Simplicity-Autor Jiri Scherer: Menschen lieben einfache Produkte

Martin Hostert

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Jiri Scherer - © Privat
Jiri Scherer (© Privat)

Detmold. Weiter geht es mit der Reihe "Zukunftsperspektiven 2015" im Hangar 21. Am Dienstag, 15. September, ist der Schweizer Jiri Scherer zu Gast. Philosoph Dr. Wolfgang Gerent steuert den Live-Act der Akademie Denkflügel bei. Im LZ-Interview verrät Scherer, warum er keinen Filterkaffee mehr trinkt - und zeigt sich überzeugt: Die Welt wird komplizierter, also müssen wir die Arbeitsabläufe vereinfachen.

Wann haben Sie zuletzt ein Pfund Kaffee geöffnet, ohne zu krümeln?

Information
Persönlich

Jiri Scherer studierte Betriebswirtschaft und absolvierte einen Master of Advanced Studies in Innovation Engineering in Zürich. Er hat über zehn Jahre Erfahrung in der Moderation von Innovationsworkshops und mit Kreativitätsseminaren. Jiri Scherer ist Autor oder Co-Autor von sechs Büchern zu den Themen Kreativität, Innovation und "Simplicity" (Einfachheit, Schlichtheit). "Simplicity" ist sein Thema am Dienstag, 15. September, von 19 Uhr an im Hangar 21. Einlass ist um 18.30 Uhr. Tickets kosten ab 39,90 Euro.

Informationen und Buchung: www.lz.de/zukunftsperspektiven

Scherer: Versucht habe ich es früher oft. Ich bin dann aber auf ein System mit Kaffeekapseln gewechselt, weil ich das als einfacher erachte.

Warum verstehen die Entwickler es nicht, so ein einfaches Produkt wie eine Verpackung für Kaffee herzustellen - mit einem simplen Verschluss?

Scherer: Vielleicht, weil diese Verpackung schon immer so war und sie sich gar keine Alternative vorstellen können. Bis jemand anderes kommt, von der Konkurrenz, und das Ganze einfacher macht.

Dieses "einfacher machen" kann man lernen, sagen Sie. Ist das nach einem Wechsel des Kunden zu einem anderen Produkt nicht zu spät?

Scherer: Solange ihr Produkt immer noch gekauft wird, lernen die meisten es nicht. Dann sagen Sie: Ja gut, was soll ich ändern, vor allem warum? Der Druck steigt erst, wenn der Mitbewerber es ein bisschen anders, besser, macht.

Sie wollen diesen Unternehmen "einen Tritt geben", damit sie sich bewegen?

Scherer: Es gibt zu viele Schnittstellen in den Unternehmen, zu viele E-Mails, viel zu viele Abstimmungsgespräche. Die Leute dort müssten selber merken, dass die Welt eher komplizierter und weniger einfach wird. Viele Mitarbeiter und auch Kunden wünschen sich aber genau das.

Verraten Sie denn in Ihrem Vortrag, wie diese Bequemlichkeit zu überlisten ist?

Scherer: Erst mal geht es um etwas Anstrengung, dadurch soll es einfacher werden. Dann kommt die Bequemlichkeit.

Welche Tipps geben Sie hin zu mehr Einfachheit?

Scherer: 1.: Erkennen, dass Einfachheit zu erreichen nicht einfach ist, sondern anstrengend. 2.: Nicht die erstbeste Lösung ist die einfachste. 3.: Sich von anderen Branchen inspirieren lassen. Was kann ich lernen, wie verpacken andere Branchen ihre Produkte?

Das gilt fürs Arbeitsleben wie fürs Private?

Scherer: Wir diskutieren in Detmold nicht, wie ich eine Beziehung vereinfachen kann. Es geht an diesem Abend um Geschäftsmodelle, Arbeitsleben, um Optimierung von Produkten und Prozessen durch Vereinfachung. Denn wir wissen ja: Die Menschen lieben einfache Produkte und sind sogar bereit, mehr dafür zu bezahlen. Sehen sie sich beispielsweise die Produkte von Apple an.

Dann geht es also um Unternehmenskultur, darum, dass Mitarbeiter motiviert werden, einfacher zu denken?

Scherer: Absolut. Etwas Kompliziertes herzustellen, ist doch relativ einfach. Einfache Dinge zu produzieren, ist jedoch kompliziert. Das ist aber ein Differenzierungsmerkmal, eine Markenqualität. Und: Wenn der Mensch ein Produkt versteht, einfach anwenden kann, gibt ihm das ein gutes Gefühl.

Was sind denn die No-Gos, was geht gar nicht?

Scherer: In Italien musste ich am Geldautomaten neun Mal etwas drücken, bis endlich Geld rauskam.

Verzweifeln Sie daran oder lachen Sie darüber?

Scherer: Ich versuche dann, darüber zu lachen.

Wann verlernen wir die Einfachheit? Kinder bauen aus Ästen und Steinen einen Bauernhof.

Scherer: In der Schule und im Studium muss immer alles ganz korrekt sein. Der Nutzen der Einfachheit wird heute nicht mehr richtig gesehen. "Komplexität" hat einen positiven Klang, "Einfachheit" hört sich immer an wie "billig". Das ist schade, das Wort ist oft negativ besetzt.

Kann eine Lösung für etwas denn "zu" einfach sein?

Scherer: Dann ist es eben eine "zu" einfache Lösung. Gut! Der Verbraucher, der Kunde, kann etwas anwenden, das Produkt funktioniert.

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