Bielefelderin stößt Wartende vor Stadtbahn, damit "die Stimmen aufhören"

Jens Reichenbach

Die gebürtige Bielefelderin (23) wird von Justizbeamten in den Gerichtssaal geführt. Sie war nach ihrer abgebrochenen Ausbildung psychisch krank geworden. Als sie ihre Medikamente nicht mehr nahm, hörte sie zunehmend Stimmen im Kopf. - © Andreas Zobe
Die gebürtige Bielefelderin (23) wird von Justizbeamten in den Gerichtssaal geführt. Sie war nach ihrer abgebrochenen Ausbildung psychisch krank geworden. Als sie ihre Medikamente nicht mehr nahm, hörte sie zunehmend Stimmen im Kopf. (© Andreas Zobe)

Bielefeld. Mindestens zwei Mordversuche werfen die Ermittlungsbehörden einer 23-jährigen Bielefelderin vor, die nach Überzeugung der Anklage im Februar und März zwei wartende Stadtbahn-Fahrgäste vor den einfahrenden Zug der Linie 2 an der Herforder Straße stoßen wollte. Beide hatten Glück und stürzten nicht vor die Bahn ins Gleisbett.

Nachdem ausführliche Observationen der Polizei am Tatort zwei Tage später zur Festnahme der psychisch kranken Frau geführt hatten, gab die junge Bielefelderin am Mittwoch zum Prozessbeginn vor dem Landgericht die Taten zu.

Zug war schneller als gedacht: Das rettete zwei Menschenleben

Die 23-Jährige, die laut psychiatrischem Gutachten an einer paranoid-halluzinatorischen Schizophrenie leidet, legte ein Geständnis ab. Über ihre Verteidigerin, Susanne Renner, ließ sie mitteilen, dass sie Erinnerungen an die Taten am 27. Februar und am 1. März an der Stadtbahnhaltestelle „Schillerstraße" habe. Sie habe damals ihre Medikamente nicht mehr genommen und dadurch immer öfter Stimmen gehört. Dadurch sei sie aus der Bahn geraten. Die 23-Jährige entschuldigte sich bei ihren Opfern und betonte, dass ihr die Taten, die der ermittelnde Staatsanwalt Christopher York als heimtückische Mordversuche einordnete, leid täten.
Tatort Herforder Straße: Zwischen dem Mülleimer und dem Ticketautomaten der Haltestelle Schillerstraße soll die 23-Jährige ihr erstes Opfer gestoßen haben. - © Andreas Zobe
Tatort Herforder Straße: Zwischen dem Mülleimer und dem Ticketautomaten der Haltestelle Schillerstraße soll die 23-Jährige ihr erstes Opfer gestoßen haben. (© Andreas Zobe)

Wie berichtet, wurde ein Student am Nachmittag des 27. Februars an der Schillerstraße nicht vor, sondern gegen die einfahrende Bahn geschubst. Der Bahnfahrer hatte den wuchtigen Stoß im Augenwinkel gesehen und sofort eine Notbremsung durchgeführt. Ein Dekra-Sachverständiger machte vor Gericht deutlich, dass nicht viel gefehlt hätte und der Student wäre ins Gleisbett gestürzt und dann von der Bahn überrollt worden. Doch der bremsende Zug war schneller als von der Beschuldigten vermutet. Dieser Umstand rettete zwei Männern das Leben.

Bis heute hat das Opfer Angst vor Menschenmengen

Der damals 21-Jährige prallte gegen die linke Front des Vamos-Zuges und erlitt dabei zwei große Platzwunden an der Stirn, einen Nasenbeinbruch und er verlor einen Teil eines Zahnes. Bis heute leide der Student unter dem Erlebnis, habe Angst vor Menschenmengen und gehe auch nicht mehr alleine aus, berichtete er vor Gericht. Die Entschuldigung der jungen Frau nahm er ohne weitere Regung zur Kenntnis.

Bei einem vergleichbaren Vorfall um 10.35 Uhr am 1. März – erneut am Hochbahnsteig „Schillerstraße" – hatte das zweite Opfer (26) mehr Glück. Der junge Mann wurde auch gegen – anstatt vor – die Bahn geschubst. Darüber hinaus blieb er aber selbst bei diesem Aufprall unverletzt.

Staatsanwalt: "Eine Gefahr für die Allgemeinheit"

Zeugen berichteten vor Gericht, wie die Frau zuvor ziemlich aufgeregt auf dem Bahnsteig umhergelaufen sei, dabei habe sie die Wartenden mit unangenehmen Blicken taxiert. Doch niemand ahnte, dass sie plötzlich von hinten und mit großer Wucht stoßen würde.

Aufgrund der krankheitsbedingten Schuldunfähigkeit der Beschuldigten muss die X. Strafkammer unter Vorsitz von Richter Christoph Meiring kein Hafturteil fällen, sondern die Frage erörtern, ob die 23-Jährige aufgrund ihrer seelischen Störung eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt. Staatsanwalt Christopher York beantragte eine Unterbringung der Patientin in einer geschlossenen forensischen Psychiatrie.

Die Stimmen schreien in ihrem Kopf

Psychiater Bernhard Bätz sprach davon, dass die 23-Jährige im November 2021 aufgehört habe, ihre Medikamente zu nehmen. Das hatte zusammen ihrem regelmäßigen Drogenkonsum zur Folge, dass sie immer öfter Stimmen gehört habe. „Diese Stimmen haben sie fertiggemacht", berichtet der Sachverständige.

Sie sei durch diese Stimmen handlungs- und sprechunfähig geworden. In den schlimmsten Phasen hätten diese Stimmen sie unentwegt angeschrien. Doch dann handelte sie doch. Sie schilderte Bätz folgende Erkenntnis in dieser Krise: „Ich habe gedacht, wenn ich die Opfer umbringe, hören die Stimmen auf." Warum sie das dachte, konnte sie nicht erklären. Und die Stimmen verschwanden auch nicht nach der Tat.

Vor Gericht machte die junge Frau, die von einer schwierigen Kindheit, Jahren im Heim, Drogen, Depressionen und mehreren Suizidversuchen berichtete, einen schüchternen und angespannten Eindruck. Seit ihrer Festnahme wird sie in der Forensik in Lippstadt-Eickelborn behandelt. So konnte sie den Fragen des Gerichts problemlos folgen und bestätigte auch, dass die vom Psychiater vorgetragenen Aussagen von ihr zuträfen.

Zweifel an dritter Tat: "Ich war nie an dieser Haltestelle"

Nur an einen Fall habe sie keinerlei Erinnerungen: Laut den Ermittlungsbehörden soll die 23-Jährige wenige Stunden vor dem letzten Mordversuch an der Schillerstraße noch ein „Attentat" zu verantworten haben. Gegen 7.35 Uhr des 1. März soll sie an der Haltestelle „Klinikum Mitte" vorgehabt haben, einen 40-jährigen Fahrgast vor die dort einfahrende Linie 4 zu stoßen.

Sie sei allerdings, so schilderte es der 40-jährige Zeuge, von diesem Plan zurückgetreten, als dieser die Frau bemerkte und sich ihr entgegenstellte. Sie sagte vor Gericht: „Ich war noch nie an dieser Haltestelle."

Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt.

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