur auf freiwilliger Basis", sagt Präsident Frank-Jürgen Weise.

In den Einrichtungen der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel wird hingegen seit Langem für ein verpflichtendes Sozialjahr geworben. Bereits 2017 regte Bethels Vorstandsvorsitzender Pastor Ulrich Pohl die Debatte mit einem Plädoyer für ein verpflichtendes Sozialjahr für alle jungen Männer und Frauen in Deutschland an. „Ein allgemeines soziales Jahr weckt Verständnis für die unterschiedlichen Lebenslagen von Menschen, bildet soziale Intelligenz aus und dient letztlich dem Zusammenhalt in der Gesellschaft", erklärt Pohl. „Solidarität und Engagement für andere entstehen besonders durch eigene Erfahrung, durch Kennenlernen. Das sollten wir der jungen Generation ermöglichen."

Auf die Kritik an einer Verpflichtung reagiert Pohl mit dem Verweis auf den Zivildienst, der 2011 mit der Wehrpflicht abgeschafft wurde. „Der Zivildienst war auch nicht zu 100 Prozent freiwillig und trotzdem haben die Zivildienstleistenden großen Einsatz gezeigt. Viele, die nie Interesse an dem sozialen Bereich hatten, haben sich mitunter sogar nach dem Zivildienst beruflich in diesem Bereich verwirklicht", sagt Pohl.

Viele Sozialverbände sind auf Verpflichtungen nicht angewiesen

Auf ein soziales Pflichtjahr angewiesen sind die Einrichtungen der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel nach Angaben von Pohl nicht. „Wir beschäftigen jedes Jahr zwischen 500 bis 600 Freiwillige, die Resonanz ist gut", sagt Pohl. Auch die AWO in OWL hat laut Diekmann keine Probleme damit freie Stellen zu besetzen: „Wir beschäftigen in der Region 220 Freiwilligendienstleistende." Diese hohen Zahlen belegen laut Geschäftsführer Stadler, dass es falsch ist, wenn die ältere Generation der Jüngeren wenig Sinn für das Gemeinwohl unterstellt. „Der mangelnde gesellschaftliche Zusammenhalt, über den es sich durchaus zu diskutieren lohnt, liegt ganz bestimmt nicht an der Jugend."

Einig sind sich die Sozialverbände darin, dass den Freiwilligen im Land mehr Wertschätzung entgegen gebracht werden muss. „Zum Einen von der Gesellschaft, zum Anderen von der Politik durch kostenlose Tickets für den öffentlichen Nahverkehr und mit besseren Anerkennungsmöglichkeiten von Freiwilligendiensten in Ausbildung, Studium und Beruf", sagt Diekmann. Statt über Verpflichtung zu diskutieren fordert Günther vom Caritasverband zudem eine nachhaltige Finanzierung der bestehenden Freiwilligendienste.

Information

Keine Einigung in der CDU

Die Einführung einer Dienstpflicht wäre nach Einschätzung von CDU-Politikern möglich, wenn dafür das Grundgesetz geändert wird. Da eine Grundgesetzänderung aber viel Zeit in Anspruch nehme, wäre für eine Übergangszeit möglich, die Freiwilligendienste zu stärken und als „Deutschlandjahr" unter einem staatlichen Überbau zusammenführen, sagt CDU-Politiker Jens Kreuter. Ein eindeutiges Votum für eine allgemeine Dienstpflicht gab es nach dem Werkstattgespräch der CDU jedoch nicht. Der Chef der Mittelstandsvereinigung der Unionsparteien, Carsten Linnemann (CDU), stellte sich hinter die Forderung einer Dienstpflicht.

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