Rennfahrer aus Detmold hat 50 Jahre "im falschen Körper" gelebt

Dietmar Welle

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Mit dem Vornamen Dieter und dem Hausnamen Scholz brannte der leidenschaftliche Rennfahrer 44 Jahre lang sein Signum in den Asphalt. Der heute 64-Jährige hat sich entschlossen, sein wahres Naturell öffentlich zu machen. - © LZ
Mit dem Vornamen Dieter und dem Hausnamen Scholz brannte der leidenschaftliche Rennfahrer 44 Jahre lang sein Signum in den Asphalt. Der heute 64-Jährige hat sich entschlossen, sein wahres Naturell öffentlich zu machen. (© LZ)

Detmold. Mehr als 44 Jahre hat ein Mann namens Dieter Scholz die Rennsportszene weit über die Grenzen des Lipperlandes hinweg geprägt. Der Slalomfahrer, der sich auch einen Namen als Vorsitzender bei der Komba-Gewerkschaft und beim „dbb Lippe" gemacht hat, reihte einen Erfolg an den anderen, beherrschte seine Rivalen auf dem Asphalt und heimste unzählige Siege ein. Doch den größten persönlichen Erfolg feierte Scholz vor knapp anderthalb Jahren, als er den Mut fasste, aus seiner harten Männerrolle zu entfliehen: „Ich habe 50 Jahre in einem falschen Körper gelebt. Ich fühle mich wie eine Frau. Und so möchte ich auch weiterleben."

Der gleiche Mensch wie immer - nur in einer anderen Hülle

Scholz weiß, dass viele Wegbegleiter und vor allem seine Familie völlig überrascht waren von seiner Entwicklung. Scholz, der seit einiger Zeit als Ricarda Laura-Mareen mit seiner neuen Lebensgefährtin, deren neunjähriger Tochter sowie Kater Elvis und dem aus spanischem Tierasyl erlösten Kätzchen Lissy im Osten Sachsens wohnt, erklärt: „Ich habe mich in den letzten beiden Jahrzehnten immer mehr zur Frau entwickelt und jetzt bin ich es endlich. Der gleiche Mensch wie immer – nur in einer anderen Hülle. Und ob die Leute jetzt Ricarda, Laura oder Laura-Mareen sagen, ist mir völlig egal. Ich liebe diese Namen. Darum habe ich sie mir ausgesucht."

Schon längst ist es auch amtlich. Das Geschlecht wurde auf „weiblich" umgeschrieben und Scholz ist jetzt auch offiziell eine Frau nach richterlichem Beschluss vom 4. Juli 2017, nachdem das vorgeschriebene Verfahren durch unter anderem einen mindestens mehrjährigen Alltagstest und zwei unabhängige psychologische Gutachten durchlaufen war. Damit zog Scholz auch einen Schlussstrich unter ein jahrelang währendes Versteckspiel: „Ich habe eine Welt aufrecht erhalten, die nie für mich existierte." Vorbei ist die Zeit, in der der Detmolder versuchte, ein „normales Leben" zu führen, heiratete und einen Sohn zeugte.

So strahlt ein glücklicher Mensch: Ricarda Laura-Mareen Scholz in ihrem neuen Heim. Im Hintergrund die Trophäen der Vergangenheit. - © Ricarda Laura-Mareen Scholz
So strahlt ein glücklicher Mensch: Ricarda Laura-Mareen Scholz in ihrem neuen Heim. Im Hintergrund die Trophäen der Vergangenheit. (© Ricarda Laura-Mareen Scholz)

„Dazu kam der Motorsport, bei dem ich mich besonders männlich gegeben habe mit äußeren Attributen wie meinem Zwirbelbart als Markenzeichen. Damit habe ich gegen meine eigene Identität angekämpft. In den 50er- oder 60er-Jahren gab es ja noch den Paragraphen 175 im Strafgesetzbuch, der gleichgeschlechtliche Beziehungen verbot. Das steckte noch tief in mir drin. Und Transsexualität geht da ja sogar noch ein Stück weiter."

