So sieht's aktuell auf den Bielefelder Intensivstationen aus

Ivonne Michel

  • 0
Rund 15 bis 20 Jahre jünger als im Januar seien aktuell durchschnittlich die Covid-Patienten auf den Intensivstationen der Bielefelder Kliniken, berichten Klinik-Experten. Kinder und Jugendliche sind aber trotz steigender Infektionszahlen in dieser Altersklasse bisher nicht darunter. - © Jens Büttner
Rund 15 bis 20 Jahre jünger als im Januar seien aktuell durchschnittlich die Covid-Patienten auf den Intensivstationen der Bielefelder Kliniken, berichten Klinik-Experten. Kinder und Jugendliche sind aber trotz steigender Infektionszahlen in dieser Altersklasse bisher nicht darunter. (© Jens Büttner)

Bielefeld.Vielerorts spitzt sich die Lage auf den Intensivstationen zu. Nach einem Höchststand von über 40 Ende Dezember/ Anfang Januar liegt die Zahl der Covid-Patienten, die in den Bielefelder Kliniken auf den Intensivstationen liegen, trotz steigender Infektionszahlen seit einigen Wochen um die 15. Aber bleibt es dabei? Und wie hat sich die Altersstruktur verändert?

"Wir befinden uns in einer angespannten Wartehaltung", sagt Sebastian Rehberg, Chefarzt und Klinikdirektor der Universitätsklinik für Anästhesiologie, Intensiv-, Notfallmedizin, Transfusionsmedizin und Schmerztherapie am Evangelischen Klinikum Bethel (EvKB). Aktuell seien trotz steigender Infektionszahlen und einem großen Anteil der deutlich ansteckenderen britischen Variante die Zahlen derer, die wegen schwerer Verläufe in Bielefeld im Krankenhaus oder auf der Intensivstation behandelt werden, glücklicherweise relativ konstant und niedrig. "Wir liegen aktuell etwa 60 Prozent unter den Zahlen von Anfang Januar", berichtet Georg Rüter, Geschäftsführer des Franziskus-Hospitals. Aber die Lage sei unberechenbar. "Wir wissen nicht so recht, wie es weiter geht, können immer nur für wenige Tage im voraus planen."

Kaum noch Menschen über 80 auf den Covid-Intensivstationen

Während im Januar ein Großteil der Patienten auf den Intensivstationen über 80 Jahre alt war, sei diese Altersgruppe - vor allem Menschen aus den Pflegeheimen - kaum noch betroffen. "Das zeugt von einer sehr wirksamen Impfkampagne", sagt Rüter. Mit dem Impfen endlich schneller voran zu kommen, sei für die Entlastung in den Krankenhäusern und die Aufrechterhaltung des Gesundheitssystems immens wichtig. " Die Covid-Patienten auf den Intensivstationen hier in Bielefeld sind aktuell durchschnittlich 15 bis 20 Jahre jünger als im Januar", berichtet Rüter. Kinder und Jugendliche seien trotz steigender Infektionszahlen in dieser Altersklasse bisher aber nicht darunter.

Das bestätigt auch Sebastian Rehberg. Dass die Patienten aufgrund der Mutante jetzt noch länger auf der Intensivstation liegen, könne er aktuell nicht sagen. Auch in der ersten und zweiten Welle habe es schon schwere Verläufe mit langer Aufenthaltsdauer gegeben. Trotzdem sei die Lage aktuell extrem gefährlich. "Man spürt überall eine gewisse Pandemiemüdigkeit, das merke ich auch bei mir selbst", sagt Rehberg. Seit über einem Jahr müssten alle Krankenhausmitarbeiter den Spagat zwischen der hochinfektiösen Krankheit und ihrem Privatleben, oft mit Homeschooling und Betreuung von Angehörigen, bewältigen. Trotzdem dürfe man jetzt auf keinen Fall nachlässig werden. Um den wirtschaftlichen Spagat zu schaffen, gehören seit einiger Zeit auch wieder planbare größere Operationen zum Klinikalltag. Auch diese Patienten, sowie Notfälle, müssten intensivmedizinisch betreut werden.

"Es kann jeden böse erwischen"

Auch Achim Röper, kommissarischer Leiter der Klinik für Anästhesiologie, operative Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie am Klinikum Bielefeld, hofft, dass die aktuell relativ niedrigen, konstante Krankenhauszahlen nicht doch noch weiter in die Höhe gehen in der nächsten Zeit. Das sei schwer einzuschätzen und zu planen. Auch er berichtet von jüngeren Patienten mit schweren Covid-Verläufen. "Die allermeisten hatten aber Bei-Erkrankungen", berichtet Röper. Trotzdem könne es jeden böse erwischen. Zudem müsse man die "fiesen Langzeitschäden" im Auge behalten, Stichwort Post-Covid-Syndrom. "Viele, auch jüngerer, vorher gesunde Menschen haben damit über Monate zu kämpfen", sagt er. Noch etwas habe sich verändert, berichten die Experten: Im Januar seien deutlich mehr Menschen an oder mit Corona verstorben als aktuell. "Das waren hauptsächliche alte Menschen mit Vorerkrankungen", sagt Rüter.

"Wir wollen nichts verharmlosen und beschönigen", ergänzt er. Aber man müsse vielleicht doch ein bisschen leiser werden im Ausrufen von Katastrophen. "Wir sind hier bei uns in der medizinischen Versorgung trotz allem sehr gut aufgestellt", sagt Rüter. Die Covid-Intensivkapazitäten in der Rosenhöhe und im Johannisstift seien bisher nur kurzzeitig genutzt worden. Täglich stimme man sich mit den anderen Kliniken ab. "Triage war bei uns nie ein Thema, in Tschechien beispielsweise gehört das jeden Tag dazu."

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2021
Inhalte von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare