Mehr Hautkrebs, weniger Check-ups

Carolin Nieder-Entgelmeier

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An diesem Wochenende genießen viele Menschen in OWL die Sonne. Dabei sollten aber auch Sonnenanbeter auf ausreichend Schutz achten und die Mittagssonne meiden.  - © picture alliance / dpa
An diesem Wochenende genießen viele Menschen in OWL die Sonne. Dabei sollten aber auch Sonnenanbeter auf ausreichend Schutz achten und die Mittagssonne meiden.  (© picture alliance / dpa)

Minden. Blauer Himmel, hohe Temperaturen und Sonne satt. Seit wenigen Tagen herrscht in OWL wieder Sommer, wie ihn sich viele wünschen. Doch Sommer haben auch Schattenseiten, wie die steigende Zahl der Hautkrebsfälle zeigt. Seit 1970 hat sich die Zahl von Neuerkrankungen an schwarzem Hautkrebs in Deutschland verfünffacht.

Gleichzeitig nutzen immer weniger Menschen die Hautkrebs-Vorsorge. Wie gefährlich diese Kombination ist, erklärt der Mindener Dermatologe Rudolf Stadler.
Mit mehr als 220.000 Neuerkrankungen pro Jahr ist Hautkrebs die häufigste Krebserkrankung in Deutschland. Um bösartige Hautveränderungen möglichst frühzeitig zu entdecken, finanzieren Krankenkassen ab dem 35. Lebensjahr alle zwei Jahre ein Hautkrebs-Screening. Doch diese Möglichkeit nutzen immer weniger Menschen. Laut einer Untersuchung der Krankenkasse AOK Nordwest sind es in Westfalen-Lippe gerade mal 15,1 Prozent der Versicherten. Tendenz sinkend. Dermatologen raten jedoch dringend zur Vorsorge, da Hautkrebs gut heilbar ist, wenn er früh erkannt wird.

Dermatologe Rudolf Stadler aus Minden. - © MKK
Dermatologe Rudolf Stadler aus Minden. (© MKK)

Doch woran liegt das sinkende Interesse am Screening? „Offenbar schaffen wir es nicht, Menschen klar zu machen, wie wichtig Krebsvorsorge ist. In der Bevölkerung fehlt das Bewusstsein dafür, das Privileg der kostenlosen Hautkrebs-Vorsorge auch zu nutzen", sagt Stadler, Direktor der Klinik für Dermatologie am Universitätsklinikum Minden. „Proaktives Handeln ist vor allem im Bewusstsein des Bildungsbürgertums verankert, doch einen großen Teil der restlichen Bevölkerung erreichen wir nicht."

Dabei hat sich das Hautkrebs-Screening laut Stadler bewährt. „Es gibt Mediziner, die sagen, dass das Screening keine Wirkung zeigt, weil die Sterblichkeit nicht abgenommen hat. Doch das Argument hinkt, weil insgesamt ja mehr Menschen an Hautkrebs erkranken und durch die Vorsorge mehr Krebserkrankungen in frühen Stadien entdeckt werden." Durch die Prävention werden also mehr Menschen vor schweren Krankheitsverläufen geschützt, die Überlebenschancen steigen.

Wichtig ist nach Einschätzung Stadlers deshalb, Menschen so früh wie möglich für das Thema Sonnenschutz zu sensibilisieren. „In Australien steigt die Zahl der Hautkrebserkrankungen nicht mehr an, weil die Prävention wirkt. Dort werden bereits in Kitas und Schulen Kinder und Eltern darüber aufgeklärt, wie wichtig Sonnencreme, Kopfbedeckungen und lange Kleidung sind." Projekte dieser Art sind laut Stadler auch in Deutschland nötig, denn hier steigt die Zahl der Hautkrebserkrankungen weiter. „Die beiden vergangenen Ausnahmesommer zeigen, dass Reisen in sonnenreiche Regionen gar nicht mehr nötig sind, um die Haut nachhaltig zu schädigen."

Ältere Männer und jüngere Frauen

Besonders häufig von Hautkrebs betroffen sind laut Stadler zwei Gruppen: Ältere Männer und jüngere Frauen. „Aufgrund der alternden Gesellschaft steigt auch die Zahl der Hautkrebserkrankungen, doch zunehmend betroffen sind auch jüngere Generationen", erklärt Stadler. Verantwortlich dafür machen Experten das weit verbreitete Schönheitsideal gebräunter Haut. „Dieses ungesunde Ideal gilt bereits seit Jahrzehnten. Angefangen hat das in der Nachkriegszeit, als Familien Urlaub an sonnigen Küsten machten und sich mit Nussöl bräunten." Doch obwohl mittlerweile bekannt ist, welche Folgen Sonnenbäder haben, scheint das Schönheitsideal ungebrochen.

„Menschen gehen nach wie vor ins Solarium und nutzen jede Gelegenheit, um sich intensiv zu bräunen."
Dieses Verhalten beobachtet Stadler auch bei Senioren. „Viele überwintern in sonnenreichen Regionen wie Andalusien und haben so zwölf Monate des Jahres Sonne satt." Das Problem: „Sie verhalten sich nicht wie die native Bevölkerung, die zwischen 11 und 16 Uhr die Sonne meidet und stets mit langer Kleidung unterwegs ist. In Südeuropa beginnt das Leben erst nach 17 Uhr, doch deutsche Rentner liegen zu dieser Zeit bereits sieben Stunden am Strand."

Und das, obwohl Nordeuropäer aufgrund ihres hellen Hauttyps genetisch nicht für lange Aufenthalte in der Sonne ausgestattet sind. Die Folge: Je länger sich Menschen ungeschützt in der Sonne aufhalten, desto höher ist das Risiko, an Hautkrebs zu erkranken. „Die Haut hat ein Reparatursystem, das uns bis zu einem gewissen Maß vor Zellmutationen schützt. Doch irgendwann ist das Maß voll und Zellmutationen nehmen zu."

Stadler vergleicht das Verhalten von Sonnenanbetern mit der noch immer hohen Zahl an Rauchern in Deutschland. „Mittlerweile steht auf jeder Zigarettenschachtel, dass Rauchen tödlich sein kann. Trotzdem erreicht die Botschaft nicht alle."

Die steigende Zahl der Hautkrebserkrankungen belastet zudem nicht nur die Betroffenen selbst, sondern laut Stadler auch massiv Praxen und Kliniken. „Deutlich geworden ist das Problem zu Beginn der Coronakrise, als die Krankenhäuser Operationen abgesagt haben, um Kapazitäten für Covid-19-Patienten frei zu halten. In Minden mussten wir in der Hautklinik die Zahl der Betten von 60 auf 30 reduzieren." Insgesamt mussten in Deutschland als Folge der Pandemie nach Angaben der Deutschen Krebshilfe bislang mehr als 50.000 Krebsoperationen verschoben worden.

„Doch jede OP-Absage kann schwerwiegende Folgen haben, denn nach einer Krebsdiagnose muss gehandelt werden. Wenn schwarzer Hautkrebs nicht adäquat versorgt wird, besteht das Risiko, dass der Krebs erneut ausbricht", warnt Stadler. „Das hat für Patienten eine erneute Erkrankung und eine emotionale Achterbahnfahrt zur Folge."

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