Paderborner Studentin klagt wegen schlechter Note

Kein Einzelfall: Warum die Prüfungsordnung der Paderborner Wirtschaftswissenschaften geändert wurde

VON RALF T. MISCHER

Paderborner Studentin klagt wegen schlechter Note - © Paderborn
Paderborner Studentin klagt wegen schlechter Note (© Paderborn)

Düsseldorf/Paderborn. Cornelia Schmied (33) ist sauer. Auf ihren Professor. Auf die Universität Paderborn – und auf Bologna. Die Wirtschaftswissenschaftlerin hat in Bayern ihr Diplom gemacht, Note: 1,2. In Paderborn wollte sie noch den Master mit Schwerpunkt Marketing draufsetzen. Doch für ihre Arbeit an der Hochschule in der Bischofsstadt bekam sie nur eine 3,3. Dagegen zieht sie nun vor Gericht.

Schmied macht grobe formale Mängel bei der Begutachtung der Arbeit geltend. Mit der Universität Paderborn kommuniziert die junge Frau nur noch per Anwalt. Der heißt Sebastian Karl Müller und schüttelt angesichts der Prüfungspraxis vieler Hochschulen mit dem Kopf. "Im Hochschulgesetz NRW steht, dass bei der Begutachtung von Abschlussarbeiten das Vier-Augen-Prinzip gilt", weiß der Experte für Hochschulrecht. Doch viele Unis umgingen dieses Gebot. Müller zählt auf: Statt Professoren ließen sie studentische Hilfskräfte oder Doktoranden eine Arbeit begutachten. Statt von zwei Gutachtern würden Noten nur von einem vergeben.

Cornelia Schmied (33) aus Paderborn. - © FOTO: PRIVAT
Cornelia Schmied (33) aus Paderborn. (© FOTO: PRIVAT)

So geschehen auch bei der Masterarbeit von Schmied. Das wohl nicht nur versehentlich: Immerhin stand in der Prüfungsordnung der Paderborner Wirtschaftwissenschaftler bisher, dass der Betreuer die Arbeit zu begutachten habe – nur eine Person (§ 21 Absatz 2).
"Damit widerspricht die Uni gültigem Landesrecht", sagt Anwalt Müller. Alle Prüfungen, die von nur einem Gutachter benotet wurden, seien anfechtbar. Mittlerweile findet sich auf der Homepage der Fakultät ein Hinweis auf eine neue Prüfungsordnung, die in Zukunft zwei Gutachter vorsieht.

Auch die Arbeit von Schmied hat mittlerweile ein zweiter Gutachter benotet – sein Urteil fiel aber noch 0,4 Noten schlechter aus. Der Rechtsstreit vor dem Verwaltungsgericht Minden dauert deshalb an. Die Uni selbst möchte mit Verweis auf das laufende Verfahren keine Stellung zu dem Fall nehmen.

Studentenvertreter versichern, dass der Fall Schmied kein Einzelfall ist, und machen die Bologna-Reformen dafür verantwortlich. Sie sollten die Qualität der Betreuung an den Hochschulen verbessern. Tatsächlich habe sich jedoch mit der Einführung der Bachelor- und Master-Studiengänge nichts Wesentliches verbessert.

Erik Marquart, Mitglied der Bologna-AG im Freien Zusammenschluss von Studentenschaften (fzs), glaubt, dass Bologna zu einer "Verschulung und Mehrbelastung der Lehrenden" geführt hat. Der fzs vertritt die Interessen von 850.000 Studierenden an 80 Hochschulen. Überall im Land seien Lehrkräfte und Prüfer stark mit Bürokratie beschäftigt und könnten sich nicht um ihre eigentlichen Aufgaben kümmern.

Die Folge: Personalmangel, der dazu führe, dass sich die Betreuungssituation weiter verschlechtere – auch bei Abschlussarbeiten. "Prüfungen und Korrekturen können nicht mehr fachlich genau gemacht werden", sagt Marquart. Es sei seit Bologna durchaus üblich, "dass Prüfungen im gesamten Bundesgebiet formal falsch durchgeführt werden". Konkrete Zahlen oder Belege kann Marquart dafür nicht ins Feld führen. "Wenn sie mit der Note zufrieden sind, gehen Studenten damit nicht an die Öffentlichkeit – oft wissen sie auch gar nicht, dass Unis gegen Recht und Gesetz verstoßen", mutmaßt er.

Auch Schmied kritisiert ihre Betreuung: Sie sei im Vorfeld der Arbeit von einem ehemaligen Kommilitonen betreut worden, der gerade selbst erst seine Masterarbeit geschrieben hatte. "Deshalb lief alles schief", meint Schmied. Der Betreuung habe jede Richtung gefehlt, ein Leitfaden für die Arbeit sei nicht erstellt worden. Besonders sauer ist Schmied aber darüber, dass jene Abschnitte der Arbeit, die ihr Erstgutachter gelobt habe, nun vom Zweitgutachter verrissen würden.

Bei Wilhelm Achelpöhler, Rechtsanwalt in Münster, häufen sich in letzter Zeit Anfragen von Studenten, die gegen Prüfungsergebnisse vorgehen möchten. In seinen Augen ist das eine Folge des Bologna-Prozesses: "Heute gibt es für fast alle Seminare Credit-Points, sie sind also Teil der Prüfung." Bei jeder Prüfung, die das Gesamtergebnis beeinflusse, müsse das Vier-Augen-Prinzip gewahrt bleiben. "Viele Hochschulen sind darauf nicht im Ansatz vorbereitet."

Verstärken könnte sich das Problem noch, wenn der doppelte Abitur-Jahrgang die ersten Uni-Abschlüsse macht. Das Wissenschaftsministerium NRW sieht das aber nicht als Problem: "Da der doppelte Abiturjahrgang noch vor uns liegt, können wir nichts zu seiner Betreuungssituation sagen", so eine Sprecherin. Durch Mittel aus dem Hochschulpakt sollen aber vorsorglich zusätzliche Lehrkräfte eingestellt werden.

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