Wie ein Paderborner Gymnasium Mädchen und Jungen getrennt unterrichtet

Björn Vahle

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Ab Sommer gibt es am Gymnasium St. Michael die erste Klasse, in der Jungen und Mädchen gemeinsam unterrichtet werden. - © pdp-pressestelle Erzbischoefliches Generalvikariat PB
Ab Sommer gibt es am Gymnasium St. Michael die erste Klasse, in der Jungen und Mädchen gemeinsam unterrichtet werden. (© pdp-pressestelle Erzbischoefliches Generalvikariat PB)

Paderborn. 2013 kamen die Jungs, seitdem ist vieles anders in St. Michael. Claudius Hildmann, Leiter des Gymnasiums in Trägerschaft des Erzbistums, erinnert sich an das Ende von rund 350 Jahren reiner Mädchenbildung: „Unser Kollegium musste sich erst daran gewöhnen, welche Anforderungen Jungs an uns stellten. Da braucht es klarere Führung." Eines hat sich jedoch nicht geändert: Mädchenklassen gibt es in der Unter- und Mittelstufe weiterhin. Nur sind jetzt eben die Jungenklassen hinzugekommen. 

Parallele Monoedukation nennt sich das Modell. Bis Klasse 10 bleiben Jungs und Mädchen unter sich, „um sich frei entfalten zu können", sagt Hildmann. Erst in der Oberstufe werden die Klassen gemischt. „Die Lehrer empfinden das als gute Entscheidung und Bereicherung." 2021 wird der allererste Abiturjahrgang verabschiedet, der nicht mehr nur aus Mädchen besteht.

Und wie sieht das Modell im Unterricht aus? Schließlich wird hier nicht nur in bestimmten Fächern oder Situationen die Lerngruppe getrennt. Hildmann nennt ein Beispiel: „Jungs lesen vielleicht im Deutschunterricht eher Abenteuergeschichten, Mädchen machen im Unterschied eher eine Märchenreihe. Das sind solche Akzente." Mädchen könne man besser an längere Aufgaben setzen, wohingegen Jungs in den Stunden auch mal die Möglichkeit bräuchten, sich zu bewegen.

"Jeder macht auch das, was er sonst nicht gemacht hätte"

Was Genderforschern Schweißperlen auf die Stirn treiben dürfte, ist für Hildmann ein Konzept, „von dem wir überzeugt sind". Sorge, Vorurteile zu verstärken, hat er nicht. Denn die Schule setze auch andere Akzente: „Unser Ansatz ist ja, dass jede und jeder auch das macht, was er oder sie sonst vielleicht nicht machen würde." Mit Blick auf die Aussage der Kultusminister-Präsidentin Stefanie Hubig heißt das in St. Michael: „Die Mädchen machen in Chemie auch die Experimente und die Jungen schreiben auch das Protokoll."

Das Konzept sei unter Eltern und Schülern nicht umstritten. „Wir sind nicht so borniert zu sagen, wir gehen den einen, richtigen Weg, der das Bildungssystem verbessern würde, wenn alle ihn gingen", sagt Hildmann. Aber zu sagen, es gebe die Unterschiede zwischen den Geschlechtern im Grunde nicht, erscheint ihm auch falsch. „Man sollte nicht glauben, es wäre dasselbe, eine Mädchenklasse und eine Jungenklasse zu unterrichten."

"Unsere Schülerinnen waren immer selbstbewusst"

Aktuell besuchen 935 Schüler das Gymnasium, laut Hildmann sind drei Viertel davon Mädchen und junge Frauen. „Im kommenden Schuljahr ist erstmals eine von vier Eingangsklassen gemischt. Das hängt mit den Anmeldungszahlen zusammen", sagt Hildmann. Es wurden einfach mehr Jungs angemeldet als zuvor.

Dass die Trennung auch zu besseren Noten führt, ist wissenschaftlich noch immer umstritten. „Aber selbstbewusst", sagt Hildmann, "waren unsere Abiturientinnen immer. Und ich denke, zu Recht."

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