"Ich habe gegen meine wahre Identität gekämpft"

Doch gegen sich selbst anzugehen, das wollte Scholz nicht länger mitmachen, nachdem er mit 40 Jahren gespürt hatte: „So kann es nicht weitergehen. Ich habe gegen meine wahre Identität angekämpft und weiß heute, dass es falsch war, dass man diesen Kampf nur gewinnen kann, wenn man sich outet und so lebt, wie man sich fühlt. " Scholz begann, sich zu informieren und stellte letztlich fest: „Ich bin transsexuell." Peu à peu vollzog Dieter den Wandel hin zur Ricarda, trug, wann immer möglich, Frauensachen: „Das ist meine Kleidung."

In seiner Familie blieb der Wandel nicht unbemerkt. Scholz: „Irgendwann besprach ich die Situation dann mit meiner Frau und fand nach einiger Zeit auch Unterstützung. Etwa fünf Jahre haben nur sie und ich davon gewusst. Dann wurde 2012 der engste Kreis der Familie eingeweiht, die sich schon gewundert hatte, warum plötzlich der markante Bart verschwunden war." Scholz, der bis dahin schon über zehn Jahre Hormone genommen hatte, unterzog sich einer Brust-Operation im Jahr 2012, fuhr weiter fleißig Rennen – doch niemand bemerkte etwas, weil weite Hemden die Veränderung kaschierten.

"Ich will und kann mich nicht länger verstecken"

Scholz bewegte sich zunehmend in der Öffentlichkeit als Frau, aber eben nicht in seinem gewohnten Umfeld. „Damit ist jetzt Schluss, ich will und kann mich nicht länger verstecken", entschied sich Scholz Anfang 2017 endgültig für ein öffentliches Outing.

Dieser Entschluss wirkte wie eine Befreiung: „Ich weiß, dass es nicht alle Menschen akzeptieren werden, aber ich weiß, dass es die Menschen akzeptieren werden, die mich wirklich kennen und lieben – egal ob im erweiterten Familienkreis, bei meinen Freunden, im ehemaligen Beruf, ob im Gewerkschaftsbereich oder im Bereich des von mir so geliebten Motorsports. Speziell im Gewerkschaftsbereich bin ich aber zu tiefst enttäuscht worden von der Reaktion einiger Menschen, so dass ich mittlerweile aus der Komba Lippe ausgetreten bin."

Sport adieau, willkommen Zukunft

Scholz verließ Lippe und fühlt sich mittlerweile auch in anderen Landstrichen wohl: „Ich bin seit Jahren aktiv bei den ,TransSisters’ in Berlin, die eine lockere Gemeinschaft von rund 300 Menschen sind, die entweder transsexuell sind oder als Transvestit sich gerne mal in Frauensachen kleiden sowie deren Familien und natürlich auch Freunde."

In seiner neuen Funktion macht Scholz auch anderen Menschen Mut, ihren Weg zu gehen: „Transsexuelle – egal ob von Mann zu Frau oder von Frau zu Mann – sind einfach nur Menschen, die auch glücklich und zufrieden leben wollen. Helft uns dabei. Ich weiß, es ist ein schwieriger Weg – aber ich musste ihn endlich gehen und freue mich, dass meine Familie und alle, die es bisher wussten, versuchen, ihn mit mir zu gehen, auch wenn ich nicht mehr bei meiner früheren Familie wohne, sondern eine zweite hier in Sachsen gefunden habe. Aber natürlich komme ich alle zwei bis drei Monate ein paar Tage zum Familienbesuch nach Detmold und treffe mich immer wieder mit netten Menschen aus meinem ,früheren Leben’, die gespannt sind auf die Frau und durchweg positiv reagieren."

Die leidenschaftliche Begeisterung als Rennfahrer hat Scholz aufgegeben – eben auf dem Höhepunkt seiner Karriere nach 44 gewonnenen Meisterschaften und 1.234 errungenen Pokalen, die nach wie vor in seiner alten Heimat in Detmold stehen. Das ist ihm mehr als schwer gefallen nach so vielen Jahrzehnten hinter dem Steuer, den Benzingesprächen, den durchdrehenden Reifen und dem Kampf mit den Pylonen. Aber: Wer weiß wie lange noch? Denn zwei Teammitglieder seines DAG-Motorsport-Teams baggern und wollen mit der Teamchefin endlich wieder Rennen fahren.

Aber jetzt heißt es erst mal: Sport adieu, willkommen Zukunft, denn die Philosophie von Ricarda Laura-Mareen Scholz lautet heute: „Träume nicht Dein Leben, sondern lebe Deinen Traum."

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