Gewerkschaft warnt: 70.000 Beschäftigte in OWL von Altersarmut bedroht

Martin Krause

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Bielefeld. Der legendäre Spruch „Die Rente ist sicher" geistert seit 35 Jahren durch die Medien. Der 2020 gestorbene frühere Sozialminister Norbert Blüm (CDU) hatte den Slogan 1986 geprägt, zu einer Zeit, als den Ersten die Folgen des demografischen Wandels dämmerten: Schon damals war absehbar, dass im gesetzlichen Rentensystem immer weniger Arbeitnehmer für immer mehr Rentner aufkommen müssten.

Das bedeutete, dass die Rente – ohne Anpassungen – eben nicht sicher sein würde. Die Gewerkschaft NGG erinnert jetzt an die Problemfelder: Allein in OWL seien 69.500 Vollzeitbeschäftigte derzeit selbst nach 45 Arbeitsjahren im Rentenalter von Altersarmut bedroht, warnt Gaby Böhm, Geschäftsführerin der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) in der Region Bielefeld-Herford.

Das betrifft jene 12,8 Prozent aller Beschäftigten, die in OWL in Vollzeit arbeiten, und weniger als 2.050 Euro brutto im Monat verdienen. „Altersarmut ist kein Schreckensszenario in der Zukunft, sondern für viele Menschen Realität", klagt Böhm. „Die Rente derer, die etwa jahrzehntelang in einer Bäckerei oder Gaststätten gearbeitet haben, reicht schon heute oft nicht aus." Die Politik müsse daher die gesetzliche Altersvorsorge stärken, so die Gewerkschafterin.

Hälfte der Senioren nehmen mögliche Hilfen nicht in Anspruch

In den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg hatte der Ausbau der Sozialsysteme die einst verbreitete Altersarmut reduziert, doch seit einigen Jahren nimmt die Hilfsdürftigkeit wieder zu. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes erhielten Ende 2020 so viele Menschen wie nie zuvor in Deutschland die sogenannte Grundsicherung im Alter – nämlich 564.000, davon allein 315.000 Frauen. Zugleich aber hätten mehr als 600.000 weitere Senioren Anspruch auf diese Leistung, forderten sie aber nicht ein, wie Arbeitsmarktexpertin Manuela Barisic von der Bertelsmann-Stiftung sagt. Womöglich aus Scham?

Die Bertelsmann-Stiftung geht in einer Studie aus dem Jahr 2017 davon aus, dass das „Altersarmutsrisiko" weiter steigt, von 16 Prozent im Jahr 2015 auf 20 Prozent im Jahr 2036. Besonders betroffen seien alleinstehende Frauen, deren Grundsicherungsquote bis 2036 von 16 auf 28 Prozent steigen werde, warnt Barisic.

Situation der Rentner liegt im Arbeitsmarkt begründet

Dabei sei die Situation der Rentner im Grunde ein Spiegel des Geschehens auf dem Arbeitsmarkt, wie die Experten wissen: Das Armutsrisiko steige vor allem durch die wachsende Verbreitung „atypischer" Beschäftigungsverhältnisse – also durch immer mehr Anstellungen in Teilzeit, mit Befristung oder in Zeitarbeit sowie durch die Verbreitung prekärer Arbeitsverhältnisse im Niedriglohnbereich. Eine dauerhafte Beschäftigung mit dem heutigen Mindestlohn von 9,60 Euro ermöglicht auch nach vielen Jahren keine Rente oberhalb des Grundsicherungsniveaus.

12,21 Euro Stundenlohn wären in einem langen Arbeitsleben nötig, um wenigstens die durchschnittlich bewilligte Grundsicherung aus eigener Kraft zu erreichen. „Wir müssen vor allem die Frauen aus der Minijob-Falle herausholen", fordert Manuela Barisic, auch eine Reform des Ehegatten-Splittings sei nötig, um die Abhängigkeit vom (noch immer meist männlichen) Hauptverdiener eines Haushalts zu reduzieren. Ein sinnvoller Lösungsansatz könne auch die von dem Ökonomen Johannes Geyer vom Berliner DIW-Institut vorgeschlagene „Mindestrente" für alle sein.

Die Gewerkschafterin Böhm wirbt natürlich für die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft: „Nur starke Gewerkschaften können für ihre Mitglieder gute Tarifabschlüsse erzielen." Eine positive Folge höherer Löhne: Höhere Beitragseinnahmen für das Rentensystem.

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Neue Grundrente: Guter Schritt, aber zu kompliziert


Um langjährigen Beitragszahlern (mindestens 33 Jahre) trotz geringer Einkommen eine auskömmliche Rente zu ermöglichen, ist Anfang 2021 die „Grundrente" eingeführt worden. Die Grundrente sei „ein sozialpolitisch überfälliger Schritt in Richtung mehr Solidarität" gewesen, sagt Anja Piel, Vorstandsmitglied des Deutschen Gewerkschaftsbundes. „Wer ein Leben lang gearbeitet und Beiträge gezahlt hat, soll im Alter in Würde leben können, statt in der Altersarmut zu landen." Allerdings habe die CDU „starrsinnig auf die Einkommensanrechnung bestanden und die Berechnung der Grundrente damit verkompliziert", so Piel. Die nötigen Prüfvorgänge sorgten für eine Aufblähung des Vorgangs – die Einkommensanrechnung müsse schnellstens abgeschafft werden, fordert Piel.

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