"Aber Jonah-Joel kriegt Quinoa-Bällchen": Eltern und der Kampf um die Brotdose

Im Alltag von Erziehungsberechtigten gibt es viele unerquickliche Kämpfe. Der Streit um das Pausenbrot ist einer, den sie nur verlieren können.

Anneke Quasdorf

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Ungute Mischung: In Brotdosen herrscht selten ein gutes Raumklima. - © picture alliance
Ungute Mischung: In Brotdosen herrscht selten ein gutes Raumklima. (© picture alliance)

Wer jemals nach sechs Wochen Sommerferien eine gut gefüllte und im Ranzen vergessene Brotdose geöffnet hat, der kennt ihn, den süßen Duft des Schulbeginns. Aus aktuellem Anlass kann ich sagen: Zwei Wochen Weihnachtsferien mit trockener Heizungsluft reichen auch. Grund genug, sich einer Aufgabe von Eltern anzunehmen, deren Stressfaktor sich eigentlich nicht mit Läusen oder einem fehlenden Kita-Platz messen kann - oder doch?

An der Brotdose macht eigentlich nichts Spaß. Das beginnt schon beim Zubereiten ihres Inhalts. Morgens um sechs mit verquollenen Augen und kühlschrankharter Butter zu weiche Brotscheiben einzureißen, während einem noch nicht mal wieder eingefallen ist, wie man eigentlich heißt, ist einfach keine Freude.

Wobei es in diesem Fall noch gut gelaufen ist. Besonders böse wird es, wenn die eigene mangelhafte Logistik einen um diese Zeit noch zu höchster kulinarischer Kreativität nötigt, weil man vergessen hat Brot/Aufschnitt/Joghurt zu kaufen. Und vor dem Vorratsschrank dann ernsthaft überlegt, ob es das Kind mit trockenen Cornflakes bis zum Mittagessen schafft, oder ob die schon als Süßigkeit gelten (an vielen Schulen ein absolutes, ich wiederhole: absolutes! No-go).

Quinoa-Bällchen von Jonah-Joel

Wenn man Glück hat, ist das Kind noch so müde, dass es vergisst, sich nach dem Inhalt seiner Brotdose zu erkundigen. Das ist gut für die Nerven aller Beteiligten, denn damit ist der unausweichliche Streit zumindest bis zum Abholen aufgeschoben. Kommen wird er aber, das ist so sicher wie die Rotznase im Winter, und in Sachen Brotdose legen Kinder hier eine Willkür und Paradoxie an den Tag, die selbst erfahrene Eltern in Erstaunen versetzt. "MAMA! Du hast mir schon wieder SALAMI aufs Brot getan! - Ja. Du liebst Salami. - Aber es ist MITTWOCH!" Wieder was gelernt.

Nicht hilfreich sind in diesem Zusammenhang natürlich die mannigfaltigen Vergleichsmöglichkeiten. Wenn Angelina-Mia-Sophie und Jonah-Joel am Nachbartisch Knoppers, selbstgemachte Schoko-Quinoa-Bällchen und Milchhörnchen dabei haben, kann man gleich einpacken. Andererseits habe ich so nochmal ganz andere Seiten meiner Tochter kennengelernt, die mich gleichermaßen erfreuen wie beunruhigen. Denn wer es schafft, ein Frischkäse-Vollkornbrot gegen Haribo Goldbären einzutauschen, ist entweder besonders verhandlungssicher - oder aber besonders skrupellos.

Doch zurück zum Thema. Mit der Rückkehr nach Hause folgt der unerquicklichste Moment: Das Öffnen der Brotdose. Das hat zum einen olfaktorische Gründe. Bei der Kombination Apfelstücke und Salamibrot zum Beispiel reichen auch schon fünf Schulstunden, um ein Aroma zu entfalten, das ganz sicher niemand braucht. Zu diesem Widerwillen gesellt sich aber auch noch der Ärger beim Anblick eines bei aller Müdigkeit doch mit Liebe zubereiteten Brotes, in das genau einmal hineingebissen wurde -  mittig, um ja keine Rinde zu erwischen. Das ansonsten aber nahezu unversehrt wieder mit nach Hause gebracht wurde.

Es gibt Rache

Wobei - man kann schon froh sein, wenn das, was nicht gegessen wurde, da bleibt, wo es hingehört. Denn in den Tiefen von Schultaschen gibt es allerlei Fächer, in die findige Sechsjährige alles Mögliche entsorgen, um sich die mittägliche Standpauke zu ersparen.

In der Arbeitswelt würde man angesichts dieser Situation von fehlender Wertschätzung reden. Von mangelhaftem Feedback. Ein Zustand, der zu beheben wäre mit konstruktiver Rückmeldung, um die Prozesse zu optimieren. Haben wir alles nicht. Kriegen wir auch nicht, denn wir reden schließlich von Kindern.

Allerdings haben Eltern Möglichkeiten, die einem wiederum im Job nicht offenstehen. Eine davon heißt: Rache. Und so serviere ich das - um die Schärfe der Maßnahme abzumildern - liebevoll "Hasenbrot" genannte, verschmähte Rückbringsel regelmäßig nochmal. Entweder als Nachmittagssnack, oder als Abendbrot. Kommt nicht so gut an. Wird aber akzeptiert. Denn auch das können Sechsjährige schon: Risiken abwägen. "Sonst packste mir das ja morgen nochmal ein, Mama."

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