Dieser Mann hat 100.000 Kilometer mit einem Fahrrad zurückgelegt

Robert Becker

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Bei Fulland hatte der der Kaunitzer Johann Fahnenschmidt vor 13 Jahren das KTM-Trecking-Rad gekauft.  - © Robert Becker
Bei Fulland hatte der der Kaunitzer Johann Fahnenschmidt vor 13 Jahren das KTM-Trecking-Rad gekauft.  (© Robert Becker)

Verl. Dem Rad sieht man die Strapazen an: Die Kette hängt durch, der schwarze Lack ist etwas matt geworden, die Reifen haben es auch bald geschafft. Das Jubiläum dürfen die Bauteile aber noch mitfeiern: 100.000 Kilometer hat Johann-Wilhelm Fahnenschmidt mit dem Trecking-Rad in 13 Jahren zurückgelegt. Der Tacho steht bei 99.999.

Den außergewöhnlichen Zählerstand hat sich Fahnenschmidt von der Werkstatt bestätigen lassen. Jedes Mal, wenn das Rad in die Inspektion kam, wurde mitgeschrieben. Das Ergebnis passt. Pro Jahr ist der 66-jährige selbstständige Fliesenleger von M+F Fliesen und Natursteinverlegung im Durchschnitt 7.700 Kilometer gefahren, rund 150 pro Woche.

2.500 Euro für Reparaturen und Ersatzteile

Die meisten Kilometer legte Fahnenschmidt auf dem Weg von und zur Arbeit zurück. „Das Fahrradfahren war der Ausgleich zur Arbeit", sagt er. Meistens fährt er allein, auch heute noch. Zwischen seinem Wohnort Kaunitz und seinem früheren Betriebssitz am Brummelweg, schräg gegenüber vom Fahrradhändler Fulland, sind es genau 8,2 Kilometer. Allein diese Wege zur Arbeit haben über die Jahre rund 60 bis 70.000 Kilometer ausgemacht, sagt Fahnenschmidt.

Das Rad, ein KTM „Teramo", hatte er 2008 bei Fulland erworben. Ein echter Schnapper war das. Gebraucht, nur zwei Wochen gefahren, bekam er das Ross mit Stahlrahmen für 800 Euro rund ein Drittel günstiger. Investiert habe er vor allem in den laufenden Betrieb. Rund 2.500 Euro hat Fahnenschmidt in 13 Jahren für Inspektionen, Reparaturen und Ersatzteile aufgewendet.

Radfahren gegen den Bluthochdruck

Die Zahl der gewechselten Ketten und Reifen kann er gar nicht mehr aufzählen. Sättel hat er getauscht, einmal war die Sattelstütze am Oberrohr abgeknickt. Im Winter habe er manches Mal „Spikes" aufziehen lassen, erzählt er. Die Nabenschaltung hat er nach 40.000 Kilometern gewechselt. Herstellerbedingt wurde aus der Neun-Gang- dann eine Acht-Gang-Schaltung.

Das Radeln hat den 66-Jährigen gesund gehalten. „Ein guter Ausgleich ist das", sagt Fahnenschmidt. Den Bluthochdruck hielt er auf diese Weise besser unter Kontrolle. Gefahren ist er bei jedem Wetter. Regen stört ihn nicht. Auch heute, wo er nur noch zeitweise im Fließenbetrieb seines Sohnes mitarbeitet, radelt er nahezu täglich nach Verl. Eine seine Lieblingsstrecken ist die zum Steinhorster Becken. Da gibt es Natur pur. „In 20 Minuten kann ich da sein", sagt er.

Mit dem Fahrrad zu Besuch nach Frankfurt

Fahnenschmidt hat aber auch weitere Touren gemacht. Zweimal ist er in den Ferien zu seinem Sohn nach Frankfurt am Main geradelt. 365 Kilometer in drei Tagen. Juist hat er angesteuert, dort eine Runde auf der Insel gedreht und zurück – 800 Kilometer in sieben Tagen. Mit seinem Sohn ist er an der Ems entlang in einem Tag nach Münster gefahren. Gern besucht er mit dem Rad seine Tochter in Rietberg, das ist dann ein kurzer Tagestrip

„Ich bin kein Lauftyp", erklärt „Hans" Fahnenschmidt, warum er allenfalls mal ein bisschen joggt, ansonsten lieber das Rad nimmt, um sportlich aktiv zu sein. Seine Geschwindigkeit kennt er genau: „Zwischen 19 und 21 km/h", gibt er die Reisegeschwindigkeit an.

Nie ohne Helm unterwegs

Einen einzigen Unfall hat er während der ganzen Zeit gehabt: direkt vor seinem Firmensitz am Brummelweg hat ihm vor drei Jahren ein Auto die Vorfahrt genommen. „Die Anforderungen an die Radfahrer haben durch den zusätzlichen Verkehr zugenommen", sagt er. Nie fährt er ohne Helm.

Bessere Radwege, das wünscht sich jeder Radler, auch Fahnenschmidt hätte es gern so wie in Holland. „Die Kulanz zwischen Fußgängern, Auto- und Radfahrern ist entscheidend für ein gutes Miteinander auf der Straße", sagt er. Im Hinblick auf den Klimaschutz sieht er das Radfahren zunehmend als wichtig an. Mit Schrecken hat er die vielen Stürze bei der Tour de France registriert: „Ich kann da gar nicht mehr hinschauen, so weh tut das."

Das Ziel sind die nächsten 100.000 Kilometer

Den Tacho hat er bei 99.999 abgeklemmt. „Eigentlich bin ich jetzt schon knapp drüber", ergänzt er, aber Fahnenschmidt will die Zahl nicht verstreichen lassen. Einerseits braucht er sie für die Fotos. Ein wenig hat er Angst, dass das Zählgerät wieder bei Null beginnt, denn eine sechste Kilometerziffer bietet der Tacho nicht an.

Beschäftigt hat er sich mit dem Gedanken, was das nächste Ziel sein könnte. „Die nächsten 100.000", sagt der 66-Jährige prompt. Ob er die mit diesem oder einem neuen Rad zurücklegen möchte, da hat er sich noch nicht entschieden. Auch die Frage, ob ein E-Bike in Frage kommt, lässt er offen. Noch einmal 13 Jahre soll das mit den 100.000 aber nicht dauern. „Überlegen Sie mal, wie alt ich dann wäre", sagt Johann Fahnenschmidt und lacht.

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