Im Missbrauchsfall Münster sind drei weitere Tatverdächtige in Haft

Lothar Schmalen

  • 0
Eine Gartenlaube, einer der Tatorte des vermutlichen Haupttäters in einem Missbrauchsfall, steht in einer Münsteraner Kleingartenanlage. - © Marcel Kusch/dpa
Eine Gartenlaube, einer der Tatorte des vermutlichen Haupttäters in einem Missbrauchsfall, steht in einer Münsteraner Kleingartenanlage. (© Marcel Kusch/dpa)

Münster/Düsseldorf. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) eröffnete die große Sondersitzung im Landtag zum Fall des Kindesmissbrauchs in Münster mit einem Paukenschlag: Bei einer Polizeirazzia in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hessen und Schleswig-Holstein seien am frühen Dienstagmorgen drei weitere Tatverdächtige festgenommen worden, ein 26-Jähriger aus Aachen und zwei Männer aus Hannover (29 und 49 Jahre).

Damit sitzen im Zusammenhang mit dem Tatkomplex Münster jetzt insgesamt zehn Personen in Haft. Allein dem Hauptverdächtigen Adrian V., einem 27-jährigen IT-Techniker aus Münster, wird 15-facher Kindesmissbrauch vorgeworfen. Außerdem ermitteln die Behörden jetzt auch gegen einen 34-Jährigen aus Heiligenhaus (Kreis Mettmann), einen 36-Jährigen aus Langenhagen bei Hannover und einen 52-Jährigen aus Norderstedt in Schleswig-Holstein.

Damit sei die Zahl der Tatverdächtigen auf 21 gestiegen, berichtete Reul. Insgesamt seien bei der Razzia 180 Polizeibeamte im Einsatz gewesen.

29-Jähriger soll mit Adrian V. und dem Jungen im Urlaub gewesen sein

Die Einzelheiten zeigen: Der zehnjährige Sohn der Lebensgefährtin des Hauptverdächtigen musste immer wieder leiden. Dem Aachener werfen die Ermittler vor, den kleinen Jungen an drei unterschiedlichen Tatorten in Münster, Winterberg und Dresden schwer sexuell missbraucht zuhaben.
Der 29-Jährige aus Hannover soll in engem Kontakt mit Adrian V. und dem Zehnjährigen gestanden haben. Er soll bei einem Urlaub der beiden anwesend gewesen sein, bei dem der Junge missbraucht worden sei.

Der 29-Jährige wurde bei seinen Eltern im Raum Frankfurt festgenommen. Dort stellten die Polizisten einen PC, einen Laptop und ein Handy sicher. Auch der 49-Jährige aus Hannover soll den Zehnjährigen mindestens einmal schwer sexuell missbraucht haben.

Wieder steht ein Campingplatz im Fokus

Wie im Fall Lügde spielt inzwischen auch im Komplex Münster ein Campingplatz, diesmal in Niedersachsen, eine wichtige Rolle. Denn hier sollen sich der 36-Jährige aus Langenhagen und auch ein 52-Jähriger aus Norderstedt des öfteren mit Adrian V. und dem Zehnjährigen getroffen haben. Auch dabei kam es zu schwerem sexuellen Missbrauch an dem Jungen.

Der 34-Jährige aus Heiligenhaus soll mit dem Hauptverdächtigen von Dezember 2019 bis zu dessen Festnahme in Kontakt gestanden haben. Gegen diesen Mann ermittelte die Polizei bereits 2009 und 2010 - zweimal wegen Besitz und Verbreitung von kinderpornografischem Material.

In seiner Wohnung und seinem Pkw fanden die Beamten jetzt ein aufblasbares Bett, Kinderspielzeug. Außerdem beschlagnahmten sie einen Laptop.

Hätten die Behörden früher helfen können?

In der den Oppositionsfraktionen SPD und Grünen beantragten Sondersitzung von Innen-, Rechts- und Familienausschuss ging es vor allem darum, ob auch in diesem Fall das Leiden der mindestens sechs missbrauchten Kinder – es gibt inzwischen Hinweise auf ein siebtes Opfer – wenigstens hätte verkürzt werden können, wenn die beteiligten Behörden besser reagiert hätten.

Einer der Hauptvorwürfe: Der Haupttäter stand nach zwei Kinderpornografie-Verurteilungen unter Bewährung, als die Polizei erneut wegen Kinderpornografie gegen ihn ermittelte. Darüber hat die Staatsanwaltschaft auch das zuständige Gericht in Münster unterrichtet.

Für eine Aufhebung der Bewährung habe das aber nicht gereicht, verteidigte Ministerialdirigent Christian Burr aus dem Justizministerium die Justiz. Ein bloßer Verdacht auf eine erneute Straftat reiche dafür nicht aus. Nur eine erneute Verurteilung oder ein Geständnis von Adrian V. hätte einen Widerruf der Bewährung möglich gemacht.

Kritik am Jugendamt

Kritisiert wird auch, dass die Jugendbehörden den Zehnjährigen trotz der Kinderpornografie-Verurteilungen von Adrian V. nicht in Obhut genommen haben. Das Familiengericht hatte dafür keine Veranlassung gesehen.

2015 allerdings haben Adrian V., seine Lebensgefährtin und der Zehnjährige mindestens eine Zeit lang unter einem Dach gelebt. Das hat die Mutter selbst gegenüber dem Familiengericht angegeben. Bis zur Verhaftung am 13. Mai allerdings hatten Adrian V. und seine Lebensgefährtin mit ihren Sohn in Münster zwei verschiedene Meldeadressen, berichtete Familienminister Joachim Stamp (FDP).

Ob sie aber auch wirklich getrennt lebten, wie es eine Auflage des Familiengericht war, darüber dauerten die Ermittlungen noch an, hieß es aus dem Justizministerium. Minister Stamp bestätigte noch einmal, dass die Ermittler das Jugendamt über die neuen Ermittlungen 2019/20 erst am 13. Mai 2020 informierten. Noch in der darauf folgenden Nacht wurde der Zehnjährige in Obhut genommen.

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2020
Inhalte von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

0 Kommentare
0 Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem gültigen LZ-Plus-Zugang möglich. Jetzt testen!