Drei mutmaßliche Tornados: Meteorologe Föst ordnet die Ereignisse ein

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Sturmschaden Herford - © Nadine Othen
Sturmschaden Herford (© Nadine Othen)

Herford/Paderborn/Minden-Lübbecke. Der Lübbecker Meteorologe Friedrich Föst hat sich nach den Unwetter-Ereignissen an die Neue Westfälische gewandt, um die Lage einzuordnen. Föst schreibt von einer "beispiellosen Serie von mutmaßlichen Tornados. Es liegen bislang Meldungen und Videos über mindestens drei mutmaßliche Tornados aus Paderborn, Lütmarsen/Ovenhausen bei Höxter und Herford vor."

Laut Föst würden noch wissenschaftliche Untersuchungen zu den Ereignissen laufen. Aber es handle sich "bei allen Fällen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um Tornados, die auch in der Intensität und im Ausmaß den Tornados in den USA in nichts nachstehen". Inzwischen scheinen zwei der Tornados im Raum Ostwestfalen-Lippe bestätigt zu sein. Der Deutsche Wetterdienst hat bisher gegenüber der Deutschen Presse-Agentur drei Tornadoverdachtsfälle in Paderborn, Höxter und in Lippstadt (Kreis Soest) bestätigt.

Die "Tornadoserie in OWL" am Freitagnachmittag habe laut Föst ihren Ursprung in einer außergewöhnlichen Zusammensetzung von "Zutaten", wie der Meteorologe es nennt. "Besonders die Regionen südlich des Wiehengebirges befanden sich in einer feucht-warmen, labil geschichteten Luftmasse, die anfällig für die Bildung von Gewittern ist. Entscheidend für die Entstehung der Tornados war aber die sogenannte 'Windscherung'. Mit Annäherung eines kleinräumigen Tiefdruckgebietes wehte der Wind südlich des Wiehengebirges in Bodennähe aus südöstlicher Richtung, drehte dann aber mit zunehmender Höhe über Süd auf Südwest bis West bei gleichzeitiger Zunahme der Windgeschwindigkeit", schreibt Föst. Diese Windscherung sei dafür verantwortlich, dass die Gewitterzellen zu rotieren beginnen.


Laut Angaben des Meteorologen würden erste Untersuchungen zeigen, dass die Gewitterzelle, die für jene Tornados in Lippstadt, Paderborn, Lütmarsen und Ovenhausen im Kreis Höxter verantwortlich gewesen sei, südlich von Hamm entstand und sich erst im östlichen Niedersachsen wieder auflöste - "nach mehr als drei Stunden Lebensdauer mit Rotation". Damit wäre auch die Definition einer sogenannten "Superzelle" laut Föst erfüllt, die mindestens eine Lebensdauer von 30 Minuten mit Rotation vorschreibe. "Eine Grundvoraussetzung sind Superzellen für Tornados nicht, sie sind aber hauptverantwortlich für sehr heftige Wettererscheinungen wie Sturm- und Orkanböen, Starkregen sowie großer Hagel und produzieren nicht selten eben auch Tornados."

Weitere Faktoren zur Entstehung von Gewittern und Tornados

Ein entscheidender Faktor bei der Entstehung von Gewittern und Tornados sei neben feucht-labiler Luftmassen und Windscherung ein Mechanismus, der dafür sorge, dass die Luft vertikal aufsteigt. Das könne im Sommer die Sonne übernehmen, welche die Luft tagsüber erhitzt und somit aufsteigen lässt, oder auch ein Gebirge, an dem die Luft zum Aufsteigen gezwungen werde. "Im Falle der Gewitter am Freitag war es aber vor allem ein aus Westen anrückendes Tief, das die energiegeladene Luft aufsteigen ließ. So konnten sich die Gewitterwolken bilden" Ein Unterschied der Gewitter am Freitag zu eher kurzlebigen "Wärmegewittern" am Ende eines warmen Sommertages sei, dass der kräftige Höhenwind in der Lage gewesen sei, den Aufwindkanal in den Gewittern zu "kippen". "Somit fällt der Niederschlag nicht wie bei einem abendlichen Wärmegewitter in den Aufwindkanal hinein und sorgt somit für ein rasches Ende des Gewitters, sondern Regen und Hagel fallen am Aufwind vorbei und sorgen dadurch für eine langlebige Gewitterzelle."

