Bielefelder Radfahrerin platzt die Hutschnur - und dann wird's kurios

Kurt Ehmke

Der neueste Knaller: An der Schildescher Straße endet der Radweg mal wieder - einfach so. Und die Radfahrer? Nun, sie kennen das schon - und ignorieren es. - © Kurt Ehmke
Der neueste Knaller: An der Schildescher Straße endet der Radweg mal wieder - einfach so. Und die Radfahrer? Nun, sie kennen das schon - und ignorieren es. (© Kurt Ehmke)

Bielefeld. Ute Keunecke fährt jeden Tag mit dem Rad zur Arbeit - von Gadderbaum nach Schildesche und zurück. Das tut sie gerne, auch der Umwelt zuliebe. Doch jetzt platzte ihr die Hutschnur. Am Oberntorwall, Ecke Stapenhorststraße, endete der Radweg einfach. Baustelle. Aus, vorbei. Schieben sollte sie, auf die andere Seite, dort dann weiterradeln und dann wieder zurückqueren.

Und auch hinter dem Ishara auf der Nowgorodstraße das gleiche Spiel. Vor dem Campus Handwerk hieß es schlicht und einfach: "Radweg Ende". Punkt.

Autos auf dem Radweg

Keunecke nervt das: Radfahrer sollen plötzlich große Umwege fahren und auch einfach mal so eben zu Fußgängern werden. Wird das anderen Verkehrsteilnehmern abverlangt? Schieben? Keunecke: "Die Stadt geht mit uns Fahrradfahrern hier so unverschämt um, dass ich das nicht hinnehmen möchte." Das i-Tüpfelchen für sie war, dass die Autofahrer von den Stadtwerken aus kommend fahren durften - und zwar "auf dem Radweg", wie sie empört anmerkt.

Ihr Fazit: "Wer das alles so genehmigt hat, ist noch nie Rad gefahren." Sie schrieb also der Stadt, bekam auch eine Antwort: Grundsätzlich gebe es Verständnis. Dass ein Aber folgen würde, war ihr schon klar, und es kam auch. Das Aber: "Allerdings sind wir als Mitarbeiter der Baustellenkoordinierung der Stadt dafür zuständig, eine möglichst flüssige Verkehrsführung für alle Verkehrsteilnehmer umzusetzen. Hierbei ist nicht nur der Radverkehr, sondern auch die Fußgänger und der Fahrverkehr sind zu berücksichtigen." Das sei "gut vertretbar" gelungen.

Autos schieben?

Über das "ist nicht nur der Radverkehr zu berücksichtigen" könnte sich Keunecke genervt amüsieren. Denn genau der Radverkehr ist der einzige, der nicht mehr stattfinden kann - der Radler muss zum Fußgänger werden. Und das erfährt er einfach so per Schild direkt an der Sperrung. Gibt es das eigentlich für Autofahrer? Dass Straßen enden und dort einfach steht: "Straße? Ende." Leute, schiebt mal weg mit eurem Auto?

Bums, steht der Radfahrer am Oberntorwall vor dieser Situation. Prima: Absteigen, auf die andere Seite schieben, weiterradeln, wieder queren - und die Autos fahren einfach schön weiter. - © Keunecke
Bums, steht der Radfahrer am Oberntorwall vor dieser Situation. Prima: Absteigen, auf die andere Seite schieben, weiterradeln, wieder queren - und die Autos fahren einfach schön weiter. (© Keunecke)

Nun, am Oberntorwall, das führt die Stadt verständnisvoll aus, hätte theoretisch eine Fahrspur eingezogen werden können für den Radverkehr, aber das sei als "nicht verhältnismäßig" bewertet worden. Verhältnismäßiger scheint zu sein, lieber die Radfahrer vom Rad zu holen. Salomonisch heißt es am Ende der Stellungnahme an die Fahrradfahrerin: "Baustellen stellen immer eine Einschränkung dar, die alle Verkehrsteilnehmer immer mal wieder 'hinnehmen' müssen." Nun, Keunecke hat eher den Eindruck, dass am liebsten Radfahrer zum Verzicht genötigt werden, wie beide Beispiele ihr zeigen.

"In keinem Falle nachvollziehbar"

Und siehe da, Keunecke steht gar nicht so alleine da mit ihrem Ärger, wie die Antwort des ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club) auf ihre Mail zeigt. Hier heißt es zum Oberntorwall: "Die Umleitung von Fuß - und Radverkehr über insgesamt drei Querungen, die teilweise auch noch mit zwei Ampeln pro Querung ausgestattet sind, als 'gut vertretbar' zu bezeichnen, ist aus meiner Sicht in keinem Falle nachvollziehbar", schreibt ein ADFC-Vertreter. Er findet, dass alle drei Verkehrsarten - Auto, Radfahrer, Fußgänger - ihren Raum verdient gehabt hätten; und dass das auch machbar gewesen wäre. Natürlich mit Einschränkungen - aber eben ohne den KO-Schlag für ein Verkehrsmittel, das Fahrrad.

Na toll, dachte sich Radfahrerin Ute Keunecke, denn auch dieser Radweg endete hier - an der Nowgorodstraße. - © Keunecke
Na toll, dachte sich Radfahrerin Ute Keunecke, denn auch dieser Radweg endete hier - an der Nowgorodstraße. (© Keunecke)

Und was sagt der ADFC zum "Fall Nowgorodstraße"? Auch hier Unverständnis: "Man hätte überlegen können, eine Furt für Fuß- und Radverkehr einzurichten." Der Platz dafür wäre mit etwas Kreativität vorhanden gewesen, so der ADFC. Und eine Begründung hat er dafür auch: "Zu bedenken ist, dass Rad- und Fußverkehr deutlich umwegempfindlicher als KFZ-Verkehr sind." Weil es eben Muskelkraft ist, die einen fortbewegt.

Aus und vorbei

Nun, Keunecke ist naheliegenderweise den ADFC-Positionen deutlicher näher als den Erklärungen der Stadt, des Amtes für Verkehr. Und sie ist durchaus überrascht, dass nur einen Tag nach ihrer Kritik beide Baustellen ... na, was wohl? Richtig, abgebaut sind. Zack, erledigt. Könnte natürlich Zufall sein. Perplex ist sie aber auch. Denn: "Dafür gibt es nun genau dasselbe auf Höhe Miele auf der Schildescher Straße", regt sie sich auf - "auch da endet wieder einfach so der Radweg". Immerhin aber erfährt hier der Radfahrer vorher schon, dass der Radweg bald endet. Etwas weiter stadteinwärts an der Schildescher Straße, Ecke Sudbrackstraße, hingegen ist alles so wie gewohnt. Zwei Schilder: "Radweg" und "Ende". Aus und vorbei.

Keunecke dürfte nun auf die nächste Posse warten - wenn mal wieder am Adenauerplatz beim 360-Grad-Haus die Fenster geputzt werden - und dafür dann tagelang der Radweg gesperrt wird.

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