Knapp ein Viertel der Schüler in NRW zeigen Anzeichen einer Depression

Florian Pfitzner

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Jedes vierte Mädchen mit einer diagnostizierten Depression leidet zugleich unter Angststörungen. Bei Jungen ist es jeder sechste.  
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Jedes vierte Mädchen mit einer diagnostizierten Depression leidet zugleich unter Angststörungen. Bei Jungen ist es jeder sechste.  (© DPA)

Düsseldorf. Morgens fehlt die Kraft, um aufzustehen und zur Schule zu gehen. Die gesteigerte Müdigkeit zieht sich durch den Tag. Interessen nehmen ab, irgendwann Freude und Konzentration. Selbstwertgefühl wird verdrängt durch Selbstzweifel. Die Depression – lange tabuisiert – ist schon bei Kindern eine schwerwiegende Erkrankung. „Sie spielt sich im Gehirn ab", sagt die Medizinerin Petra Walger. „Zu den Hauptsymptomen gehören Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit, Schlaf- und Angststörungen."

Fast ein Viertel aller Schulkinder in Nordrhein-Westfalen zeigt psychische Auffälligkeiten – in Städten wesentlich häufiger als in ländlichen Regionen. Das geht aus dem aktuellen Kinder- und Jugendreport der DAK-Gesundheit hervor. Demnach leiden 2,1 Prozent der zehn- bis 17-jährigen Schulkinder unter ärztlich festgestellten Depressionen. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Häufigkeit der Krankheit 2017 um neun Prozent gestiegen.

Angesichts der regionalen Verteilung mögen sich die Autoren der Studie nicht so richtig festlegen. „Bei Stadtkindern in NRW zwischen 15 und 17 Jahren werden Depressionen 25 Prozent öfter diagnostiziert als bei Gleichaltrigen auf dem Lande", so ihr Ergebnis. „Viel hängt mit der sozialen Lage zusammen", bemerkt Julian Witte von der Universität Bielefeld recht vage. Er würde „nicht pauschal sagen, dass Stadtleben depressiv macht". Obwohl die Krankheit immer besser diagnostiziert und sie heute kaum noch totgeschwiegen wird, sei man in der Forschung erst am Anfang.

Eingerechnet werden sollte die Tatsache, dass sich Kinder- und Jugendpsychologen seltener in ländlichen Regionen niederlassen. So gebe es im bevölkerungsreichsten Bundesland, in dem laut Studie rund 60.000 Schulkinder unter Ängsten und Depressionen leiden, „riesige Unterschiede", sagt Walger, Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychologie am Düsseldorfer LVR-Klinikum. Welche Faktoren nun genau auf die psychische Gesundheit der Stadtkinder schlagen? Auch Walger vermeidet lieber eine konkrete Interpretation der Zahlen.

Die sprunghafte Steigerung von neun Prozent schätzt man ebenfalls eher bedächtig ein. Liegt sie an der größeren Aufmerksamkeit für die Krankheit? Ist die Prävalenz nur vorübergehend ausgeschlagen? Oder kennzeichnet die Häufung in den Krankenakten der Kinder den Beginn eines langfristigen Trends? Witte sagt, um diese Fragen seriös zu beantworten, fehle das Material mittel- bis langfristiger Erhebungen.

Mädchen sind häufiger betroffen

Fest steht dagegen: Doppelt so häufig wie Jungen leiden Mädchen unter Angststörungen und Depressionen. Von den zehn- bis 17-jährigen Mädchen, die im Jahr 2017 von der Krankheit heimgesucht wurden, mussten sich fast zehn Prozent in eine stationäre Behandlung begeben. Im Durchschnitt dauert ein Krankenhausaufenthalt 36 Tage. „Mit der Pubertät fängt das Gefühl an, sich vorsichtiger verhalten zu müssen", sagt Walger, „es verändert sich der Gehirnstoffwechsel." Vorsicht könne gerade bei Mädchen leicht in Angst umschlagen.

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