Junger Mann bedroht Stadtbahnfahrer in Bielefeld mit einer Waffe

Nils Middelhauve

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Bielefeld. Mit Depressionen fing alles an. "Dann habe ich das ganze Gift genommen, wurde psychotisch, hörte Stimmen", sagte Jasur I. (Name geändert) in der Verhandlung. Im Herbst 2018 schließlich brach die Erkrankung derart durch, dass I. einen Stadtbahnfahrer mit einer Spielzeugpistole bedrohte. Das Amtsgericht ordnete nun die Unterbringung des 22-jährigen Bielefelders in einem psychiatrischen Krankenhaus an.

Psychose als Folge von Drogenkonsum

Bis vor etwa sechs Jahren verlief das Leben von Jasur I. weitestgehend unauffällig und - wenn man es denn so nennen kann - nach Plan: Er besuchte ein Gymnasium, war ein sehr guter Schüler. Insbesondere die Naturwissenschaften hatten es ihm angetan. Dann, als er 16 war, trennten sich die Eltern des Jugendlichen. Dies hinterließ ganz offenbar tiefe Spuren in seinem Innenleben. Jasur I. wurde depressiv und griff in der Folge exzessiv zu Alkohol und Amphetaminen.

Der Drogenkonsum rief schließlich eine Psychose hervor. Das Abitur bestand Jasur I. zwar noch mit einem, gemessen an den Umständen, hervorragenden Notendurchschnitt von 1,9. Doch der sich daran anschließende Versuch, ein Studium zu absolvieren, gestaltete sich auch aus Sicht von I. als vollständiges Desaster. "Ich war gar nicht in der Lage, vernünftig zu studieren", gab er vor Gericht zu Protokoll.

"Dann sah ich ihn weglaufen"

Am 23. Oktober 2018 saß Jasur I. in einer Stadtbahn der Linie 3, die kurz nach 17.30 Uhr die Haltestelle am Adenauerplatz erreichte. Diese war seinerzeit die Endhaltestelle der aus Babenhausen kommenden Bahnen. Aufgrund von Bauarbeiten in der Nikolaus-Dürkopp-Straße wurde die Linie 3 dorthin umgeleitet, die Fahrt endete vor der Kunsthalle. Alle Fahrgäste hatten den vordersten Waggon bereits verlassen. Nun forderte der Bahnfahrer Jasur I. auf, es ihnen gleichzutun.

Doch der 22-Jährige weigerte sich und zog stattdessen eine Spielzeugpistole, mit der er den Fahrer bedrohte. Sodann forderte er, dass die Bahn rückwärts fahren solle. Der verängstigte Fahrer, der die Waffe für echt hielt, betätigte in seiner Kabine den Fußalarm. Dann erklärte er I., dass er draußen die Weichen verstellen müsse, um rückwärts fahren zu können. Dies leuchtete dem psychotischen I. ein, er ließ den Mann gehen. "Dann sah ich ihn durch ein Fenster weglaufen. Irgendwann kam eine andere Bahn, dann erinnere ich mich an nichts mehr.", berichtete I. in der Verhandlung.

Polizei sperrte Adenauerplatz ab

Offenbar hatte sich der 22-Jährige noch vor Eintreffen der Polizei vom Tatort entfernt. Die Beamten hatten seinerzeit den Adenauerplatz kurzfristig vollständig gesperrt, doch der Täter war verschwunden. Durch eine Öffentlichkeitsfahndung wurden die Ermittler schließlich aufgrund mehrerer Hinweise - unter anderem von der Mutter des Angeklagten - auf I. aufmerksam.

Er sei zur Tatzeit psychotisch gewesen, erklärte der von Rechtsanwalt Alexander Klemme verteidigte I. vor Gericht: "Ich glaubte damals ernsthaft, zuvor in einer anderen Dimension gewesen zu sein. In dieser hatte es mir außerordentlich gut gefallen. Das war meine Wahnidee vor der Tat. Ich dachte, durch das Rückwärtsfahren der Bahn könne ich wieder in diese Dimension gelangen."

Aufgrund seiner Erkrankung war I. strafrechtlich letztlich nicht für das Geschehen zur Verantwortung zu ziehen. Das Jugendschöffengericht unter dem Vorsitz von Richterin Murna Eid ordnete stattdessen seine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an.

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