Nachhaltige Atomkraft? OWL-Umweltexperten sind entsetzt

Matthias Bungeroth

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Das Atomkraftwerk Grohnde soll Ende des Jahres vom Netz gehen.
Deutschland setzt künftig auf erneuerbare Energien. Doch nun soll der
Atomstrom wieder aufgewertet werden, so will es die EU. - © Martin Düsterberg
Das Atomkraftwerk Grohnde soll Ende des Jahres vom Netz gehen. Deutschland setzt künftig auf erneuerbare Energien. Doch nun soll der Atomstrom wieder aufgewertet werden, so will es die EU. (© Martin Düsterberg)

Bielefeld. Die Nutzung der Kernenergie ist aus ostwestfälisch-lippischer Sicht untrennbar mit dem Namen Grohnde verbunden. Das im gleichnamigen Ortsteil der Gemeinde Emmerthal auf niedersächsischem Gebiet liegende Atomkraftwerk soll zum Jahresende vom Netz gehen.

Dieser Schritt ist Teil des beschleunigten Atomausstiegs, den die Bundesregierung im Jahr 2011 auf den Weg gebracht hatte. Er war eine Reaktion auf die Kernschmelze im japanischen Kernkraftwerk Fukushima im März des gleichen Jahres infolge einer Erdbebenserie.

"Der Green Deal wird zu einer Lachnummer"

Doch nun, zehn Jahre später, gilt einigen in der Politik die Kernenergie als der große Rettungsanker in der Klimadebatte. Die EU-Kommission will die Kernenergie und die Energiegewinnung aus Gas als nachhaltig einstufen lassen. Eine Zielrichtung, die bei Experten aus Ostwestfalen-Lippe auf Unverständnis stößt. „Der Green Deal wird zu einer Lachnummer, wenn Atom und Gas als nachhaltig bezeichnet werden. Denn das sind sie sicher nicht", sagt Karsten Otte, Sprecher der Bezirkskonferenz Naturschutz in OWL.

„Fukushima ist zu lange her. Die Menschen vergessen schnell", unterstreicht Otte. Niemand auf der Welt habe bis heute ein Konzept dafür entwickelt, wie man die radioaktiven Abfälle der Kernkraftwerke sicher entsorge. Atomkraft ist eine Technik, die nicht beherrschbar ist. Wenn ich heute im Wald herumlaufe und finde Schwammpilze, dann denke ich jedes Mal an Cäsium und Tschernobyl."

"Wir müssen den Energieverbrauch runterfahren"

Im bayerischen Wald würden heute noch Wildschweine weggeworfen, da ihr Fleisch auch rund 35 Jahre nach der Explosion des ukrainischen Kernkraftwerks noch immer oberhalb der Grenzwerte belastet sei. Mit dem Begriff Green Deal umschreibt die EU ihr Ziel, bis 2050 keine Netto-Treibhausgase mehr ausstoßen zu wollen. „Wir müssen unseren adipösen Energieverbrauch runterfahren", fordert Otte als Strategie hierfür. Nur so seien die gesteckten Ziele zu erreichen. „Alleine 50 Prozent unserer Energie verbrauchen wir für das Heizen. Da muss die nächste Bundesregierung ran."

Auch Angelika Claußen, Europapräsidentin der Ärzteorganisation IPPNW, die die Verhütung eines Atomkrieges als oberstes Ziel ausgegeben hat, ist strickt gegen den EU-Kurs in Sachen Atom- und Gasenergie. Die Bielefelderin fordert: „Wenn Deutschland sein Veto einlegt, ist das aufzuhalten." Es gehe nicht darum, Frankreich die Atomkraftwerke zu verbieten. Doch dessen Nutzung dürfe nicht mit dem Nachhaltigkeitslabel ausgezeichnet werden. Immerhin würden viele Bergleute, die das für die Atomkraft nötige Uran zutage förderten, bis heute zu großen Teilen schwer krank, so die Medizinerin.

"141 Lobbyisten waren in Glasow akkreditiert"

Sie sei selbst auf dem Klimagipfel in Glasgow gewesen und habe wahrgenommen, wie viel Druck die Atombranche auf die Politik ausgeübt habe, damit diese die Kernkraft als Mittel zum Erreichen der Klimaziele anerkenne. „141 Lobbyisten waren dort akkreditiert. Ich war geschockt." Doch die Wahrheit sei: „Wenn man sich anschaut, dass wir 2030 schon die meisten Schritte zur Klimaneutralität gemacht haben wollen, gibt es bis dahin noch kein Atomkraftwerk neu. Windkraft braucht nur ein bis zwei Jahre zum Bau, Photovoltaik geht in Monaten."

Zudem gebe es einen direkten Zusammenhang zwischen der zivilen und der militärischen Nutzung der Kernenergie. „Das eine kann es ohne das andere nicht geben." Dieser Satz stamme vom französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Auch aus den USA, Großbritannien und Russland gebe es ähnliche Äußerungen. Claußen: „Die Atomenergie hat uns nicht vorangebracht. Sie hat uns zwar Strom beschert, doch diesen hätten wir auch durch Öl oder Kohle haben können."

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Frankreich warnt vor Atomkosten

Der französische Rechnungshof hat mit Blick auf den angekündigten Ausbau der Atomkraft im Land vor unabsehbaren Kosten gewarnt.

"Es ist unsicher, ob neue Atomkraftwerke termingerecht und zu vernünftigen Kosten gebaut werden können", heißt es in einem am Donnerstag veröffentlichten Bericht.

Als Beispiel wird der Prototyp des EPR-Reaktors in Flamanville genannt, der frühestens mit elf Jahren Verzögerung 2023 ans Netz gehen soll. Die Kosten für den EPR-Reaktor sind nach Schätzungen des Rechnungshofs von 3,3 auf mehr als 19 Milliarden Euro angestiegen.

Wenn Frankreich langfristig die Hälfte seines Stroms aus Atomkraft beziehen wolle, müssten bis 2050 etwa 25 bis 30 EPR-Reaktoren gebaut werden, schrieb der Rechnungshof. Die Kosten könne der Betreiber EDF nicht allein stemmen, der Staat müsse das Risiko mittragen. (afp)

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