Digitale Unternehmen müssen sich auf ältere Zielgruppe einstellen

Marianne Schwarzer

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Für Helmut Muthers ist die Generation der über 50-Jährigen nicht zu unterschätzen.  - © Hanna Berger
Für Helmut Muthers ist die Generation der über 50-Jährigen nicht zu unterschätzen.  (© Hanna Berger)

Kreis Lippe. „Tablets statt Tabletten", für Helmut Muthers ist die Digitalisierung längst bei den über 50-Jährigen angekommen. Der Mann, der „den Wackeldackel bei den Ohren packen will", ist in diesem Jahr der letzte Referent in der Veranstaltungsreihe „Zukunftsperspektiven" – am Dienstag, 26. Februar, im Hangar 21. Vorab sprach er mit der LZ.

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Karten für den Vortrag in Detmold gibt’s für 49,90 Euro in allen LZ-Geschäftsstellen und unter Tel. (05231) 911-113.
Alle weiteren Infos zur Reihe unter LZ.de/zukunftsperspektiven


Herr Muthers, was verstehen Sie unter Digitalisierung?

Helmut Muthers: Eine wirkliche Definition hat kaum jemand oder sie ist sehr technisch. Ich denke, es kommt auf die Perspektive an. Wenn Digitalisierung Smart Cities und Smart Homes bedeutet, dann kann das eine Erleichterung für ältere Menschen sein. Es gibt aber auch die negativen Auswirkungen, wie den ruppigen Ton in den sozialen Medien und die Angst vor Robotik und Datensammelei.

Inwiefern verbessert Digitalisierung die Lebensqualität älterer Menschen?

Muthers: Mein Schwiegervater zum Beispiel ist 86 und kauft sich alle drei Jahre das neueste Notebook. Im vergangenen Jahr hat er zum ersten Mal seinen Urlaub online gebucht. Leute wie er sind es, die beispielsweise vom Online-Handel profitieren können. Damit meine ich nicht Amazon, sondern den ortsansässigen Supermarkt, der nach einer Online-Bestellung die Lebensmittel nach Hause bringt.

Aber ist das nicht noch die große Ausnahme?

Muthers: Ganz und gar nicht. Die über 70-Jährigen sind heute zu 45 Prozent im Netz, die 60- bis 69-Jährigen sogar zu 79 Prozent, wie eine Studie vom vergangenen Jahr belegt. In wenigen Jahren sind alle online.

Und wie stellen sich Unternehmen auf diese Zielgruppe ein?

Muthers: Das wichtigste ist die Sprache: Ältere Leute wollen kein Fachchinesisch und keine Anglizismen. Aber wenn ein 70-Jähriger in einen Handyshop geht, um sich von einem 23-Jährigen ein Smartphone erklären zu lassen, haben die beiden spätestens nach zehn Sekunden ein Sprachproblem. Ältere Kunden kaufen aber nicht, wenn sie etwas nicht verstehen.

Es geht also um die Wortwahl?

Muthers: Ja, aber nicht nur. Es hat sich ein anderes Altersgefühl bei den Menschen entwickelt. Ein heute 65-Jähriger fühlt sich 10 bis 15 Jahre jünger, und so müssen Sie ihn auch ansprechen.

Also mit einer auf jugendlich getrimmten Sprache?

Muthers: Nein, aber mit Respekt. Wenn ich höre: „Speziell für Leute in Ihrem Alter haben wir ein Produkt", dann kriege ich Krätze. Und Bevormundungsorgien kann ich gar nicht leiden: „Wir tun das nur zu Ihrer Sicherheit." Das sind die ersten Schritt zur Entmündigung.

Ist aber doch vielleicht nur nett gemeint.

Muthers: Mag sein, aber nicht erbetene Hilfe ist Diebstahl von Selbstverantwortung. Darauf müssen Dienstleister, Verkäufer, Berater und Chefs unbedingt achten, auch wenn es um ältere Arbeitnehmer geht. Das fängt bei der Renteneintrittsgrenze an.

Wie meinen Sie das?

Muthers: Ich finde, dass jeder für sich am besten weiß, wie leistungsfähig er ist und wann der Ruhestand sinnvoll ist. Warum schickt man Leute mit 65 und früher in den Ruhestand, wenn die sich eigentlich noch – geistig und körperlich – fit fühlen? Also: Weg mit der Zwangspensionierung.

Aber lässt die Leistungsfähigkeit nicht tatsächlich mit dem Alter nach?

Muthers: Das ist ein Klischee, Sie werden keine Studie finden, die belegt, dass mit zunehmendem Alter die Produktivität sinkt, aber 100 Studien, die belegen, dass mit zunehmendem Alter die Leistungsfähigkeit steigt.

Ich bin erst knapp über 50, aber ich spüre schon jetzt das eine oder andere Zipperlein.

Muthers: Das mag sein, aber Ihr Know-how und Ihre Erfahrung wachsen. Und außerdem ist das nicht Ihr Problem: Ihr Arbeitgeber muss Sie so beschäftigen, dass Sie das Geld erwirtschaften, das Sie ihn kosten. Da gibt es ein riesiges Potenzial, mit dem sich auch der künftige Fachkräftemangel auffangen ließe. Firmen wie Bosch oder Otto holen schon seit vielen Jahren ihre Rentner wieder zurück.

Noch nicht angesprochen haben wir die Altersarmut.

Muthers: Da haben Sie recht. Die älteren Generationen sind nicht nur die einzige wachsende, sondern auch die durchschnittlich reichste Bevölkerungsgruppe. Was Durchschnitt bedeutet, wissen wir. Die Probleme der Altersarmut werden sich verschärfen, auch, weil nicht ausreichend junge Menschen da sind, die das System stützen könnten. In den nächsten 15 Jahren gehen rund 20 Millionen Babyboomer in Rente. Da fangen die großen Herausforderungen erst an.

Was ist zu tun?

Muthers: Ich habe zehn Jahre in Österreich gelebt und war als Selbstständiger im Rentensystem pflichtversichert, wie die Beamten. Ein behutsamer Weg dahin wäre auch bei uns ein sinnvoller erster Schritt. Da wünsche ich mir politisch mehr Mut.


Autor vieler Sachbücher

Die Digitalisierung 4.0 war in dieser Saison der Schwerpunkt in der Vortragsreihe „Zukunftsperspektiven", die von der Lippischen Landes-Zeitung und der Akademie Denkflügel gemeinsam mit der Kulturfabrik im Hangar 21, der Lippe Bildung eG , Beresa und Weidmüller, Vera Veggie und Liebharts Privatbrauerei präsentiert wird. Den Abschluss bestreitet Helmut Muthers am Dienstag, 26. Februar, ab 19 Uhr im Hangar. Sein Vortrag trägt den Titel „Tablets statt Tabletten."

Helmut Muthers ist Betriebswirt, ehemaliger Bankvorstand und erfolgreicher Bankensanierer. Er ist ehrenamtlicher Landes-Geschäftsführer Rheinland-Pfalz des Bundesverbandes Initiative 50plus e.V. Er arbeitet heute als Redner und ist Autor, Mitautor und Herausgeber von mehr als 20 Fach-und Hörbüchern, unter anderem von Business-Bestsellers wie „Mit 50 ist man alt genug", „30 Minuten Marketing 50+" und „Wettlauf um die Alten".

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