Weißstörche brüten auf Mobilfunkmast in Verl - das wird zum Problem

Roland Thöring

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Ein junges Weißstorchenpaar hat für seine Kinderstube den Mobilfunkmast der Deutschen Telekom an der Sürenheider Straße gewählt. - © Roland Thöring
Ein junges Weißstorchenpaar hat für seine Kinderstube den Mobilfunkmast der Deutschen Telekom an der Sürenheider Straße gewählt. (© Roland Thöring)

Verl. Es ist gerade einmal neun Jahre her, da wurde die kreisweit erste Weißstorchenbrut in Rietberg geradezu gefeiert. Inzwischen hat man sich an den Anblick der einen Meter großen Schreitvögel hierzulande längst gewöhnt. In Verl zumal: Dass ein Weißstorch vom Flutlichtmast der Sportclub-Arena aus ein Heimspiel des SC Verl verfolgt, ist seit ein paar Jahren ein gewohntes Bild.

Und wenn sich die Jungtiere ausgangs des Sommers vor ihrem Flug in den Süden sammeln, sind auf den Wiesen rund um den Biohof von Ludger Bremehr mitunter mehr als ein Dutzend Vögel gleichzeitig bei der Nahrungssuche zu beobachten. Doch genau hier liegt das Problem: Zuletzt sind viele Jungtiere verhungert, weil das Nahrungsangebot in der Kulturlandschaft nicht für alle ausreicht. Und so genau weiß auch niemand, wie viele Weißstorchenpaare aktuell im Kreis zu Hause sind.

Störche gehören zu den gefährdeten Vögeln

„Sie nisten überall, in den umliegenden Bäumen und auf dem Dach unseres Wohnhauses“, sagt Bremehr. Wie viele es genau sind, dazu macht er keine Angaben. Nur so viel: „Die Zahl steigt jedes Jahr, obwohl wir nichts dafür tun.“ Schon ein Jahr vor dem Rietberger Weißstorchenpaar hatte eines auf seinem Hof erfolgreich gebrütet, hatte der Landwirt später öffentlich gemacht. 2012 waren es drei Paare wilder Störche, angezogen von den Zuchtstörchen, die er in einer Voliere hielt. In der Gemeinschaft fühlen sich die Vögel sicher, mit den Jahren wurden es immer mehr.

Doch während sich viele Menschen darüber freuen, dass Meister Adebar zurück ist, ist der auf der Roten Liste immer noch als „gefährdet“ geführte Vogel bei anderen nicht so gern gesehen. Es gibt Landwirte und Jäger, hat der Ornithologe Frank Püchel-Wieling von der Biologischen Station Bielefeld-Gütersloh bereits vor zwei Jahren festgestellt, für die seien die Störche ein rotes Tuch, weil sie angeblich andere schützenswerte Tiere auffressen würden – Kiebitze und Brachvögel-Küken beispielsweise. „Das wird behauptet, ohne dass man Belege hat“, sagt Püchel-Wieling. Auch Bremehr haben derlei Anwürfe vorsichtig werden lassen.

Von Nisthilfen wird abgeraten

Deshalb kennt sogar die Biologische Station Bielefeld-Gütersloh die Größe der Population auf dem Hof Bremehr nicht. Im übrigen Kreisgebiet zählten die Ornithologen im vergangenen Jahr 27 Brutpaare, sagt der Leiter der Biostation, Bernhard Walter. Damit habe sich diese Zahl innerhalb von nur vier Jahren verdoppelt: 2017 waren es 13. Allein auf dem Gebiet der Stadt Verl habe es im Jahr 2021 „sieben bis acht Brutpaare“ gegeben.

Bernhard Walter rät mittlerweile davon ab, zusätzliche Nisthilfen für die Weißstörche aufzustellen. In den vergangenen Jahren sei der Bruterfolg schlecht gewesen, oft habe nur eines von drei oder vier Küken überlebt. Laut Naturschutzbund Deutschland (NABU) beträgt der Tagesbedarf eines ausgewachsenen Weißstorchs 500 bis 700 Gramm Nahrung; dies entspricht ungefähr 16 Mäusen oder 500 bis 700 Regenwürmern. Pro Jungtier in seinem Nest muss der Altvogel zusätzlich 1.600 Gramm pro Tag herbeischleppen – da wird es in unserer von Äckern dominierten Landschaft eng.

Gewohnter Horst wird über Jahre genutzt

Störche nutzen ihren gewohnten Horst über Jahre immer wieder und gehen in dessen näherem Umfeld auf die Jagd. Jüngere Paare müssen sich etwas Neues suchen. Dafür wählen sie nicht unbedingt die von Menschen eigens bereitgestellten Nisthilfen. Seit ein paar Wochen kann, wer auf der Sürenheider Straße zwischen der Helfgerdsiedlung und dem Kreisverkehr an der Pfarrkirche unterwegs ist, auf dem dortigen Mobilfunkmast ein Storchenpaar bei der Brut beobachten. Ob diese in 30 Metern Höhe gelingt, ist ungewiss. „Oft wird es im ersten und zweiten Jahr noch nichts“, sagt Bernhard Walter.

Die Telekom-Tochterfirma Deutsche Funkturm (DFMG), die den Mast Ende 2019 gebaut und Mitte 2020 in Betrieb genommen hat, nimmt Rücksicht auf die Vögel. „Während der Brutzeit verschieben wir Wartungsarbeiten und besprechen gemeinsam mit der Naturschutzbehörde und den Storchenbeauftragten das weitere Vorgehen“, sagt Bruno Jacobfeuerborn, Vorsitzender der Geschäftsführung der DFMG. „So stellen wir sicher, dass weder die Mobilfunkversorgung, noch die Aufzucht des Nachwuchses gestört wird. Das sehen wir als Teil unserer ökologischen Verantwortung.“ Erst wenn die Störche im Laufe des Jahres ihr Nest verlassen haben, soll in Abstimmung mit den Behörden entschieden werden, ob der Horst zwischen den Mobilfunkantennen bleiben kann oder verlegt werden muss.

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