Der Kreis Minden-Lübbecke etwa sei am Freitag glimpflich davongekommen, weil hier die Feuchtigkeit für die Bildung schwerer Gewitter und Tornados gefehlt habe: "Im Mühlenkreis sorgte das heranziehende Tief für schwachen nordöstlichen Wind, der in Bodennähe trockenere und auch kühlere Luft heran wehte. Somit blieb es entlang und nördlich des Wiehengebirges weitgehend bei 'lauem' Sommerregen, durchsetzt mit ein paar wenigen Blitzen."

Einschätzung: Häufen sich Tornados in Deutschland?

Nach solch einem Ereignis komme die Frage auf, "ob wir im Zuge des Klimawandels zukünftig häufiger mit Tornados rechnen müssen". Seit etwa Anfang der 2000er Jahren gebe es einen markanten Anstieg gemeldeter Tornado-Fälle in Deutschland, "was aber gut in Korrelation steht mit dem gleichzeitigen Anstieg mobiler Endgeräte und einfacher Dokumentationsfunktionen über Social Media und somit eine generell höhere Aufmerksamkeit in den Medien und der Bevölkerung gegenüber solchen Phänomenen", so Föst.

"Es gibt derzeit noch keine belastbaren Statistiken über eine mögliche Zunahme der Häufigkeit von Tornados in Deutschland. Man geht derzeit durchschnittlich von rund 30 bis 60 Tornados pro Jahr in Deutschland aus." Tornados würden in regelmäßigen Abständen auch in Ostwestfalen vorkommen: "In der Vergangenheit gab es zum Beispiel im Juni 2010 in Hille im Kreis Minden-Lübbecke einen Tornado oder im Februar 2002 einen Tornado in Bünde-Spradow, nur um zwei Ereignisse in der Vergangenheit zu nennen", schreibt Föst.

Das Phänomen "Tornado" sei weder in OWL noch in Deutschland neu. Die Frage nach einer Zunahme solcher Phänomene im Zuge des Klimawandels lasse sich abschließend nicht beantworten und sei derzeit noch Gegenstand der Forschung: "Zwar geht die Forschung davon aus, dass sich in einem allgemein wärmeren Umfeld häufiger Gewitter bilden könnten, ob sich dabei auch im Zuge dessen häufiger Tornados formieren, ist unklar, denn die anderen 'Zutaten' wie zum Beispiel die Windscherung müssten sich gleichermaßen verändern, doch die findet oftmals nur auf einer sehr lokalen Skala statt."

Laut Föst könne aber festgehalten werden, dass auch in Zukunft die Wahrscheinlichkeit eines Tornados für einen einzelnen Ort niedrig bleibt. "Dennoch muss das Bewusstsein der Bevölkerung für das Auftreten von lebensgefährlichen Unwettern zukünftig ein ganz anderes werden. Ostwestfalen ist keine Insel der Glückseligen, die nicht von Unwettern betroffen ist. Der Freitag hat gezeigt, was möglich ist, wenn alle 'Zutaten' für Unwetter zusammen kommen. Die Prognosen und Warnungen der Meteorologen und Wetterdienste waren zutreffend und kamen rechtzeitig. Dennoch gab es wieder zu viele 'Überraschte', die zudem auch nicht wussten, wie man sich bei Gewittern mit Sturm zu verhalten hat. Da haben wir in Deutschland noch erheblichen Nachholbedarf."

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